Die psychologischen Kosten der Selbsttäuschung: Warum Pinocchio uns tiefe Einblick in die menschliche Psyche geben kann

Die Geschichte von Pinocchio beschreibt die Umwandlung einer mechanischen Marionette in einen echten Jungen. „Pinocchio“ erschien 1883 und ist meiner Meinung nach die dunkelste Geschichte, die Walt Disney jemals erzählt hat. Ich will dir in diesem Beitrag zeigen,dass Pinocchio eine tiefe Bedeutung hat, die uns nicht immer bewusst ist. Trotzdem verbreitet sich diese Geschichte seit Hunderten von Jahren, weil es um uns geht- uns und unser Verhältnis zu Welt, die selbst auferlegte Opferrolle und die massiven Kosten der Selbsttäuschung.

Wir sehen die Welt durch eine Linse von selbst erzählten Geschichten und durch Filme und Helden, an denen wir uns orientieren, bekommen wir Hinweise, wie wir in der Welt handeln sollten. Das ist ein extrem kompliziertes Problem. Es geht nicht nur, darum wie du den heutigen Tag überlebst, sondern die nächsten 50 Jahre ohne von der Kultur ausgestoßen zu werden, aber auch ohne dich und deine eigenen Werte zu verraten.

Im Buch "The Hero With a Thousand Faces" redet Joseph Campbell von dem Geheimnis hinter der Heldenreise. Hinter der Heldenreise steht ein universeller Archetyp von Mensch, der in allen menschlichen Kulturen gleich ist. Schon der Name des Buchs verrät , dass es sich um einen Helden mit 1000 Gesichtern handelt. In jeder Kultur gibt es verschiedene leichte Abwandlungen der Geschichte, aber die Grundgeschichte dahinter ist identisch.

Wir als Menschen teilen alle unterbewusst bestimmte, mentale Modelle für das Leben und dessen Erfahrung. So auch das Modell der Heldenreise. Diese Existenz hinter diesem universellen Archetypen erklärt, warum wir alle dieselben Geschichten lieben und in der ganzen Welt teilen- unabhängig von unser Kultur. Auch Pinocchio fällt unter das Muster der Heldenreise. Die Heldenreise gibt den Menschen seit Hunderten von Generationen einen Rahmen und räsoniert ganz tief mit deiner Psyche.

Pinocchio,Selbsttäuschung und die Vergnügungsinsel

Pinocchio Vergnügungsinsel

Eine Schlüsselszene ist , als Pinocchio vom bösen Kutscher getrieben, die Vergnügungsinsel betritt. Mit seinen Bergen von Eis und Pavillons voller Süßigkeiten wird die Vergnügungsinsel als ein Freizeitpark angepriesen, der der Traum eines jeden Kindes ist. Auf der Vergnügungsinsel können die Jungs alles tun, was sie wollen: Rauchen, Alkohol trinken, kämpfen, den Ort zerstören und ihren Trieben freien Lauf lassen. Auf der Insel sind sie auch frei vom Gesetz und allen Erwachsenen, die sie davon abhalten könnten, böse zu sein.

Es ist ein Ort der materialistischen Freuden -ohne Moral und Wissen.

Leider entpuppt sich dieser Traum später als Alptraum. Sobald die Jungen genug Zeit hatten, um ihren Trieben freien Lauf zu lassen, werden sie in Esel verwandelt, um für die Arbeit in den Salzbergwerken verkauft zu werden. Der Esel ist auch bei uns in der Kultur ein Symbol für Stumpfheit.

Aber wie konnte es soweit kommen? Der Fuchs verführt ihn, indem er ihm weismacht, dass er krank sei und deshalb keine Verantwortung übernehmen muss und nicht zur Schule gehen muss. Wie wir alle, ist auch Pinocchio nicht immun gegen Ausreden das zu tun, was er tun soll. Deshalb folgt er dem Fuchs auf die Vergnügungsinsel und gibt sich der Opferrolle als kranker Junge hin. Das ist der Beginn der Selbsttäuschung.

