Die Psychologie des Bösen: Das Stanford Prison Experiment und der Luzifer-Effekt

Das Stanford Prison Experiment :Würdest Du behaupten dass du ein guter Mensch bist? Vermutlich würden die meisten von uns das tun. Doch es gibt einige Experimente in der Menschheitsgeschichte, die uns daran zweifeln lassen, dass wir nur eine gute Seite haben.

Eines dieser Experimente ist das so genannte Stanford Prison Experiment von Philip Zimbardo, das uns erschreckende Einblicke in die Psychologie des Bösen gibt.

Warum mache ich diese Episode? Auf allen Monumenten der NS-Zeit liest du immer wieder, dass wir diese Zeit nie vergessen sollen. Aber wie sollen wir uns an etwas erinnern, das wir nicht einmal verstehen?

Ziel des Stanford Prison Experiments

Psychologen gehen davon aus, dass soziale Normen und bestimmte soziale Rollen großen Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Um diese Hypothese zu überprüfen, hat Philip Zimbardo im Jahre 1971 das Stanford-Prison-Experiment durchgeführt. Er wollte wissen, wie sehr gewöhnliche Studenten ihr Verhalten ändern, wenn sie sich in der Rolle des Wärters beziehungsweise des Gefangenen befinden.

Das Ziel des Stanford Prison Experiments war es zu untersuchen, wie leicht die Menschen sich mit den Rollen von Wächter und Gefangenen in einem Experiment, das das Gefängnisleben simuliert, identifizieren würden. Zimbardo (1973) war daran interessiert, herauszufinden, ob die Brutalität, die unter den Wachen in den amerikanischen Gefängnissen berichtet wurde, auf die sadistischen Persönlichkeiten der Wächter zurückzuführen war oder mehr mit der Gefängnisumgebung zu tun hatte.

Die Vorbereitung und Rahmenbedingungen des Stanford Prison Experimentes

Gefangene stanford gefängnis experiment

Um die Rollen zu studieren, die Menschen in Gefängnissituationen spielen, hat Zimbardo einen Keller des Stanford University Psychologiegebäudes in ein Gefängnis umgewandelt. Er bot Freiwilligen Studenten an, an einer Studie über die psychologischen Auswirkungen des Gefängnislebens teilzunehmen. Mehr als 70 Bewerber beantworteten die Ausschreibung und erhielten diagnostische Interviews und Persönlichkeitstests, um Kandidaten mit psychischen Problemen, medizinischen Behinderungen oder einer Geschichte von Verbrechen oder Drogenmissbrauch vom Experiment auszuschließen.

Die Studie umfasste 24 gewöhnliche College-Studenten (ausgewählt aus 75 Freiwilligen), denen $ 15 pro Tag bezahlt wurde, um an dem Experiment teilzunehmen.

Die Teilnehmer im Stanford Prison Experiment wurden nach dem Zufallsprinzip entweder der Rolle des Gefangenen oder der Wache in einer simulierten Gefängnisumgebung zugeordnet. Die Wachen arbeiteten in Gruppen von 3 (ausgewechselt nach einer 8-Stunden-Schicht), und die Gefangenen waren zu jeweils 3 in einem Zimmer untergebracht. Es gab auch eine Einzelhaftzelle für Gefangene, die sich "falsch" verhalten hatten. Die Gefängnis-Simulation sollte so realistisch, wie möglich gehalten werden.

Gefangene wurden wie jeder andere Verbrecher behandelt, in ihren eigenen Häusern verhaftet, ohne Vorwarnung und zur örtlichen Polizeistation gebracht. Ihnen wurden Fingerabdrücke genommen und sie wurden fotografiert. Dann waren sie mit verbundenen Augen in die Psychologie-Abteilung der Stanford University geführt worden, wo sie in eine Zelle mit verriegelten Türen und Fenstern und nackten Wänden gesperrt wurden.

Als die Gefangenen im Gefängnis ankamen, wurden sie entkleidet, alle ihre persönlichen Besitztümer entfernt und weggesperrt, aber erhielten Gefängniskleidung und Bettwäsche. Ihnen wurde eine Uniform ausgegeben, die nur mit ihrer Nummer bezeichnet war. Die Verwendung von ID-Nummern war ein Weg, um Gefangene anonym zu halten.

