Neuroplastizität: Die revolutionäre Erkenntnis, dass unser Gehirn veränderbar ist

Was ist Neuroplastizität ?

Jahrhunderte lang galt es als wissenschaftlich akzeptiert, dass unser Gehirn, sobald es einmal im Erwachsenenalter angekommen ist, nicht mehr formbar ist und das weitgehend keine neuen neuronalen Verbindungen mehr in unserem Gehirn entstehen. Dies hielt sehr lange an, bis die Wissenschaftler einen erstaunlichen Prozess namens Neuroplastizität entdeckten.

In den letzten Jahren wurden immer mehr über die sogenannte Neuroplastizität bekannt- die Fähigkeit des Gehirns sich den Umständen anzupassen und weiterzuentwickeln. Diese Fähigkeit führt auch dazu, dass unser Gehirn teilweise erstaunliche Selbstheilungskräfte entwickelt.

Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns sich selbst zu ändern. Das Präfix „neuro“ bezieht sich auf die Neuronen in unserem Gehirn- die Nervenzellen in unserem Hirn und Nervensystem. Und das Suffix „Plastizität“ meint, dass es veränderbar ist. Wir sind also in der Lage durch Gedanken und Übung unsere Gehirnstruktur zu beeinflussen und zu formen. Das Gehirn wird nicht nur anders geformt, sondern kann durch die Aktivierung bestimmter Bereiche wirklich an Volumen zunehmen und größer werden.

Diese Erkenntnis ist einer der revolutionären Durchbrüche der Wissenschaft gewesen und gibt Einblicke in das unglaubliche Potenzial des menschlichen Gehirns. Für viele hundert Jahre wäre dieser Prozess unvorstellbar gewesen, weil die Mainstream-Medizin und die Wissenschaft glaubten, dass die Gehirnanatomie fixiert ist. Ein neurologischer Nihilismus sozusagen- ein Gefühl, dass die Behandlung für viele Hirnprobleme unwirksam oder gar unmöglich ist, wurde durch Neuroplastizität widerlegt.

Eine Studie zur Entdeckung der Neuroplastizität

Londoner Wissenschaftler haben sich dieses harte Gedächtnistraining für ihre Hirnforschung zunutze gemacht. Sie fanden heraus, dass Taxifahrer in London einen unfassbaren Zuwachs von Neuronen im Hippocampus haben, da sie das komplexe Londoner Straßennetz auswendig kennen müssen. Das war einer der ersten Beweise dafür, dass auch das Gehirn von Erwachsenen sich noch zum Positiven ändern kann und es sogar jederzeit tut.

Die Wissenschaftler gehen auch davon aus, dass das Training die Verbindungen zwischen bestehenden Nervenzellen stärken kann. Das ist nicht nur ermutigend für die Idee des lebenslangen Lernens, sondern auch für die Reha nach Hirnverletzungen, heißt es im Bericht des Instituts für Neurologie am UCL.

Neurowissenschaft 101

Um zu verstehen, wie Neuroplastizität funktioniert, brauchen wir zwei kleine Einblicke in die Neurowissenschaft. Keine Angst: Wir können das Ganze in 3-4 Sätzen zusammenfassen.

Erkenntnis 1

Alle Handlungen sind das Ergebnis von elektrischen Impulsen, die an unseren Nervenfasern entlang geschickt werden. Um bei der Metapher zu bleiben: Grundsätzlich sind unsere Gehirne Bündel von Leitungen- genannt Neuronen, die durch Synapsen miteinander verbunden sind.

Wann auch immer du etwas tust, sendet dein Gehirn ein Signal durch diese Ketten von Nervenfasern zu deinen Muskeln. Jedes Mal, wenn du etwas übst, aktiviert sich eine anderer hoch spezifischer Schaltkreis . Die einfachste Fähigkeit -wie eine Kniebeuge -ist ein Prozess, in den Hundertausende von Fasern und Synapsen involviert sind.

Erkenntnis 2

Je mehr wir einen Schaltkreis für eine bestimmte Fähigkeit benutzen, desto weniger sind wir uns bewusst, dass wir ihn benutzen. Wir sind evolutionär darauf ausgelegt, um Fähigkeiten automatisch auszuführen. Je mehr unsere Fähigkeiten sich in unserem Unterbewusstsein festigen, desto besser konnten wir in prähistorischen Zeiten überleben, um vor einem Säbelzahntiger zu flüchten, der sich im Gebüsch versteckte.