Blinder Hedonismus ist eine Form der Selbsttäuschung

Wenn wir uns vorspielen, dass das Leben immer nur rosarot ist und nie etwas passiert, das Schmerz in uns schafft, verdrängen wir Probleme. Und was passiert mit Problemen, die wir verdrängen. Sie wachsen ins Unermessliche. Genau wie Pinocchios Nase, wenn er wieder einmal zu einer Selbstlüge neigt. Später mehr dazu.

dukkha

Moderne Menschen sind häufig materialistisch. Und da ist ein gewisser Nutzen, aber dadurch sind wir auch geblendet in Bezug auf bestimmte Dinge. Wir bemerken nicht, dass die grundlegenden Bestandteile unserer eigenen Wirklichkeit nicht materiell sind. Sie sind emotional. Und so haben wir absolut keine materialistische Erklärung für Schmerz und Leiden.

Die meisten Religionen haben erkannt, dass Schmerz ein integraler Teil unseres Lebens ist: Die Buddhisten sagen, dass das Leben dukkha ist - ein Hauch von Unzufriedenheit schwingt immer mit.

Und natürlich im Christentum ist das zentrale Symbol das Kruzifix, das in keiner Weise ein positives Symbol ist, Es ist ein Symbol des Verrats von Freunden, der Opposition vom Staat und der tödlichen Verwundbarkeit. Es ist eine symbolische Darstellung der Idee, dass das Leben auch mit Schmerzen verbunden ist.

Und ich nehme an, dass eine moderne Person dazu neigen würde, das als einen sehr pessimistischen Anspruch zu betrachten. Aber ich habe gefunden, dass es für viele Leute eine Erleichterung ist zu erfahren, dass wir alle emotionalen Schmerz empfinden und nicht etwas mit ihnen falsch ist.

Das ist der Preis, den wir dafür bezahlen, überhaupt leben zu dürfen und Bewusstsein zu haben. Nämlich gerade durch den Kontrast schätzen wir unser Leben und die guten, positiven Emotionen deutlich mehr. Genug philosophiert- zurück zum Thema.

Also, was ist das Problem mit dem Leiden? Leiden sorgt dafür, dass die Menschen die Gültigkeit und den Wert des Lebens in Frage stellen. Wenn dir etwas Schreckliches passiert, wirst du dich fragen, warum du? Das ist sicher. Nicht umsonst ist das berühmteste Shakespearezitat: "Sein oder nicht sein?"

Wenn jemand heute auf der Bühne steht und sagt: "Der Sinn des Lebens ist es, glücklich zu sein." dann könntest du das halbwegs tröstlich finden, aber es gibt keine Chance, dass du es wirklich glaubst, wenn du schon einige Zeit hier auf der Erde gelebt hast, weil es Zeiten gibt, in denen das Glück nicht dein Zustand ist. Und so muss es mehr im Leben geben als das Vergnügen in das Pinocchio sich flüchtet, um den Unbequemlichkeiten der Realität zu entgehen.

Alexander Solzhenitsyn und volle Verantwortung

Alexander Solzhenitsyn

Alexander Solzhenitsyn, der das Buch The Gulag Archipel schrieb, das eine der Achsen war , die den kommunistische Utopismus der Sovjetunion stürzte, sagte der Gedanke, dass die Menschen zum Glück gemacht werden eine Philosophie ist, die besonders schrecklichen Situation nicht standhält. Er ist überaus qualifiziert darüber zu sprechen, weil er von bösartigen Utopisten versklavt wurde.

Die Idee, dass du für das Glück gemacht wurdest, wird unter diesen Umständen nicht viel Komfort bringen. Er aber hat nach dem Sinn in Leiden gesucht und noch wichtiger: Er hat volle Verantwortung übernommen. Er war sicher nicht Schuld an den Grausamkeiten des Kommunismus , aber fragte sich in seiner Gefangenschaft, wie er dazu beigetragen hat in dieser Situation zu sein.