Jeder Gefangene durfte nur durch seine ID-Nummer angerufen werden. Ihre Kleidung bestand aus einem Kittel mit ihrer Nummer, aber ohne Unterwäsche. Sie hatten auch eine enge Nylonkappe, um ihre Haare zu bedecken, und eine verschlossene Kette um einen Knöchel. Dieser Ersatz der „Kopfrasur“ entfernte die individuellen Unterschiede, die durch die verschiedenen Frisuren sichtbar waren. Die Aufnahmeprozedur diente der Entfernung der individuellen äußerlichen Unterschiede und stellte in ihrer Durchführung erste Demütigungen der Person dar.

gefangene stanford prison experiment

Auch alle Wächter waren in identischen Uniformen gekleidet, trugen Pfeifen um ihren Hals und spezielle Sonnenbrillen, um Augenkontakt mit Gefangenen unmöglich zu machen und sogar einen Schlagstock. Die Wächter wurden angewiesen, alles zu tun, was sie für nötig hielten, um das Gesetz und die Ordnung im Gefängnis herzustellen und den Respekt der Gefangenen zu sichern, obwohl es sich beim Stanford Prison Experiment lediglich um ein Experiment handelte.

Keine körperliche Gewalt war erlaubt. Zimbardo beobachtete das Verhalten der Gefangenen und Wächter (als Forscher) und fungierte auch als Gefängniswärter.

Die siebzehn Regeln des Stanford Prison Experiments

„Wir, Euer Anstaltspersonal, werden Euch Eure Verantwortung als Bürger dieses Landes beibringen. Hier sind die Regeln. [...] Wir erwarten, dass Ihr sie kennt und mit Nummern auswendig aufsagen könnt. Wenn Ihr diese Regeln befolgt und Euch nichts zu Schulden kommen lasst, [...] werden wir uns gut verstehen.“

1. Die Gefangenen müssen während der Ruhezeiten, nachdem die Lichter aus sind, während der Mahlzeiten und wann immer sie außerhalb des Gefängnisses sind, still sein.
2. Die Gefangenen dürfen zu den Mahlzeiten essen- nur zu den Mahlzeiten.
3. Die Gefangenen müssen an allen Gefängnisaktivitäten teilnehmen.
4. Gefangene müssen ihre Zelle immer sauber halten. Betten müssen gemacht werden. Fußböden müssen makellos sein.
5. Gefangene dürfen keine Wände, Decken, Fenster, Türen oder irgendwelche Gefängnisgüter beschädigen.
6. Die Gefangenen dürfen die Zellenbeleuchtung niemals selbst bestimmen.
7. Die Gefangenen müssen sich nur durch die zugeteilte Nummer ansprechen.
8. Die Gefangenen müssen immer die Wachen als "Mr. Correctional Officer“ ansprechen
9. Die Gefangenen dürfen niemals von einem "Experiment" oder einer "Simulation" sprechen.
10. Gefangene werden 5 Minuten in die Toilette zugelassen. Die Toilettenbesuche werden von den Wachen kontrolliert.
11. Rauchen ist ein Privileg. Das Rauchen wird nach den Mahlzeiten oder nach Ermessen der Wache erlaubt. Gefangene dürfen in den Zellen niemals rauchen. Der Missbrauch des Raucher-Privilegs wird zu einem ständigen Widerruf des Raucher-Privilegs führen.
12. Mail ist ein Privileg. Alle Post, die in und aus dem Gefängnis fließt, wird geprüft und zensiert.
13. Besucher sind ein Privileg. Gefangene, denen ein Besucher erlaubt ist, müssen ihn oder sie an der Tür zum Hof treffen. Der Besuch wird von einem Wächter überwacht, und der Wächter kann den Besuch nach seinem Ermessen beenden.
14. Alle Gefangenen in jeder Zelle müssen aufstehen, wenn der Wärter, der Gefängnisaufseher oder andere Besucher auf das Gelände kommt.
15. Die Gefangenen müssen alle Befehle, die von den Wachen ausgestellt wurden, jederzeit befolgen. Der Befehl eines Wächters ersetzt jede schriftliche Bestätigung.
16. Die Gefangenen müssen den Wächtern alle Regelverletzungen melden.
17. Die Nichtbeachtung einer der oben genannten Regeln kann zur Strafe führen.

Der Verlauf des Stanford Prison Experiments

Zimbardo stanford prison experiment

Philip Zimbardo hat den Versuch im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments begonnen, aber das Stanford Prison Experiment ist längst auch außerhalb der Universitäten berühmt geworden, weil es so dramatisch außer Kontrolle geriet, dass es vorzeitig abgebrochen werden musste.

Innerhalb einer sehr kurzen Zeit fügten sich sowohl die Wachen als auch die Gefangenen in ihre neuen Rollen ein. Bereits um 2:30 Uhr wurden Gefangene mit schrillen Trillerpfeifen aus dem Schlaf geweckt für die erste von vielen "Zählungen". Die "Zählungen" dienten als eine Möglichkeit die Gefangenen mit ihren Zahlen vertraut zu machen. Nämlich anstatt ihren Namen hatten die Gefangenen nicht mehr als Zahlen, die ihre Identität ausmachten.