Das Ganze schafft aber auch eine überzeugende Illusion: Eine Fertigkeit, die einmal gewonnen wurde, fühlt sich ganz natürlich an, als ob es etwas ist , das wir immer besessen haben. So glauben wir häufig, dass es eine Art Talent sein muss. In Wahrheit haben wir das Ganze jahrelang trainiert.

Neuroplastizität und Myelin

Früh auf meiner Suche nach dem Mythos des Talents wurde ich auf eine mikroskopisch kleine Substanz namens Myelin aufmerksam.

Dr. George Bartzokis, Professor für Neurologie behauptet sogar, dass Myelin der Schlüssel zum Sprechen, Lesen, Lernfähigkeiten und allgemein zur Menschlichkeit ist. Gerade zu revolutionär. Diese Revolution basiert auf drei einfachen Fakten.

(1) Jede menschliche Bewegung, jeder Gedanke und jedes Gefühl ist ein genau getimetes
elektrisches Signal, das durch eine Kette von Neuronen fließt - ein Kreislauf von Nervenfasern.

(2) Myelin ist die Isolierung, die diese Nervenfasern umgibt und die Signalstärke, Geschwindigkeit und Genauigkeit erhöht.

(3) Je häufiger wir eine bestimmte Übung ausführen , desto mehr Myelin umgibt diesen Kreislauf und desto stärker, schneller und fließend werden unsere Bewegungen und Gedanken.


Das heißt um gut in einem Sport, in der Meisterung eines Musikinstruments oder in Bezug auf die emotionale Meisterung zu werden, braucht es deshalb viel Zeit, weil viel Myelin gebildet werden muss.

Was machen gute Athleten, wenn sie trainieren? Sie senden präzise Impulse an die Neuronen, die das Signal geben, diesen Verbindung zu "myelinisieren".

Es erklärt die Komplexität der Welt mit einem einfachen, eleganten Mechanismus. Jede Fähigkeit dieser Welt ist eine Myelin-Isolierung, die neuronale Schaltungen verpackt und das wächst nach bestimmten Signalen.

So schafft Myelin jede Veränderung, die du in deinem Leben haben willst

Das, was du hier siehst, ist der Moment, an dem eine Fähigkeit geboren wird. Wenn die Neuronen feuern und die Nervenfasern mit Myelin umwickelt werden,wird Talent geboren. (Von R. Douglas Fields, "White Matter Matters", Scientific American (2008), S. 46.)

Jedes Mal, wenn wir ein Gitarren-Akkord üben, wird die Myelinschicht größer. Auch wenn häufig den Spruch hören, dass Übung den Meister macht, sodass es schon als Naturgesetz gilt, würden die genialsten Neurowissenschaftler vermutlich gerne eine kleine Änderung daran vornehmen: Die Wahrheit ist, die Übung macht Myelin, und Myelin macht den Meister.

1. Myelin ist nicht darauf ausgelegt, um auf vage Ideen zu antworten

1. Das Befeuern des Schaltkreises ist von größter Bedeutung. Myelin ist nicht darauf ausgelegt, um auf Wünsche oder vage Ideen oder Informationen zu antworten. Der Mechanismus ist eingebaut, um auf Handlungen zu antworten: die elektrischen Impulse, die die Nervenfasern entlang geschickt werden. Es reagiert auf Wiederholung.

2. Myelin ist universell.

Myelin weiß nicht, ob es benutzt wird, um Schach zu spielen oder der beste Verkäufer aller Zeiten zu werden. Unabhängig von seiner Verwendung wächst es nach den gleichen Regeln.

3. Myelin ist meritokratisch

Das heißt: Wenn du etwas leistest, wirst du im Gegenzug etwas bekommen. Nur wenn die richtigen Neuronen wiederholt zusammen feuern, wirst du die Fähigkeit lernen. Um es anders auszudrücken: egal, wer du bist - Myelin kümmert sich nur darum, was du tust.

4. Myelin umwickelt nur Fasern

Es löst diese Verbindungen aber nicht aktiv. Sobald ein neuronaler Schaltkreis integriert ist, wird er nicht so schnell wieder abgebaut (außer durch Alter oder Krankheit). Das ist der Grund, warum Gewohnheiten so schwer zu brechen sind. Der einzige Weg, um sie zu ändern, besteht darin, neue Gewohnheiten aufzubauen, indem neue Verhaltensweisen wiederholt und neue neuronale Verknüpfungen myelinisiert werden.