Ich weiß: Es ist verrückt in einer grausamen Gefangenschaft darüber nachzudenken, aber er kam zu dem Ergebnis, dass es im Verlauf seines Lebens immer wieder kleine Taten waren, wo er die Verantwortung von sich weggeschoben hat und sich nicht gegen die Entwicklung des Kommunismus gestellt hat, bevor es zu spät war. Später schrieb er zahlreiche Bücher, die laut der Meinung vieler Historiker einer der Gründe für den Fall des Kommunismus war.

Auch wenn wir manchmal glauben, dass unsere kleinen Handlungen keine Auswirkung haben, bestimmen wir mit jeder Handlung im kleinen Maße die Richtung der Welt. Machen wir sie grausamer oder besser und friedvoller. Das gilt auch für unser Leben. Drücken wir uns vor der Verantwortung und verdrängen das Problem oder stellen wir uns der Sache, bekämpfen sie am Ursprung und erschaffen damit ein bedeutsames Leben für uns.

Prinz Pi nimmt mir an dieser Stelle die Worte aus dem Mund:

Es klingt kontrainutiv, weil es uns niemals erzählt wird, aber meiner Meinung nach, hängt die Bedeutung und der Sinn, den wir unserem Leben erfahren zum großen Teil mit unser Bereitschaft zusammen radikale Verantwortung zu übernehmen.

Du kennst es auch aus eigener Erfahrung. Wenn du dich für etwas eingesetzt hast, das dir etwas bedeutet hat oder du wirklich in etwas vertieft bist, ist es egal, wie schmerzvoll oder anstrengend es ist. Es ist den Schmerz wert, weil du eine Bedeutung daran finden kannst. Die wichtigste Gewohnheit der Welt ist meiner Meinung nach deshalb, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.

Kein modernes Problem

Diabolos ist das antike, altgriechische Wort für Teufel. Wortwörtlich heißt es: Derjenige, der Schwierigkeiten / Widerstände in den Weg legt.

Oft ist es einfach uns vorzustellen, dass es da einen Kerl mit Hörnern gibt, der uns Schwierigkeiten bereitet anstatt zu realisieren, dass wir uns häufig selbst im Weg stehen.

teufel

Verantwortung zu übernehmen erfordert Mut, denn die Person, die Verantwortung übernimmt, hat sehr wahrscheinlich Angst. Ganz natürlich ! Diese Angst wird sich in vielerlei Hinsicht manifestieren: Angst vor Scham , Angst vor Versagen, Angst vor Schmerzen.
Solche Ängste sind ganz natürlich und sind ein Beweis dafür, dass du dich für das Richtige anstatt für das Einfache bzw. Bequeme entschieden hast. Jede würdige Herausforderung wird einige Angst hervorrufen.

Während Angst oft dein Freund sein kann, sind Ausreden fast immer dein Feind. Angesichts einer Wahl zwischen harter Aktion und leichten Entschuldigungen, wählen die Menschen oft die Ausrede. Du weißt das. Ich weiß das.

Eine Entschuldigung und Ausrede beginnt als Schutzmaßnahme. Es schützt uns vor Schmerzen, rettet unseren Stolz, hält unser Ego auf dem gleichen Level und erlaubt uns, die brutale Wahrheit zu verdecken. Das fühlt sich anfangs wie eine Erleichterung an. Wir vermieden den Schmerz.

Das Problem daran Ausreden zu finden und die Verantwortung abzugeben, ist es, dass wir damit gleichzeitig unsere Kontrolle abgeben. Wenn wir anderen Menschen, den Umständen oder dem bösen Schicksal die Schuld geben, geben wir diesen Dingen gleichzeitig die Kontrolle.

Wenn wir diese Geschichte glauben, werden wir zum Sklaven der äußeren Umstände, weil angeblich nichts mehr im Feld unser Kontrolle liegt.

