Solzhenitsyn und die wichtigsten Lehren seiner Nobelpreisrede: Verantwortung und Wahrheit

Der Russe Alexander Isajewitsch Solzhenitsyn ist bzw. war einer der bedeutendsten Schriftsteller des Westens, der meiner Meinung nach viel zu wenig gelesen wird.

Alexander Solzhenitsyn wurde wegen stalinkritischer Äußerungen in der Sowjetuion 1945 zu acht Jahren Arbeitslager in den Gulags verurteilt und anschließend auf „ewig“ nach Kasachstan verbannt. Als er 1956 jedoch zurückkehren durfte, begann er später seine Erlebnisse in seinem Buch „Archipel Gulag“ aufzuarbeiten und erzählte seine Geschichten und die Geschichten von denen, „die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen“.

1969 wurde er wegen seiner öffentlichen Kritik an der Zensur aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen, aber schmuggelte zahlreiche Manuskripte ins Ausland. 1970 erhielt Solschenizyn den Nobelpreis für Literatur.

Als er 2008 starb schrieben einige Nachrichtenagenturen: „Der Tod des russischen Literaturnobelpreisträgers Alexander Solzhenitsyn hat in seiner Heimat große Betroffenheit und tiefe Trauer ausgelöst.“ Das mag eine Seite gewesen sein, aber die wenigsten Menschen in der damaligen Sowjetunion dachten immer so.

Nicht jeder russische Offizielle hatte vergessen, dass Solzhenitsyn in den 60ern und 70ern einer der größten Kritiker der Sowjetunion war und Solzhenitsyns Buch „Der Archipel Gulag“ definitiv einer der Axtschläge war, der die Sowjetunion und das grausame System dahinter zur Fall brachte. Er selbst war lange Zeit ein Kommunist gewesen und trotzdem zerstörte er durch sein Buch in dem Moment, in dem er sich entschloss die Wahrheit zu sprechen und nicht länger die Augen zu verschließen, für immer die Glaubwürdigkeit des Kommunismus als ethisches System.

Er hat für seinen Platz in der Weltgeschichte der Literatur einen enormen Preis bezahlt – Schmerzen, Hunger, Angst vor Verbannung.

„Was mir gelungen ist, gleicht eher einem Ausblick durch ein Mauerloch auf den Archipel denn einem Rundblick vom Turm. Doch auch ein Schluck genügt, um zu wissen, wie das Meer schmeckt.- Alexander Solzhenitsyn

Der Archipel Gulag- Alexander Solzhenitsyn

Solzhenitsyn geht in seinem Buch systematisch durch die Schrecken der sowjetischen Arbeitslager, eines der schwärzesten Kapitel der Weltgeschichte.

Hier ein paar Ausschnitte:

Stelle 1 aus Solzhenitsyns: Der Archipel Gulag

Punkt 1 läßt uns wissen, daß jede Handlung (nach § 6 des StGB auch der Verzicht auf Handlung) als konterrevolutionär erkannt wird, sofern sie auf eine Schwächung der Macht abzielt. . . Eine weitere Auslegung ergab: Arbeitsverweigerung im Lager (weil du hungrig und erschöpft bist) bedeutet Schwächung der Macht. Und wird mit Erschießen bestraft. (Die Exekution der Arbeitsverweigerer während des Krieges.) Ab 1934, als man uns den Terminus »Vaterland« wiederschenkte, wurde der Paragraph durch die Vaterlandsverrats-Punkte 1a, ib, ic, ld ergänzt.

Eine auf die Schwächung des Kriegspotentials der UdSSR abzielende Handlung ist mit Erschießen zu bestrafen (ib), welches nur bei mildernden Umständen oder bei Zivilpersonen in zehn Jahre Haft (1a) umgewandelt werden darf. Weit ausgelegt: Wenn unsere Soldaten dafür, daß sie sich »dem Feind ergeben haben« (Schädigung des Kriegspotentials!) zu lediglich zehn Jahren verurteilt wurden, deutet sich darin ein beinahe schon ungesetzlicher Akt der Humanität an. Laut Stalinscher Gesetzgebung hätten sie nach ihrer Heimkehr allesamt erschossen werden müssen.