Diesen Prozess beschreibt Charles Duhigg in seinem Buch "Die Macht der Gewohnheit " eindrucksvoll, über das ich auch einen ausführlichen Blogbeitrag geschrieben habe.

Sobald wir die Anpassungsfähigkeit des Gehirns und des Körpers verstehen, beginnen wir über das menschliche Potenzial in einem ganz anderen Licht nachzudenken und es weist uns auf einen ganz anderen Lernansatz hin.

Neuroplastizität- Ein bekannter Prozess

Auf einer Ebene klingt das wie exotische Neurowissenschaft. Aber auf einer anderen Ebene ist Myelin ähnlich wie ein anderer entwickelter Mechanismus, den wir jeden Tag benutzen: Muskeln. Wenn du deine Muskeln auf eine gewisse Art benutzt, indem du versuchst, Dinge zu heben, die du kaum heben kannst, werden diese Muskeln immer stärker .

Wenn du deine Neuronen auf die richtige Art und Weise feuern lässt, indem du wiederholt schwierige Dinge tust und deinen Verstand und deinen Körper an die Grenze bringst, dann werden die neuronalen Verbindungen hinter deinen Fähigkeiten immer schneller und fließender reagieren.

Regionen, die wir häufiger benutzen erhalten mehr Blutfluss, da sie mehr Sauerstoff und Glukose benötigen. Es ist eine Art neuronaler Darwinismus- " das Überleben des am häufigsten Benutzen". Im Englischen sagt man so schön "use or lose it"- benutze es oder verliere es.

Wie sich Neuroplastizität in unserem Leben äußert und wie du diese gezielt erhöhen und fordern kannst

Neuroplastizität macht unser Gehirn extrem belastbar und ist der Prozess, durch den lebenslanges Lernen in unserem Gehirn stattfindet.

Erfahrungsbedingte Neuroplastizität

Neuroplastizität

Ich muss es einfach immer wieder betonen, weil ich von der Möglichkeit begeistert bin unser Gehirn nach unseren eigenen Vorstellungen formen zu können: Was auch immer wir wiederholt erfahren, denken und fühlen, erschafft langsam aber sicher eine neuronale Skulptur.

Im Englischen sagt man " Neurons that fire together wire together." Übersetzt: Neuronen, die zusammen feuern, verdrahten/verknüpfen sich auch. Tag für Tag bilden wir unser Gehirn durch intensives und wiederholtes Denken und Fühlen neue Strukturen. Andere nicht so aktive neuronale Pfade dagegen werden geschwächt. Diesen Prozess nennt man neuronalen Darwinismus - das Überleben der Beschäftigsten. Wenn wir diese neuronalen bahnen nicht trainieren, verlieren sie an Stärke, so wie auch ein Muskel an Stärke verliert, wenn er nicht trainiert wird.

Beispielsweise stärkt auch Meditation und Achtsamkeit gewisse Bereiche des Gehirns und findet damit auch immer mehr Anhänger, die mit Buddhismus und Spiritualität nichts am Hut haben. Die Datenlage ist einfach zu revolutionär um sie zu ignorieren.

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Auf der einen Seite passt sich dein Gehirn an, wenn du permanent in einem Zustand des Sorgens, des Stresses und der Selbstkritik verharrst, aber auf der anderen Seite wird dein Gehirn auch von Positivität, Dankbarkeit und Freude geformt und du kannst lernen eine optimistische Weltsicht, eine positive Stimmung und einen hohen Selbstwert zu entwickeln, wenn du das Gehirn positiv programmierst.

Das kulturell geformte Gehirn

Nicht nur das Gehirn formt die Kultur, sondern auch die Kultur formt massiv unsere Gehirne. Schließlich sind wir soziale Wesen.

Die sogenannten Sea Gypsies sind ein gutes Beispiel. Sie sind Nomaden, die in einer Gruppe von tropischen Inseln vor der Westküste Thailands leben. Als wandernder Wasserstamm, lernen sie zu schwimmen, bevor sie lernen zu gehen, und leben über die Hälfte ihres Lebens in Booten auf dem offenen Meer, wo sie oft geboren und sterben. Ihre Kinder tauchen hinunter, oft bis zu 9 Meter unter der Wasseroberfläche und das seit Jahrhunderten.