Sobald wir aber sagen: "Ich bin verantwortlich für. . . " übernehmen wir nicht nur die Kontrolle für die Situation, sondern auch über die Situation. Nur Probleme, denen wir uns annehmen und die wir akzeptieren, können wir lösen.

Die gefährliche Alternative der vollen Verantwortung: die Opferrolle

Opferrolle

Zuerst eine kleine Geschichte, um dir die Schwierigkeit zu verdeutlichen:

Eine Frau ging in ein Zen-Kloster. Sie war so begeistert, dort zu sein - so ein heiliger Ort, ein Ort der Erleuchtung. Auf dem Weg zur ersten Meditationssession ging sie aufmerksam die Stufen der Meditationshalle hoch. Als sie vor dem Eingang stand, bemerkte sie etwas Schockierendes. Dort, an der Spitze der Stufen, war ein Eimer mit schmutzigem Waschwasser und einem Mop, der aus den düsteren Tiefen herausragte.

"Das ist ekelhaft!", rief sie entsetzt und ging hinein, um zu meditieren. Am nächsten Morgen war der Eimer noch da. "Warum räumt den denn niemand weg?", murmelte sie und ging hinein, um zu meditieren. Am nächsten Morgen- der gleiche Eimer. Sie rief: "Das kann ich nicht glauben! Das ist lächerlich. Jemand sollte etwas tun! "und ging wieder am Eimer vorbei. Am vierten Morgen sah sie den Eimer an und dachte: "Ich bin jemand" und nahm ihn weg und säuberte ihn.

Was will ich dir verdeutlichen?

Viele Menschen gehen durch das Leben mit der Einstellung: "Ich leide, also bin ich." Wir identifizieren uns mit unseren Problemen und glauben, dass wir die Probleme sind. Es ist fast so, als ob wir fühlen, dass sie unsere Existenz rechtfertigen. Wir identifizieren uns auch mit unserem selbst geschaffenen Leiden. Wir werden so versiert, dass wir die Person mit einem besonderen Problem sind, diejenigen, die vom Schicksal gestraft worden.

Das wird zu unser Identität und der unbewusste Denkprozess lautet: Wenn mir jemand die Opferrolle und die damit zugehörige Aufmerksamkeit wegnimmt, was bleibt dann noch? Wir Menschen tun alles, um positive Emotionen zu empfinden und Schmerzen zu vermeiden. Einigen Menschen gibt die Opferrolle mehr Freude als Schmerz, weil sie in dieser Opferblase geschützt sind von der Verantwortung der Welt. Und ich gebe zu: Es ist absolut nicht einfach seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wenn es so scheint, als hätte dich die Welt gegen dich verschworen.

Die Alternative ist jedoch eine hilflose Opferrolle, die dich zerfrisst. Ich bin mir sicher, dass das nicht auf alle zutrifft, aber kannst du wenigstens die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass es auch bei dir manchmal möglich ist?

Verwerfe deine Gefühl der Verletzung und die Verletzung selbst verschwindet.
~ Marcus Aurelius

In einer Kritik der professionellen Psychologie schrieb Tara Dineen (die selbst ausgebildete Psychologin ist), dass die psychologische Industrie sich "ihre Opfer zum Teil selbst schafft, weil die Patienten dazu ermutigt werden, sich als die geschädigten "Guten" zu betrachten, die von der Grausamkeit der Welt bestraft wurden.

Wenn wir andere für unser Leben verantwortlich machen, so werden wir wohl kaum allzu viel Dankbarkeit entwickeln. Menschen, die sich als Opfer betrachten, lecken ihre Wunden, sind voller Groll und oft von dem Wunsch nach Vergeltung erfüllt. Sie können keine Wertschätzung für das aufbringen, was das Leben ihnen zu bieten hat. Wenn die eigene Identität von der Opferhaltung durchdrungen ist, schrumpft die Fähigkeit zur Dankbarkeit.

Wem du die Schuld und Verantwortung gibst, gibst du die Kontrolle über dein Leben !