Noch wichtiger war, dass die Zählungen einen regelmäßigen Anlass für die Wachen zur Kontrolle über die Gefangenen ausübten. Sie begannen, die Gefängnisregeln sehr ernst zu nehmen, als ob sie für Wohlergehen der Gefangenen da waren und die Verletzung für alle von ihnen eine Katastrophe bedeuten würde. Manche begannen sogar mit den Wächtern gegen die Gefangenen kämpfen, die den Regeln nicht gehorchten.

Die Gefangenen wurden mit Beleidigungen und verspottet, sie erhielten sinnlose und langweilige Aufgaben und wurden allgemein entmenschlicht. Liegestütze waren eine häufige Form der körperlichen Strafe, die von den Wachen auferlegt wurde. Einer der Wächter trat auf den Rücken der Gefangenen, während sie Liegestütz machten oder ließen andere Gefangene auf dem Rücken der Mitgefangenen setzen, die ihre Push-ups machten.

Die Rollen der Gefangenen im Stanford Prison Experiment

Hier einmal exemplarische Ausschnitte über das emotionale Empfinden der Gefangenen:

Gefangener # 8612: Nach weniger als 36 Stunden im Experiment begann Gefangener # 8612 an akuten emotionalen Störungen, unorganisiertem Denken, unkontrollierbarem Weinen und Wut zu leiden. Bald fing # 8612 an, sich "verrückt" zu verhalten, zu schreien, zu fluchen, und in eine Wut zu geraten, die kaum kontrollierbar war.

Die Eskalation des Stanford Prison Experiments

Da es T in den Zellen selbst keine Toiletten gab, mussten die Häftlinge jedes Mal einen Wärter fragen, wenn sie auf die Toilette mussten. Damit der Häftling den Ausgang nicht sehen konnte, wurde er mit verbundenen Augen zur Toilette geleitet.

Erschreckenderweise nahmen sowohl Wärter als auch Gefangene ihre Rolle im Stanford Prison Experiment sogar so schnell an, sodass die Situation eskalierte. Und zwar in einem Ausmaß, mit denen Zimbardo und seine Mitarbeiter nicht gerechnet hätten. Die Wissenschaftler mussten das Stanford Prison Experiment sogar nach bereits 6 Tagen wieder abbrechen (geplant waren zwei volle Wochen).

Ein Großteil der Wärter nutzte nämlich ihre Autorität und Macht aus und fing an sich den Häftlingen gegenüber grausam und sadistisch zu verhalten. Als bereits am zweiten Tag ein Aufstand der Gefangenen ausbrach, wurde dieser von den Wärtern mit Feuerlöschern aufgelöst. Als Strafe wurde allen Gefangenen die Kleidung entzogen. Zudem wurde ihnen immer häufiger der Gang auf die Toilette verwehrt, Essen verweigert und es kam zu Demütigungen der Gefangenen.

Speziell bei Nacht, wenn die Wärter vermuteten, dass die Kameras nicht in Betrieb waren, legten einige von ihnen sadistische Verhaltensweisen an den Tag. Teilweise mussten sogar die Wissenschaftler selbst ins Stanford Prison Experiment eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern.

War das Stanford Prison Experiment nur ein Schauspiel?

Die meisten Wächter behaupteten später, dass sie einfach schauspielerten. Allerdings gibt es erhebliche Hinweise darauf, dass die Teilnehmer im Stanford Prison Experiment auf die Situation reagierten, als ob sie real wäre. Zum Beispiel waren 90% der privaten Gespräche der Gefangenen, die von den Forschern überwacht wurden über die Gefängnisbedingungen, und nur 10% waren ihre Gespräche über das Leben außerhalb des Gefängnisses.

Auch die Wächter tauschten während ihrer Entspannungspausen nur selten persönliche Informationen aus - sie sprachen entweder über "Problemgefangene", andere Gefängnisthemen oder sprachen überhaupt nicht. Die Wächter waren immer pünktlich und haben sogar Überstunden geleistet. Als die Gefangenen einem Priester vorgestellt wurden, nannten sie ihre Gefängnisnummer anstatt ihren Vornamen. Manche haben ihn sogar gebeten, einen Anwalt zu bekommen, um dem Stanford Prison Experiment zu entflieen.