Sie lernen ihre Herzfrequenz zu senken, damit sie unter Wasser zweimal so lange, wie die meisten Schwimmer bleiben können- ohne Tauchausrüstung. Die sogenannten Sulus tauchen über 22 Meter nach Perlen.
Aber was unterscheidet diese Kinder außer dem Lungenvolumen? Sie können in diesen Tiefen trotzdem ohne Schutzbrille sehen. Anna Gislén, eine schwedische Forscherin, studierte die Fähigkeit der Sea Gypsies, Plakate unter Wasser zu lesen und fand, dass sie mehr als doppelt so geschickt waren, wie europäische Kinder.

Die Sea Gypsies lernen die Form ihrer Linsen zu kontrollieren und um 22 Prozent zu verengen. Normalerweise werden menschliche Pupillen reflexiv unter Wasser größer und Pupillenanpassung wurde als ein fester, angeborener Reflex betrachtet, der vom Gehirn und dem Nervensystem kontrolliert wurde.

Aber diese Fähigkeit ist nicht das Produkt einer einzigartigen genetischen Ausstattung, sondern das Ergebnis der Neuroplastiztät. Im Gegensatz zu Musikern, Taxifahrern und Meditationslehrern sind die Sea Gypsies eine ganze Kultur von Jägern und Sammlern auf dem offenen Meer, die alle unter Wasser sehen können. Das Geschenk ist Neuroplastizität des Gehirns, die uns erlaubt uns an eine breite Palette von Umgebungen anzupassen.

Die praktische Anwendung der Neuroplastizität

brain maps

Einer der bekanntesten Forscher zum Thema der Neuroplastizität ist Michael Merzenich und ist für seine Theorie der „Brain Maps" bekannt. Mit ihr hat er schon vielen Menschen dabei geholfen, ihre Denkfähigkeit zu verbessern, indem er bestimmte Bereiche ihres Gehirns auf der Basis der Neuroplastizität gezielt verbessert hat.

Die Brain Maps basieren auf einer Reihe aus den Neunzigern 1930 er Jahren von Dr. Penfield, der herausfand, dass bestimmte Bereiche des Gehirns mit bestimmten Bereichen des Körpers verknüpft sind und erstellte die ersten Brain Maps ( Landkarten des Gehirns).

Es zeigte sich beispielsweise, dass die Gehirnareale der Füße und Genitalien genau nebeneinander liegen, was vermutlich auch der Grund dafür ist, dass viele Menschen eher einen Fußfetisch als einen Ellebogenfetisch haben.

Merzenich fand bei der Beschäftigung mit diesen Brain Maps heraus, dass diese von Mensch zu Mensch differenzieren, sodass bei einigen Personen gewisse Gehirnareale mehr ausgeprägt sind. Und das Beste: Diese Areale sind nicht statisch, sondern verändern sich je Gebrauch. Die Areale, die wir häufig aktvieren stärken sich, während die anderen kleiner werden.

Neuroplastizität und Angststörungen

Neuroplastizität Angststörung

Sich zu sorgen und Angst zu haben ist ein ganz normaler und wichtiger Teil des Menschseins. Wie der Psychiater Jeffrey Schwartz rausgefunden hat, kann es aber bei Fehlern oder Unsicherheiten und den damit einhergehenden negativen Gefühlen auch zu Angststörung kommen.

So wird aus der Angst nachts durch eine dunkle Nebenstraße zu laufen, die vollkommen rational ist, eine Angst überhaupt das Haus zu verlassen, was für die sozialen Bedürfnisse alle andere als hilfreich ist und nicht unterschätzt werden sollte.

Bei gesunden Menschen funktioniert das nach dem Prinzip: Problem erkannt, Problem verbannt, weil, sobald wir eine Lösung finden die Angst verschwindet. Das ist bei Menschen mit Angststörungen nicht der Fall.

Zum Glück können auch hier die Erkenntnisse der Neuroplastizität ganz neue Therapiemöglichkeiten bieten. Das Prinzip dahinter ist simpel, aber effektiv: Sofort wenn die Angst zuschlägt, müssen die Patienten etwas tun, das eine positive Emotion in ihnen hervorruft, wie ihr Lieblingslied hören, zum Sport gehen oder sich von ihrem Partner umarmen lassen.

So konditionieren die Patienten sich selbst ihre Angststörungen in den Griff zu bekommen, indem sie neue neuronale Strukturen bilden. Das ähnelt dem Prozess der neuroassoziativen Kondtionierung, von dem ich bereits in diesem Beitrag gesprochen habe:

Wie du die Angst vor Einsamkeit überwindest – eine Fallstudie zur emotionalen Meisterung

Neuroplastizität und Phantomschmerzen

Von Phantomschmerzen spricht man, jemand einen Körperteil (z.B. ein Bein) verloren hat, aber trotzdem in diesem Körperteil noch Schmerzen empfindet. Jahrelang hatten die Ärzte keine Lösung für dieses Phänomen. Verständlich! Wie soll es möglich sein in einem nicht vorhandenen Körperteil Schmerzen zu empfinden?