Warum immer ich?

Selbst-Mitleid ist die zerstörerischste der nicht-pharmazeutischen Narkotika. Es ist süchtig machend, gibt schnelles Vergnügen und trennt das Opfer von der Realität. Hier ein kleine Checkliste, um uns zu ertappen, wenn wir in die Opferrolle gelangen

  • Wir neigen dazu, zu denken, dass unsere Probleme schlimmer sind als die aller anderen.
  • Wenn es nicht dein typisches Pech wäre, dann bist du ziemlich sicher, dass du überhaupt keine Probleme haben würdest.
  • Probleme scheinen sich für dich in einer viel häufigeren Frequenz zu ereignen als bei jedem anderen.
  • Du bist ziemlich sicher, dass niemand sonst wirklich versteht, wie hart dein Leben wirklich ist.
  • Wir fragen uns : Was kann ich denn dafür und Was soll ich denn noch machen- ich habe alles versucht?

  • Es kann eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden. Gefühle von Selbstmitleid können zu einem erbärmlichen Leben führen. Es macht uns blind für die Segnungen in unserem Leben.Eine gute Frage, um aus seinem eigenen Kopf zu entkommen ist daher: Welchen Rat würde ich einem geliebten Menschen geben, der dieses Problem hat?

    Das Etikett, das für uns selbst benutzen spielt nämlich eine Rolle. Depression, Isolation und Einsamkeit sind negativ behaftete Wörter, die mehr Leiden als nötig in uns verursachen.

    Verantwortung zu übernehmen und im Leiden einen Sinn zu finden ist die ultimative Lebensbejahung und macht das Leben lebenswert. Mehr zu Pinocchio, der Selbsttäuschung und der Opferrolle in diesem Video von Jordan Peterson:

    Die massiven Kosten der Selbsttäuschung

    Um der Verantwortung entgehen zu können, weil es schmerzhaft ist der Wahrheit ins Auge zu blicken, beginnt Pinocchio zu lügen. Doch die Selbsttäuschung kommt mit versteckten Kosten. Das ist wohl das bekannteste Motiv. Jedes Mal, wenn Pinocchio lügt, wächst seine Nase. Es symbolisiert, dass eine Lüge den Weg für die nächste ebnet, bis wir irgendwann den ganzen Schwindel nicht mehr verbergen können. Außerdem soll es deutlich machen, dass jede unserer Handlungen auch eine Konsequenz hat.

    Selbsttäuschung und der "Pinocchio-Effekt"

    Die heutigen Fortschritte auf dem Gebiet der Wissenschaft haben sogar herausgefunden, dass an der Nasenmetaphorik etwas Wahres dran ist. Im Jahr 2012 fanden Forscher der Universität von Granada( Spanien ) heraus, dass die Gesichtstemperatur in der Nase und um den Augenbereich während des Lügens zunimmt.

    Lügen & Selbsttäuschung

    Selbsttäuschung

    Keine Angst! Ich will dir keine Moralpredigt über das Lügen halten. Wer bin ich, um dir etwas über Moral zu erzählen. Ich wüsste auch nicht, auf welcher Grundlage ich mein persönliches Moralempfinden legitimieren sollte. Was ich aber weiß ist, dass Selbsttäuschung uns selbst innerlich zerfrisst und unser Selbstwertgefühl schädigt.

    Warum beharre ich so auf diesem Punkt der Selbstlügen? Weil ich selbst mehr als schuldig bin. Auch ich habe aus vielen Gründen Lügen erzählt: um Verlegenheit zu vermeiden, meine Errungenschaften zu übertreiben, Unrecht zu verbergen und um Freunden und Familienmitgliedern schlechte Gefühle zu ersparen.

    Du siehst ich bin kein Heiliger. Natürlich stelle ich mir oft vor, dass er nicht schadet, solange meine Lügen unentdeckt bleiben. Aber das ist nicht wahr. Gerade deshalb muss ich mir immer die massiven Kosten des Lügens und der Selbsttäuschung ins Gedächtnis rufen.