Stelle 2 aus Solzhenitsyns: Der Archipel Gulag

Gulag

Wenn man den früheren Menschen auf ihr stetes banges Fragen nach der Welt - wie sie in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren wohl aussieht? - geantwortet hätte, daß in vierzig Jahren in Rußland die peinliche Befragung eingeführt sein würde, die da war: den Schädel mit einem Eisenring zusammenpressen, den Angeklagten in ein Säurebad tauchen, ihn nackt und gefesselt Ameisen oder Wanzen aussetzen, ihm eine glühende Stahlrute in den After treiben (»Geheimstempel«), langsam mit dem Stiefel seine Geschlechtsteile zertreten und, als leichtester Grad, ihn tagelang mit Schlaflosigkeit und Durst martern, ihn zu einem blutigen Klumpen schlagen - dann wäre kein Tschechow- Stück zu Ende gegangen, dies hätte alle Helden ins Irrenhaus gebracht.

Ach, nicht nur die Tschechowschen Gestalten - welcher normale russische Mensch, nicht minder jedes Mitglied der RSDRP, hätte am Beginn des Jahrhunderts solches glauben, eine solche Schmähung der lichten Zukunft ertragen können? Was zu Zar Alexej Michailowitsch noch paßte, was unter Peter I. bereits als barbarisch empfunden wurde, was unter Biron an zehn bis zwanzig Personen angewandt werden konnte und seit der Großen Katharina völlig unmöglich war, das wurde in der Blütezeit des brillanten 20. Jahrhunderts, in einer Gesellschaft, die nach sozialistischen Grundsätzen geplant war, in Jahren, als bereits Flugzeuge flogen, Tonfilm und Radio erfunden waren, vollzogen, nicht von einem einzelnen Bösewicht, nicht an einem einzelnen verborgenen Ort, sondern von Zehntausenden darauf gedrillten Menschenbestien an wehrlosen Millionen von Opfern.

Stelle 3 aus Solzhenitsyns: Der Archipel Gulag

Der Mensch agiert halb unbewußt oder vollends unkontrolliert, so daß wir ihm wegen seiner Aussagen nicht böse sein dürfen*. Sie sagten es unumwunden: »Sie wollen nicht aufrichtig sein, darum ist es Ihnen verboten zu schlafen!« Manchmal wurde der Raffinesse halber nicht das Stehen verordnet, sondern das Sitzen auf einem weichen Diwan, was besonders zum Schlafen einlädt (der diensthabende Wärter saß daneben und puffte den Betroffenen in die Seite, sobald dem die Augen zufielen). Folgendermaßen beschreibt ein Opfer (das den vorherigen Tag zudem in einer Wanzenbox abgesessen hatte) seine Empfindungen nach dieser Folter:

»Schüttelfrost nach dem großen Blutverlust. Die Augen sind ausgetrocknet, als hielte jemand ein glühendes Eisen daran. Die Zunge ist vor Durst angeschwollen und sticht bei der leisesten Bewegung wie ein Igel. Schluckkrämpfe schnüren einem die Kehle zu.«

Nicht nur, daß du nicht schläfst, du wirst auch noch drei, vier Tage und Nächte lang ununterbrochen voneinander ablösenden Untersuchungsrichtern verhört. Die bereits erwähnte Wanzenbox, ein dunkler Bretterverschlag mit einer hundertköpfigen, tausendköpfigen Wanzenzucht. Mit nacktem Oberkörper wird der Delinquent hineingestoßen, im Nu haben die hungrigen Wanzen von ihm Besitz ergriffen, fallen gierig über ihn her, stürzen sich von der Decke auf ihn herunter. Am Anfang kämpft er erbittert, schlägt um sich, glaubt in ihrem Gestank zu ersticken; nach einigen Stunden sinkt er kraftlos zusammen und läßt sich widerstandslos aussaugen.

Stelle 4 aus Solzhenitsyns: Der Archipel Gulag

Die Phantasie und Geisteskraft der shakespearischen Bösewichter machte an einem Dutzend von Leichen halt. Denn es fehlt einem die Ideologie. Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt. Jene gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Taten vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, nicht Verwünschungen, sondern Huldigungen und Lob.

So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Erhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner (die früheren und die späteren) an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generationen.
Dank der Ideologie war es dem 20. Jahrhundert beschieden, die millionenfache Untat zu erleiden. Sie ist nicht zu leugnen, nicht zu umgehen, nicht zu verschweigen, und doch wollen wir es wagen, darauf zu bestehen, daß es Bösewichter nicht gibt? Wer hat denn diese Millionen vernichtet? (…)

Ein Rätsel ist's, nicht für uns Zeitgenossen zu lösen: Weswegen ist es Deutschland gegeben, seine Mörder zu strafen, und Rußland nicht? Welch verhängnisvoller Weg steht uns bevor, wenn es uns nicht gegeben ist, die giftige Fäulnis aus unserem Leibe zu schneiden? Was soll dann die Welt von Rußland lernen?