Fazit zum Stanford Prison Experiment

Das Experiment wurde nach sechs Tagen beendet, obwohl es für einen Zeitraum von 14 Tagen geplant war. Der fortschreitende Verlust der Kontrolle schien nicht mehr tragbar.
Das Stanford Prison Experiment zeigte, dass soziale Rollen einen enormen Einfluss auf unser Verhalten haben können und dass auch gewöhnliche Menschen, wie du und ich die Fähigkeit zur Grausamkeit haben können. Wir sollten deshalb von Zeit zu Zeit unser eigenes Verhalten reflektieren und überlegen, ob wir im Moment tatsächlich so handeln, weil es unseren Werthaltungen entspricht. Oder handeln wir nur so, weil die Rolle, die wir gerade spielen, ein solches Verhalten erwarten lässt?

An einem Punkt sagte Zimbardo: "Hör zu, du bist nicht # 819. Du bist [sein Name], und mein Name ist Dr. Zimbardo, ich bin Psychologe, kein Gefängniswärter und das ist kein echtes Gefängnis. Das ist nur ein Experiment, und das sind Studenten, keine Gefangenen, genau wie du. Lass uns gehen.“

Der Gefangene hörte plötzlich auf zu schreien, blickte auf und antwortete:“ Okay, lass uns gehen“, als wäre nichts falsch gewesen.

Das ist meiner Meinung sinnbildlich für das Experiment und dessen Ergebnisse. Wir sind weder von Natur aus gute oder schlechte Menschen.

Dazu kommt die Warnung Zimbardos an den Leser: Jeder glaubt, ihm selbst könnte das nicht passieren. Im Ernstfall jedoch hält nur eine sehr kleine Minderheit dem Druck der Situation stand. Also hält sich der durchschnittliche Mensch für heldenhafter als der durchschnittliche Menschen. Anders ausgedrückt: Wir alle überschätzen unsere gute Seite und unterschätzen die Macht der Situation und sind ihr damit umso hilfloser ausgeliefert.

.

Das Stanford Prison Experiment und der Luzifer-Effekt

Luzifer Effekt Zimbardo

Aber was sind die Elemente einer Situation, die zum Bösen verführt? Zimbardo zählt auf: Der Täter fühlt sich und seinesgleichen von außen bedroht; eine übergeordnete Autorität gibt seinem Verhalten Legitimität Gruppendruck erzeugt Konformität; er selbst ist nicht mit Namen oder Gesicht identifizierbar (Anonymität) und seinen Opfern fehlen individuelle Merkmale (sie sind auf Nummern reduziert).

Philip Zambardo vertritt die Meinung, dass kein Mensch schlecht geboren wurde, sondern eine Kombination aus Umständen und einem ideologische Rahmen jeden von uns zu bösen Taten verleiten kann.

Ich weiß, dass es für uns sehr befremdlich ist, uns vorzustellen, dass wir zu solchen Grausamkeiten fähig wären. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass Adolf Hitler im Kindergarten sein Pausenbrot mit einem anderen Kind geteilt hat oder dass Mörder von ihren Liebsten als liebevolle Menschen wahrgenommen werden. Stattdessen stellen uns vor, dass solche Menschen immer in allen Lebensbereichen abgrundtief böse waren.

Autorität

Wie können sich auffällige Studenten innerhalb von 6 Tagen zu brutalen Folterern mutieren? Was genau macht diese Umstände aus?

Gehorsamkeit gegenüber einer Autorität ist vermutlich der wichtigste Faktor. Sobald wir eine Autoritätsperson haben, die von uns etwas erwartet, fällt es uns leicht die Verantwortung abzugeben und verstecken uns gerne hinter unserer eigenen Feigheit, indem wir behaupten, dass wir ja nur Befehle ausgeführt haben.

Ein besonders schlimmes Beispiel bietet der Sektenführer Jim Jones, der von seinen Bewunderern verehrt wurde, aber sich mit der Zeit in einen Tyrannen verwandelt hat und über 900 seiner Anhänger dazu überredete Suizid zu begehen.

Anonymität

Ein weiterer Faktor, der essentiell ist, um solche grausamen Taten zu vollbringen, ist Anonymität und das Gefühl nicht für böse Taten verantwortlich gemacht zu werden. Wenn wir glauben,dass unsere Opfer uns nicht erkennen oder sehen, ist es viel leichter sie schlecht zu behandeln, weil wir ihnen durch die Deindividuation ein Stück ihrer Persönlichkeit nehmen (im Stanford Prison Experiment symbolisiert durch verspiegelte Sonnenbrillen).

Eine starke Ideologie

Eine starke Ideologie kann nicht nur schlimme Taten in Euphemismen, wie Reichskristallnacht, verpacken, sondern sie kann die Täter wirklich davon überzeugen, dass sie gerade etwas Gutes tun.