    Integrität und Selbsttäuschung

    Integrität

    Was bedeutet es, Integrität zu haben? Es bedeutet unter anderem Verhalten zu vermeiden, das leicht zu Scham oder Reue führt. Ist nicht nur eine ethische Frage, sondern um wirklich Integrität zu haben, dürfen wir nicht das Bedürfnis haben, über unser persönliches Leben lügen zu müssen.

    Damit zeigt die Lüge uns ziemlich genau Wege, in denen wir noch wachsen können. Wenn wir uns und andere täuschen, verdrängen wir bestimmt Elemente unser Persönlichkeit, weil wir uns unsicher fühlen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich eine Rede auf einer Konferenz halten sollte. Ich lehnte es ab und sagte, dass ich an diesem Tag schon einen anderen Termin hatte. Aber das war eine Lüge.

    Die Wahrheit war, dass ich Angst vor der Öffentlichkeit hatte und es um jeden Preis vermeiden wollte. Anscheinend war ich nicht bereit, diese Tatsache über mich selbst zu konfrontieren und war hin dieser Hinsicht noch nicht stark genug und habe so den Weg der Selbsttäuschung gewählt. Selbsttäuschung ist damit eine Grenze zwischen der Wahrheit zu errichten, die wir leben und die Wahrnehmung, die andere von uns haben.

    Wir verzerren absichtlich die Realität für andere

    Daraus folgt zunächst, dass der, den man belügt, und der, der lügt, ein und dieselbe Person sind, was bedeutet, dass ich als Täuschender die Wahrheit kennen muss, die mir als Getäuschtem verborgen ist. Mehr noch, ich muss diese Wahrheit sehr genau kennen, um sie sorgfältiger vor mir verstecken zu können.

    Unsere Verlegenheit scheint also außerordentlich groß zu sein, weil wir ja die Unaufrichtigkeit weder abstreiten noch verstehen können.

    -
    Jean-Paul Sartre
    "Unaufrichtigkeit und Lüge"
    (aus "Das Sein und das Nichts")

    Lügen ist fast definitionsgemäß eine Weigerung, mit anderen zu kooperieren und eine Lüge verdichtet einen Mangel an Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit in einem einzigen Akt.

    Durch Lügen verwehren wir anderen einen Blick auf die Welt, wie sie ist. Unsere Unehrlichkeit beeinflusst nicht nur die Entscheidungen, die sie machen, sondern bestimmt oft die Entscheidungen, die sie machen können - und das in einer Weise, die wir nicht immer vorhersagen können. Jede Lüge ist ein direkter Angriff auf die Autonomie und Entscheidungsmöglichkeiten derer, die wir anlügen.

    Mentales Nachhalten der Lügen

    Eines der größten Probleme des Lügen ist, dass wir unsere Lügen nachhalten müssen. Manche Leute sind besser als andere. Psychopathen können diese Belastung des geistigen Buchführens ohne Probleme bewältigen. Das ist kein Zufall: Sie sind Psychopathen. Sie interessieren sich nicht für andere Menschen und die Egozentrik dominiert unser Leben. Aber es steht außer Frage, dass das Lügen mit psychologischen Kosten für den Rest von uns kommt.

    Tatsächlich wächst der Verdacht oft auf beiden Seiten einer Lüge: Die Forschung zeigt, dass die Lügner denen , die sie betrügen, weniger vertrauen.

    Je häufig wir Lügen üben, desto besser werden wir in der Selbsttäuschung

    Einer der Hauptnachteile der Selbsttäuschung, vor dem ich am meisten Angst habe, ist, dass jede Lüge einen gefährlichen Präzedenzfall darstellt. Wir werden besser in dem, was wir üben. Irgendwann, wenn ich nicht aufpasse, lebe ich in einem wackligen Konstrukt aus Lügen und Selbsttäuschung, das nicht langfristig halten kann.