Wir sollten Solzhenitsyns Warnung nicht vergessen: "Es gibt immer diesen Irrglauben, dass es hier nicht das gleiche passieren könnte. Hier sind solche Dinge unmöglich. Alles Böse des zwanzigsten Jahrhunderts ist überall auf der Erde möglich. Dennoch habe ich nicht die Hoffnung aufgegeben, dass die Menschen und Nationen trotzdem von den Erfahrung von anderen Menschen lernen können ohne es persönlich durchzustehen. Wenn es nur so einfach wäre! Wenn irgendwo böse Menschen böse Taten begehen und es nur nötig sei, sie vom Rest von uns zu trennen. Aber die Grenze, die Gutes und Böses teilt, fließt durch das Herz eines jeden Menschen.
"

Solzhenitsyns "Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt."

Solzhenitsyn

Ob Solzhenitsyn , Nelson Mandela oder Gandhi. Sie alle kamen auf die gleiche Antwort. Wenn jeder so passiv denkt, wie ich, wird sich nichts ändern. Was passiert, wenn ich anfange die Wahrheit auszusprechen, meine eigenen Fehler und meine Korruption einzugestehen und schaue, inwiefern ich zu diesem Problem beigetragen habe.

Solzhenitsyn sagte in seiner Nobelpreisrede, dass eine einzelne Person, die aufhört zu lügen, eine Tyrannei niederbringen kann, was er selbst bewiesen hat. Eine atemberaubende Leistung für eine Person, die dieses Buch zu schreiben begann, als er selbst ein Opfer in einem der Gulags war.

Da es wegen meiner schlechten Russischkenntnisse nicht so einfach ist diese Rede aus dem Russischen zu übersetzen und weil die Rede viel zu lang ist, um sie dir komplett abzubilden. Deshalb wird dieser kleine Ausschnitt eine Mischung aus wörtlichen Zitaten und einer eigenen Zusammenfassung.

Das Original findest du hier:

(hier klicken)

Eines Tages warf Dostojewski die rätselhafte Bemerkung aus: "Schönheit wird die Welt retten". Was für eine Aussage ist das? Für eine lange Zeit hielt ich es für bloße Worte. Wie könnte das möglich sein? Wann in der blutrünstigen Geschichte hat die Schönheit jemanden von irgendetwas retten können?

In diesem Fall war Dostojewskis Bemerkung, "Schönheit wird die Welt retten", keine unvorsichtige Phrase, sondern eine Prophezeiung. Könnte die Schönheit in Form der Literatur wirklich in der Lage sein, der heutigen Welt zu helfen?

Literatur kann ein Wunder vollbringen. Von Mensch zu Mensch überträgt die Kunst das ganze Gewicht einer unbekannten, lebenslangen Erfahrung mit all ihren Lasten, ihren Farben, ihren Einblicken in das Leben. Es erlaubt uns eine unbekannte Erfahrung als unsere eigene zu besitzen.

Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern gab es erhitzte, wütende und exquisite Diskussionen darüber, ob Kunst und der Künstler frei sein sollten, für sich selbst zu leben, oder ob er immer auf seine Pflicht gegenüber der Gesellschaft achten und dieser dienen sollen, wenn er dabei auch mit Vorurteilen handeln und die Wahrheit verschweigt.

Lassen Sie uns nicht gegen das RECHT des Künstlers verstoßen, ausschließlich seine eigenen Erfahrungen und Introspektionen auszudrücken.
Die Moleküle des Wissens und der Sympathie dürfen nicht von einer Hälfte zur anderen überspringen. Dies stellt eine grassierende Gefahr dar: Die Unterdrückung von Informationen, die zu Entropie und totaler Zerstörung führt.

Wer einmal das Wort aufgegriffen hat, kann sich nie wieder entziehen. Freunde! Lassen Sie uns versuchen zu helfen, wenn wir überhaupt etwas wert sind! Die Literatur hat es in ihrer Macht, kondensierte Erfahrungen von einem Land zu einem anderen zu vermitteln, damit wir aufhören, gespalten und geblendet zu werden, dass die verschiedenen Werte zu vereinbaren sind, und eine Nation lernt richtig und prägnant die wahre Geschichte zu erzählen, um von der Wiederholung der gleichen grausamen Fehler verschont zu werden.