Auch hier kann die Neuroplastizität wieder helfen. Der Neurochirurg V.S. Ramachandran war der erste, der den Durchbruch schaffte. Seine Überlegung war, dass die verlorenen Körperteil auf Signale der Gehirnareale warten. Um es unwissenschaftlich, aber verständlich auszudrücken: Diese Areale beginnen schließlich sich die Signale „auszudenken“ und eine Illusion zu schaffen.

Der Neurochirurg beschloss diese Illusion mit einer anderen Illusion zu bekämpfen, indem er eine Spiegelbox entwickelte, die das Gehirn einer Illusion aussetzt. Einer der ersten Versuchskaninchen war ein Mann, der bei einem Motorradunfall einen Arm verloren hatte und aufgrund der Schmerzen sogar an Suizid dachte.

Sobald der Motorradfahrer aber in die Box eintrat, spielte seine Wahrnehmung ihm einen Streich, sodass sein Gehirn durch das Spiegelbild glaubte, dass sein Arm noch intakt sei. Das Verrückte: In der Box waren seine Phantomschmerzen verschwunden und nach einigen Sitzungen sogar ganz ausgelöscht- das alles mit etwas Hilfe der Neuroplastizität.

Neuroplastizität steigern durch Musik und Sport - oder zumindest die Vorstellung davon

Die Forschung zur Neuroplastizität hat uns aber nicht nur wertvolle Einsichten gegeben, was unsere Gesundheit betrifft, sondern sie kann Muskeln stärken und Klavierspielen beibringen, ohne dass wir sie trainieren. Ich weiß, dass sich das, wie ein wildes Versprechen anhört, aber das ist tatsächlich wissenschaftlich belegt.

Alvaro Pacual-Leone von der Harvard Medical School konnte in einem Experiment ( Pascual-Leone A.: The Brain that Plays Music and is Changed by It. In, Zatorre R and Peretz I (ed) Music and the Brain. New York Academy of Sciences (2001).)
nachweisen, dass wir allein durch unsere Vorstellungskraft enorme Fortschritte in verschiedenen Bereichen machen können. Die Probanden wollten alle gerne Klavier spielen lernen, aber hatten noch vorher gespielt. Was tat er?
Er teilte sie in zwei Gruppen ein. Während die eine Gruppe tatsächlich zwei Stunden pro Tag an fünf Tagen pro Woche übte, fasste die andere Gruppe das Piano nicht an, sondern sich lediglich vorstellen, wie sie ein bestimmtes Stück spielen müssten. Von beiden Gruppen wurden zuvor, während des Spielens und nach dem Experiment sogenannte Brain Maps erstellt.

Wenn ich die Studien nicht gelesen hätte, könnte ich es selbst kaum glauben, aber die beiden Gruppen konnten am Ende das Stück, als sie es vorspielen sollten, fast exakt gleich gut spielen. Die entsprechenden Hirnstrukturen hatten sich auf die gleiche Weise heraus gebildet.

Das Gleiche gilt übrigens auch für unsere Muskeln. Wir können diese durch reine Vorstellungskraft stärken. Auch das wurde in ein Experiment nachgewiesen. Am Ende hatten die Probanden, die sich tatsächlich bewegt hatten ihre Muskulatur um 30% gesteigert, während diejenigen, die sich die Bewegung nur möglichst realistisch vorgestellt hatten immerhin 22% Zuwachs hatten.

Psychotherapie und Neuroplastizität

psychotherapie

Auch wenn Psychoanalyse und Psychotherapie von einigen Menschen für unwirksam gehalten wird, weil sie denken, dass die Patienten nur auf einem Sofa liegen und stundenlang über ihre Kindheitstraumata und ihre sexuellen Wünsche im Freudschen Sinne sprechen müssen. Aber je mehr Daten wir über Neuroplastizität sammeln, desto zeigt sich, dass Freud vieles über das menschliche Gehirn schon unterbewusst erahnt hat.

Er ging davon aus, dass Assoziationen und Verbindungen entstehen wenn zwei Neuronen gleichzeitig feuern. Darauf baut zum großen Teil auch Psychotherapie auf.