    Selbsttäuschung

    Auch die Wahrheit ist manchmal unangenehm

    Ein Freund von mir hat mich vor kurzem gefragt, ob ich dachte, dass er übergewichtig ist. Es war zu Beginn des Sommers. Ich bin ehrlich zu dir: In 9 von 10 fällen, hätte ich es abgestritten, aber kurz zuvor hatte ich mir noch einmal Gedanken über die Kosten der Selbsttäuschung und des Lügens gemacht und habe mit unsicherer Stimme gesagt:

    "Niemand würde dich wahrscheinlich fett nennen, aber ich glaube, du könntest tatsächlich ein paar Kilo verlieren. "

    Ich weiß, was du denkst: So etwas kannst du doch nicht sagen. Das war vor ein paar Monaten und mittlerweile ist er 12 Kilo leichter.

    Wenn wir vermuten, dass wir andere anlügen um ihnen etwas Gutes zu tun, ist es oft eigene Feigheit, weil es unser Ansehen beim Gegenüber schmälern könnte. Ich habe häufiger die Route der Selbsttäuschung und Feigheit gewählt. Gerade deshalb muss ich mich immer wieder daran erinnern, wie ich mir und anderen mit der Selbstlüge schade.

    Aber es gibt moralische Probleme , die die Menschheit in Bezug auf das Lügen Jahrhunderte lang beschäftigt und auch ich habe noch keine Antwort auf die quälende Frage gefunden:

    "Sehe ich dick in diesem Kleid aus?"

    Pinocchio begibt sich auf die Heldenreise und stellt sich seiner größten Angst

    Pinocchio Verwandlung

    Es gibt eine Szene in Pinocchio, wo Geppetto einen Wunsch an einen Stern äußert. Er sagt: "Was ich will - was ich will mehr als alles andere - ist, dass meine Schöpfung (die Marionette Pinocchio) ein echtes Individuum wird."

    Das ist eine hervorragende Analogie. Und wir beginnen als Puppen und fremdgesteuerte Marionetten. Manche bleiben es sogar lebenslang. Und du erinnerst dich an Pinocchio: Er steht vor vielen Versuchungen: ein Lügner und ein neurotisches Opfer zu sein. So endet er in der Vergnügungsinsel, wo er gerade in die Salzbergwerke verkauft wird.

    Der Professor Jordan Peterson, der klinischer Psychologe ist, sagt: Das ist wirklich der Kerngedanke in der westlichen Zivilisation: Das Ziel ist es sich in ein Individuum zu entwickeln, das mehr als eine Marionette ist und fähig ist, die Wahrheit zu sagen und in der Lage ist die Verantwortung des Lebens zu tragen und persönlich zu einem Individuum zu wachsen.

    Auch Pinocchio ist ein klassischer Fall der Heldenreise, über die wir im Podcast schon mehrfach gesprochen haben. Wenn ich das Thema interessiert, sieh dir gerne diese Episode von mir an:

    Nach dem Pinocchio zurück von der Vergnügungsinsel kommt und nachhause kommt, ist sein geliebter Vater nicht mehr zuhause. Pinocchio muss nun selbst volle Verantwortung übernehmen.

    Heldenreise

    In der Heldenreise wird das der "Ruf zum Abenteuer" genannt. Der "Ruf zum Abenteuer" ist der Moment, in dem dem Held klar wird, dass er sich aus seiner Komfortzone herausbewegen muss. Warum? Weil er ein Signal empfangen hat –den Ruf zum Abenteuer. Bei Pinocchio ist es eine Taube, die eine Nachricht fallen lässt, dass sein Großvater von einem Wahl verschluckt wurde.

    Was Pinocchio tun muss, ist, seinen Vater vor dem Bauch des Wals zu retten, wie es ein Held eben tut. Er muss sich seiner größten Angst stellen, tief in den schrecklichsten Ort gehen, den er sich vorstellen kann, um daran zu wachsen.