Dehumanisierung

nicht so verschieden

Viele Soldaten haben plötzlich verstanden, als sie vor ihrem toten Feind standen, sein Personalausweis und Familienfotos in der Hand hatten, dass nicht nur ein Feind, sondern eher ein Mensch vor ihnen stand.

In seinem Roman "Im Westen nichts Neues" beschreibt Erich Maria Remarque die Gefühle eines jungen deutschen Soldaten, der gerade einen Feind mit eigenen Händen getötet hat und nun mit seinem Körper spricht:

Du warst mir nur eine Idee, eine Abstraktion, die in meinem Kopf lebte und ihre entsprechende Antwort hervorrief. Es war diese Abstraktion, die ich erstochen habe. Aber jetzt, zum ersten Mal, sehe ich: Du bist ein Mann wie ich. Ich dachte an deine Handgranaten, an dein Bajonett, an dein Gewehr; Jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und unsere Gemeinsamkeiten. Verzeih mir, Kamerad. Wir sehen es immer zu spät. Warum erzählen sie uns niemals, dass ihr arme Teufel seid, wie wir es sind und dass eure Mütter genauso ängstlich sind wie unsere und dass wir die gleiche Angst vor dem Tod haben und dasselbe Sterben und die gleiche Qual - Verzeih mir, Kamerad: Wie könntest du mein Feind sein?

Ein Mechanismus, der sehr oft zutrifft, wenn es zu unmenschlicher Gewalt kommt, ist die sogenannte Dehumanisierung. Wenn wir unseren Gegenüber nicht als echten oder niederen Menschen wahrnehmen, fällt es uns leichter ihn grausam zu behandeln.

Denn wer kein Mensch ist, besitzt auch keinen Anspruch auf Menschenrechte- so zumindest die unbewusste Denkweise. Die Nazis haben beispielsweise den Begriff Untermensch geprägt, um grausame Taten an Juden zu rechtfertigen. Bei den Römern waren alle Ausländer "babari" (Barbaren) und galten als unzivilisiert. So war es einfacher einen Krieg zu rechtfertigen. Das kann auch im Stanford Prison Experiment beobachtet werden.

Wir sind nicht so verschieden- ein kleines Experiment

Ein Mann (ein Schauspieler) liegt auf dem Rasen an der University of Manchester in England, neben einem belebten Weg. Er scheint krank zu sein. Leute gehen vorbei. Nur wenige (15%) stoppen, um zu sehen, ob er Hilfe braucht.

Der zweite Teil des Versuchs: Der gleiche Mann liegt auf demselben Rasen, aber dieses Mal trägt er ein Liverpool-Fußball-Trikot (ein rivalisierender Club, aber einer, der viele Unterstützer unter den Studenten aus Liverpool hat). Dieses Mal halten 85% der Passanten an (Fans von Liverpool) , um zu sehen, ob er Hilfe braucht. Am Ende des Weges befragt ein Team von Forschern aus der Universität alle Passanten, unabhängig davon, ob sie gestoppt haben oder nicht.

Diese Studie, zusammen mit vielen anderen, bestätigt, dass das Gefühl der Zugehörigkeit unsere Kooperationsbereitschaft erheblich beeinflusst. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Gemeinschaft , in der jeder sich nah und verantwortlich für alle anderen fühlt, fördert Altruismus und Mitgefühl.

Die Quintessenz: Je ähnlicher uns jemand erscheint, desto schwerer fällt es uns ihm Gewalt anzutun oder ihn als böse zu betrachten. Wenn der andere als jemand erscheint, der weniger Wert zu haben scheint, sinkt die Hemmschwelle für Gewalt und Bösartigkeit.

Dieser Ansatz beginnt mit der folgenden Erkenntnis: Wenn ich tief in mich hineinsehe, finde ich ein Muster in meinen Intentionen und Handlungen: Ich möchte nicht leiden. Wenn ich dieses Bestreben in mir erkannt habe, passiert in mir etwas Magisches. Alle Lebewesen haben exakt das gleiche Bedürfnis, wie ich. Vielleicht haben sie andere Aktivitäten, Regeln und Muster das alles zu erreichen, aber sie sind gar nicht so verschieden.

Wir sind alle nur in unserem Kopf gefangen- jeden Tag, 24/7 und ohne Pause. Natürlich sind wir davon überzeugt, dass wir alleine Recht haben und die "richtigen Regeln" haben, wenn wir jahrelang Überzeugungsarbeit geleistet haben, um unser Weltbild zu konstruieren.