Freud hatte damals nicht ganz Unrecht, dass negative Erinnerungen und erlerntes Verhalten durchaus verändert werden könnte, indem wir diese mithilfe von Neuroplastitizität im Gehirn überschreiben. Damit hilft die Psychotherapie vielen Menschen mit ihren Problemen umzugehen und das Gehirn dann mittels der Neuroplastizität zu programmieren, so dass die Patienten weniger Ängste oder andere negative Gefühle mit einer bestimmten Erinnerung neuronal verknüpfen.

Wenn du weiteres Interesse daran hast zu lernen, wie du dein Gehirn positiv "programmieren" kannst, sieh dir diesen Beitrag von mir an:

Wie du dein Gehirn durch die H-E-A-L- Methode positiv programmieren kannst

Alzheimer und Demenz vorbeugen durch Neuroplastizität

Demenz Neuroplastizität

Es ist wahr, dass Neuroplastizität bei Kindern besonders stark ausgeprägt ist und später immer Alter weiter abnimmt, aber verschwindet nie ganz und mit entsprechendem Training können wir unser Gehirn für sehr lange Zeit davor schützen und auch Krankheiten wie Demenz und Alzheimer vorbeugen.

Die Wissenschaft erkennt heutzutage die Rolle des Gehirns in diesem Prozess an. Stammzellen dagegen altern und haben zudem die Fähigkeit sich unendlich oft zu replizieren, sodass diese Fähigkeit bis zu unserem Tod nicht verloren geht.

Klingt trotzdem erst einmal langweilig, oder? Zumindest bis wir uns die Ausmaße bewusst machen. Meiner Meinung nach ist die Entdeckung fast revolutionär, weil das bedeutet, dass wir selbst dafür sorgen können, dass wir unser Gehirn jung bleibt.

Wie machen wir das? In dem wir uns einer neuen Umgebung, neuen Erfahrungen und neuen Stimuli aussetzen. Mach dir bitte einmal die Ausmaße bewusst: Wir können Krankheiten wie Alzheimer und Demenz entgegenwirken, indem wir meditieren, eine neue Sprache lernen, uns mit neuen Fähigkeiten, Aufgabenfeldern und Themen beschäftigen und uns beim Sport bewegen , weil unser Gehirn dadurch besser mit Sauerstoff versorgt und dadurch Neuroplastizität erleichtert wird.

Eines der ersten Tierexperimente wurde von Mark Rosenzweig (University Berekeley ) durchgeführt. Bei diesem Experiment teilte er die Laborratten in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe musste in einer sehr langweiligen und eintönigen Umgebung auskommen, während die andere sich in einer Umgebung mit regelmäßigen Abwechslungen und Herausforderungen aufhielt.

Das Ergebnis war hochgradig interessant: Die Ratten mit der spannenderen Umgebung bildeten mehr Neurotransmitter, was vereinfacht und unwissenschaftlich gesagt, bedeutet, dass sie bessere Denkern. Ähnlich wie bei den Ratten können auch wir durch Umgebungen und Aktivitäten, die uns geistig herausfordern und anregen, dafür sorgen, dass sich bestimmte Strukturen in unserem Gehirn positiv verändern.

Weitere Bücher, Studien und Ressourcen zur Neuroplastizität

Bücher über Neuroplastiziät

Neuroplastizität des gehirns- Neustart im Gehirn Norman Doidge:





Auswahl einiger der erwähnten Studien über Neuroplastiziät

Merzenich M. M., Tallal P., Peterson B., Miller S. and Jenkins W. M.: Some neurological principles relevant to the origins of—and the cortical plasticity-based remediation of—developmental language impairments. In J. Grafman and Y. Christen, eds., Neuronal plasticity: Building a bridge from the laboratory to the clinic. Berlin: Springer-Verlag, 169–87., 1999
Renner M. J. and Rosenzweig M. R. , 1987, 54–59.
Rosenzweig M. R. 1996: Aspects of the search for neural mechanisms of memory. Annual Review of Psychology, 47:1–32.
Pascual-Leone A.: The Brain that Plays Music and is Changed by It. In, Zatorre R and Peretz I (ed) Music and the Brain. New York Academy of Sciences (2001).
Penfield W. and Rasmussen T.: The cerebral cortex of man. New York: Macmillan, 1950

1 Comment

  1. […] Gehirn aktiv neu programmieren kannst. Kurz gesagt: Wenn du Überzeugungen änderst du mithilfe der Neuroplastizität echte, physische Veränderung in deinem […]

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