    Bestie

    Es gibt eine Sache, woran man einen Entscheidungskampf erkennt. Etwas ändert sich und es wird nie wieder alles beim Alten sein. Der Held schaut dem Tod ins Auge - du eventuell im übertragenen Sinne, weil ein altes Wertesystem stirbt. Meistens ist es die Situation, vor der sich der Held sein ganzes Leben lang gefürchtet hat.

    Das Privileg deines Lebens ist es, du selbst zu sein.- Joseph Campbell

    Wo haben wir das schon mal gehört? Jona und der Wal! Es ist sowohl in der Bibel als auch im Koran eine zentrale Geschichte. Jonas Auftauchen aus dem Riesenfisch ist ein Symbol der Wiedergeburt. Und Pinocchio stirbt auch als Ergebnis seiner Begegnung mit dem Wal und wird später als echter Junge wiedergeboren, weil er sich seiner größten Angst gestellt hat und etwas Edles und Selbstloses getan hat.

    Jona Wal

    Auch du hast die Chance auf deine eigene Heldenreise, wenn du es wagst da zu suchen, wo es weh tut und wovor du dich fürchtest. Da fällt mir auch noch eine kleine Anekdote ein:

    König Arthurs Ritter sitzen an einem runden Tisch, weil sie alle gleich sind. Sie sind auf der Suche nach dem Heiligen Gral -( ein Symbol der Erlösung, der Behälter des "nährenden" Blutes Christi ). Jeder Ritter macht sich unabhängig auf die Suche und das Interessante ist, dass jeder Ritter den Wald, an dem Punkt zur Suche betritt, der ihm am dunkelsten erscheint.

    Die Dinge, die wir am meisten fürchten, bergen das größte Wachstum.

    12 Comments

    1. […] Mal, wenn er persönliche Tragödie oder Schwäche konfrontiert, fand er seine Kraft nicht in der Opferrolle (VERWEIS !1!), sondern in der Konfrontation mit den Herausforderungen .Und genauso wie Roosevelt […]

    2. […] Die psychologischen Kosten der Selbsttäuschung: Warum Pinocchio uns tiefe Einblick in die menschlic… […]

    3. […] Die psychologischen Kosten der Selbsttäuschung: Warum Pinocchio uns tiefe Einblick in die menschlic… […]

    4. […] auf Dinge zu erzählen, von denen du weißt das es Lügen sind. Besonders der Selbstbetrug wiegt […]

    5. […] Gefahr einer naiven Bevölkerung, die sich permanent selbst belügt und alles toleriert, weil es so kulturell legitimiert […]

    6. […] ist die Botschaft, die jeder unterbewusst hören will. Blick dem Unbekannten ins Gesicht. Hör auf dich selbst zu belügen und tue, was dein Herz dir wirklich sagt. Du wirst zu einer besseren Person werden und damit zu […]

    7. […] Nietzsche) weil sie den Menschen die Verantwortung wegnimmt und sie durch eine deutlich angenehmere Opferrolle ersetzt. Wie du vorstellen kannst, nimmt jemand, der von Unsicherheit und Realitätsverleugnung […]

    8. […] der Hauptnachteile der Selbsttäuschung, vor dem ich am meisten Angst habe, ist, dass jede Lüge einen gefährlichen Präzedenzfall […]

    9. […] ist die Botschaft, die jeder unterbewusst hören will. Blick dem Unbekannten ins Gesicht. Hör auf dich selbst zu belügen und tue, was dein Herz dir wirklich sagt. Du wirst zu einer besseren Person werden und damit zu […]

    10. […] der Hauptnachteile der Selbsttäuschung, vor dem ich am meisten Angst habe, ist, dass jede Lüge einen gefährlichen Präzedenzfall […]

    11. […] zum einen persönlich durchs Leben navigieren und zum anderen verstehen und verhindern, dass die Verleugnung der Wahrheit -in diesem Fall der biologischen Neigungen der Menschen- böse Folgen haben […]

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