Wenn wir einmal verinnerlicht haben, dass andere nicht so verschieden sind und es sogar gefährlich ist andere zu dehumanisieren, können wir echtes Mitgefühl entwickeln.

Deine Fähigkeit zum Bösen- Was du aus dem Stanford Prison Experiment über dich lernen kannst

Sieh dir dieses Bild für einen Moment an. Was siehst du: Zeigt dein Verstand die vielen weißen Engel, die über den dunklen Himmel tanzen oder siehst du die vielen schwarzen Dämonen, gehörnte Teufel, die den hellen weißen Raum der Hölle bewohnen?

Luzifer Effekt Zimbardo

M. C. Escher’s “Circle Limit IV” © 2006 The M. C. Escher Company-Holland.
All rights reserved. www.mcescher.com.

In dieser Illusion des Künstlers M. C. Escher sind beide Perspektiven gleichermaßen möglich. Sobald du der Kongruenz zwischen Gut und Böse bewusst bist, kannst du nicht nur das Eine oder das Andere sehen- beides existiert.

Drei psychologische Wahrheiten entstehen aus Eschers Bild.

1. Die Welt ist mit Gutem und Bösem gefüllt
2. Die Barriere zwischen Gut und Böse ist durchlässig und sehr schmal.
3. Es ist möglich für Engel zu Teufeln zu werden und für Teufel zu Engel zu werden.

Zimbardo nennt das Ganze den Luzifer-Effekt. Vielleicht erinnert dich dieses Bild an die letzte Verwandlung von Luzifer in den Satan. In der Mythologie war Luzifer Gottes Lieblingsgel, bis er die Autorität Gottes in Frage stellte und mit seiner Bande von gefallenen Engeln in die Hölle geworfen wurde.

Interessant ist die Wortherkunft von Luzifer. „Lux“ ist lateinisch und heißt Licht und Luzifer ist damit der „Lichtbringer“.

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist in der Mitte eines jeden Menschenherzens.-Aleksandr Solzhenitsyn

Wie schütze ich mich vor der Psychologie des Bösen?

Hier sind einige wissenschaftlich erwiesene Schritte, um den Einfluss von unerwünschten sozialen und vielleicht sogar bösen Einflüssen ( wie im Stanford Prison Experiment) zu widerstehen und gleichzeitig die persönliche Widerstandsfähigkeit zu fördern.

Vermeide es dich selbst anzulügen

"Ich habe einen Fehler gemacht!" Lasst uns damit beginnen unsere eigenen Fehler anzuerkennen und erst dann die der anderen. Ich habe einen Urteilsfehler gemacht. Meine Entscheidung war falsch.

Die psychologischen Kosten der Selbsttäuschung: Warum Pinocchio uns tiefe Einblick in die menschliche Psyche geben kann

Ich bin verantwortlich

Eine Entschuldigung und Ausrede beginnt als Schutzmaßnahme. Es schützt uns vor Schmerzen, rettet unseren Stolz, hält unser Ego auf dem gleichen Level und erlaubt uns, die brutale Wahrheit zu verdecken. Das fühlt sich anfangs wie eine Erleichterung an. Wir vermeiden den Schmerz kurzfristig.

Das Problem daran Ausreden zu finden und die Verantwortung abzugeben, ist es, dass wir damit gleichzeitig unsere Kontrolle abgeben. Wenn wir anderen Menschen, den Umständen oder dem bösen Schicksal die Schuld geben, geben wir diesen Dingen gleichzeitig die Kontrolle.

Wenn wir diese Geschichte glauben, werden wir zum Sklaven der äußeren Umstände, weil angeblich nichts mehr im Feld unser Kontrolle liegt.

Sobald wir aber sagen: "Ich bin verantwortlich für. . . " übernehmen wir nicht nur die Kontrolle für die Situation, sondern auch über die Situation. Nur Probleme, denen wir uns annehmen und die wir akzeptieren, können wir lösen.

Warum nur volle Verantwortung dir maximale Freiheit gibt- Jocko Willink -Extreme Ownership

Altruismus üben

Altruismus üben- Was wir vom glücklichsten Menschen der Welt Matthieu Ricard über loving kindness lernen können

Achtsamkeit

Zu oft funktionieren wir auf Autopilot, indem wir immer wieder dieselben alten Skripte verwenden ohne zu reflektieren. Achtsamkeit hilft innezuhalten und die alten Geschichten zu hinterfragen, die du dir selbst erzählst. Nach dem Rat des Harvard-Forschers Ellen Langer ist es hilfreich unseren üblichen Zustand der geistlosen Unaufmerksamkeit in "Achtsamkeit" zu verwandeln- vor allem in neuen Situationen.

Achtsamkeitstraining- Der Leitfaden -kostenloser Anfängerkurs

Ich werde nicht meine Freiheiten für die Illusion der Sicherheit opfern!

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist eine mächtige Determinante des menschlichen Verhaltens. Wie ich im Beitrag über Nihilismus geschrieben habe:

Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

Das Ergebnis war, dass sich viele in die Arme totalitärer Systeme flüchten, um der quälenden Ungewissheit des Nihilismus zu entkommen. Der Staat, der die Illusion der perfekten Utopie/ der perfekten Staatsform verkörpert, wird der Sinn. Die Folge: Die größten Massenvernichtungen der Menschheitsgeschichte- Nazideutschland, die kommunistische Sowjetunion und alle totalitären Staaten, die noch folgen sollten.

ACHTUNG VEREINFACHUNG:

Kommunisten haben im Grunde gesagt: Wenn wir einfach aufhören, egoistisch zu sein und zuteilen, können wir die Welt in einen Ort verwandeln, wo jeder genug von allem haben wird, und alle in der Lage sind zu tun, was sie wollen. Wir sind alle gleich.

Und wegen der natürlichen Güte der Menschen, wenn der Egoismus einmal überwunden werden kann, wird es das Paradies.

Es war eine kraftvolle Idee, oder? Und wir können verstehen, warum es so attraktiv war.

Doch in der Praxis kommt dieses Wunschdenken einer Utopie mit einem großen Preis- dem Preis der Freiheit und der persönlichen Bedeutung des Individuums. Niemand hat sich so intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und trifft den Nagel so exakt auf den Kopf, wie Dostoevsky:

Dusche den Menschen mit allen irdischen Segnungen, ertränke ihn im Glück, so dass nur Blasen auf der Oberfläche auftauchen. (...) Gib ihm eine so große ökonomische Befriedigung, dass er nichts mehr zu tun hat, außer zu schlafen, Lebkuchen zu essen und sich um die Unendlichkeit der Weltgeschichte kümmern. Und hier ist er, dieser Mensch, der aus schierer Undankbarkeit etwas Böses tun wird. Er wird sogar seine Lebkuchen riskieren und wünscht absichtlich den verderblichsten Quatsch, die unökonomischste Sinnlosigkeit, nur um in all diesem positiven guten Sinn sein eigenes, schädliches, phantastisches Element zu mischen. Es sind gerade seine fantastischen Träume, seine banale Dummheit, die er sich halten will, mit dem alleinigen Zweck, sich selbst zu bestätigen, dass die Menschen immer noch Menschen sind und keine Klaviertasten. (..) Und mehr als das: auch wenn es sich herausstellen sollte, dass er ein Klavierschlüssel ist, wenn es ihm sogar mathematisch und naturwissenschaftlich bewiesen wäre, so würde er doch nicht zur Vernunft kommen, sondern etwas Gegensätzliches tun, um seinen eigenen Weg zu haben.- Dostoevsky (...)

Auch wenn ich persönlich Dostoevskys sehr dunkles Menschenbild nicht teile, macht er einen wichtigen Punkt deutlich: Wir wollen keine Klaviertasten sein, die von fremden Händen gespielt werden, sondern freie Menschen, auch wenn das bedeutet, dass wir manchmal dumme Fehler machen und irrational handeln.

Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

Carl Jungs Archetypen: Der Schatten

Carl Jung sagt ganz treffend:

"Der Zweck der Individuation ist nun kein anderer, als das Selbst aus den falschen Hüllen der Persona (...) zu befreien. Carl Jung. Der Individuationsprozeß hat [...] in keiner Weise ein sogenanntes moralisches Ziel im landläufigen Gebrauch des Wortes. Er erstrebt keinen Perfektionismus und soll dem Menschen nur dazu verhelfen, im weitesten Sinn wesensgetreu der zu werden, der er in der Tat ist, und sich nicht hinter jener Idealmaske zu verbergen, die so gerne mit dem wahren Wesens eines Individuums verwechselt wird (...) Niemand ist vollkommen [...]. Niemand kann es sein. Es ist eine Illusion. Das einzige, was wir tun können, ist bescheiden danach zu streben, uns selbst zu erfüllen und möglichst vollständige menschliche Wesen zu werden, und das ist schon anstrengend genug."

Schatten Carl Jung

Carl Jung ist berühmt für die Formulierung des Begriffs des Schattens, der Teil der Persönlichkeit von uns allen, den wir im Lauf unseres Lebens in die Dunkelheit des Unbewussten verbannen, weil wir diesen nicht konfrontieren wollen.

Im jungen Alter erfahren wir Menschen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Impulse, Emotionen und Verhaltensweisen negative Rückmeldungen aus unserer Familie, von Gleichaltrigen und von der Gesellschaft hervorrufen. Diese negative Rückmeldung löst die Angst im Individuum aus, was dazu führt, dass diese "negativen" Eigenschaften unterdrückt werden. Im Laufe der Entwicklung verschmelzen diese unterdrückten Eigenschaften des eigenen Wesens, um den Schatten zu bilden - die "dunkle" Seite unseres Seins.

Der Schatten hat viele vertraute Namen: das verstoßene Selbst, das unterdrückte Selbst oder bei Freud das ES. Wenn wir uns mit unserer dunkleren Seite konfrontiert sehen, verwenden wir Metaphern, um diese Schattenbegegnungen zu beschreiben: unsere Dämonen zu treffen, mit dem Teufel kämpfen, in die Unterwelt gehen, die Midlife-Krise oder wie eben angesprochen: den Drachen konfrontieren.

Der Schatten ist ein moralisches Problem, welches dich herausfordert. Der Schatten in diesem Sinne stellt das Gegenstück zur Persona, der "Theatermaske" eines Menschen dar. Er enthält oft die 'negativen', sozial unerwünschten und daher unterdrückten Züge der Persönlichkeit, also jenen Teil des Ichs, die wegen möglicherweise gesellschaftsinkompatibler Tendenzen gerne unterdrückt werden.

Die Aufgabenstellung im Leben, der jeder gegenüber steht, ist nach Jung bewusst zu werden, dass wir alle einen Schatten haben, eine dunkle Seite, etwas, das wir Ablehnen und diesen Schatten bewusst in die bewusste Persönlichkeit zu integrieren, indem wir diesen mit offenen Armen nicht als einen verabscheuungswürdigen Aspekt des Selbst, sondern als notwendigen und lebenswichtigen Teil des Seins ansehen.

"Man wird nicht erleuchtet, indem man Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst macht. Das letztere Verfahren ist jedoch unangenehm und daher nicht beliebt. "(Carl Jung)

Wenn du dir die Grausamkeit des 20. Jahrhunderts ansiehst und das Böse, das unschuldigen Menschen angetan wurde, weißt du, dass sowohl Dunkelheit und Helligkeit die Welt ausmachen. Vollständig zu sein, heißt nach Jung zugleich voller Widersprüche sein. Man verfälscht den Menschen, wenn man ein einheitliches Bild von ihm entwerfen will.

Wir wissen, dass beinahe alles Gute in unserem Leben nicht vollständig ohne einen Preis kommt und die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zu den kostspieligsten Dingen. Es handelt sich um das Jasagen zu sich selber und alle Teile seines Ichs zu konfrontieren- egal, wie viel Angst es uns bereitet.

Das ist die Botschaft, die jeder unterbewusst hören will. Blick dem Unbekannten ins Gesicht. Hör auf dich selbst zu belügen und tue, was dein Herz dir wirklich sagt. Du wirst zu einer besseren Person werden und damit zu einer besseren Welt beitragen.

Warum konfrontieren dann nicht alle ihren Schatten: Weil es uns Angst macht und verdammt nochmal schwierig ist. Die meisten können und werden nicht zugeben, dass sie ein Problem verdrängen oder tief im Inneren nicht ausschließlich die tugendhaften, selbstlosen und guten Menschen sind, sondern stattdessen auch egoistische, zerstörerische und unmoralische Impulse und Fähigkeiten enthalten. Die meisten würden sich lieber mit einem blinden Optimismus über die Güte ihrer Natur täuschen und nach Jung damit ein fragmentierter Mensch bleiben.

Du hörst bei den Gedenkfeiern für Holocaustopfer immer:“ Lass uns dieses grausame Ereignis niemals vergessen.“ Aber wie soll man sich an etwas erinnern, das man nicht versteht?

Das ist der Grund, warum ich mich in diesem Beitrag mit der Psychologie des Bösen, dem Luzifer-Effekt und dem Stanford Prison Experiment auseinandergesetzt habe.

Weitere Studien und Ressourcen zum Stanford Prison Experiment

Haney, C., Banks, W. C., & Zimbardo, P. G. (1973). A study of prisoners and guards in a simulated prison. Naval Research Review, 30, 4-17
Haney & Zimbardo (1995) The Past and Future of U.S. Prison Policy
Reicher, S., & Haslam, S. A. (2006). Rethinking the psychology of tyranny: The BBC prison study. The British Journal of Social Psychology, 45, 1.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.