Man sagt uns: Was kann die Literatur gegen den rücksichtslosen Angriff der offenen Gewalt tun? Aber lassen Sie uns nicht vergessen, dass Gewalt nicht allein lebt und nicht allein leben kann: Sie ist notwendigerweise mit Lüge verbunden. Zwischen ihnen liegt die intimsten, die tiefste aller natürlichen Bindungen. Gewalt findet seine einzige Zuflucht in der Lüge, die Lüge ist nur ihre Anwendung. Gewalt heißt nicht immer, nicht notwendigerweise, andere zu erdrosseln, öfter verlangt es von seinen Untertanen nur einen Eid der Treue zur Lüge, nur die Mittäterschaft in der Lüge.

Und der einfache Schritt eines einfachen mutigen Mannes ist es nicht, an der Lüge teilzunehmen, nicht die falschen Handlungen zu unterstützen! Aber Schriftsteller und Künstler können mehr erreichen: sie können die Lüge besiegen. Im Kampf mit Falschheit hat die Kunst immer gewonnen und sie gewinnt immer! Offen, unwiderlegbar für alle! Falschheit kann sich in dieser Welt gegen viel behaupten, aber nicht gegen die Kunst.

Das ist der Grund, warum meine Freunde, ich glaube, dass wir der Welt in dunkelsten Stunde helfen können. Nicht durch die Entschuldigung, keine Waffen zu besitzen, und nicht indem wir uns einem frivolen Leben hingeben - sondern durch den Krieg (mit Worten)!

Sprichwörter über die Wahrheit sind auf Russisch sehr beliebt. Sie geben dem nicht unerheblichen harten nationalen Erlebnis einen stetigen und manchmal auffallenden Ausdruck:

EIN WORT DER WAHRHEIT ÜBERWINDET DIE GANZE WELT.

Was wir von Alexander Solzhenitsyn lernen können?

atlas mythologie

Es geht nicht nur um den Schriftsteller oder Künstler. Es geht um jedes Individuum. Solzhenitsyn sagte in seiner Nobelpreisrede, dass eine einzelne Person, die aufhört zu lügen, eine Tyrannei niederbringen kann, was er selbst bewiesen hat. Deshalb ist Solzhenitsyn ein Mentor für mich, von dem wir eine Menge viel lernen können.

Wir schieben durch jede Lüge die Welt einen Schritt näher in Richtung der Vernichtung. Die historischen Beweise sind kristallklar. Jeder einzelne Mensch ist ein Zentrum der Welt, aber nicht "das" Zentrum der Welt. Unsere Handlungen haben manchmal Welleneffekte. Deine Handlungen beeinflussen deiner Familie und Freude, die wiederum deren Familie und Freunde beeinflussen und so verbreitet sich das Ganze, wie ein Lauffeuer.

Das ist eine der Sachen, die ich an Solzhenitsyn mag - die Betonung der persönlichen Verantwortung. Ja, vielleicht ist das Leben zum Teil tragisch und bitter, aber du und ich haben keine Ahnung, was passieren würde, wenn jeder beginnen würde aufzuhören sich und andere zu belügen und Dinge zu tun, von denen wir wissen, dass sie falsch sind.

Oft wird es so präsentiert als sei in Nazi- Deutschland oder in diesem Fall die Sowjetunion eine gute Bevölkerung von einer kleinen Minderheit von schlechten Leuten unterdrückt und manipuliert worden. Jein, auch.

Das ist aber nicht wirklich eine gute Theorie, um das Ganze zu erklären. Auf jeder Ebene, jede soziale Organisation von oben nach unten hat es toleriert, hingenommen und Dinge ausgeführt, von denen sie WUSSTEN, dass sie moralisch falsch sind.

EIN WORT DER WAHRHEIT ÜBERWINDET DIE GANZE WELT.

3 Comments

  1. […] Aleksandr Solzhenitsyn entlarvt in seinem Buch „Der Archipel Gulag“ den gesamten Apparat der sowjetischen Unterdrückung – den Staat innerhalb des Staates, der allmächtig regierte. Durch seine eigene Inhaftierung und Verbannung sowie durch Beweise von mehr als 200 Mitgefangenen und sowjetischen Archiven, enthüllt Solzhenitsyn Porträts der Opfer – Männer, Frauen und Kinder, die in den Arbeitslagern (Gulags) und Gefängnissen leiden mussten. […]

  2. […] Solzhenitsyn und die wichtigsten Lehren seiner Nobelpreisrede: Verantwortung und Wahrheit […]

  3. […] Aber als er sich im jungen Erwachsenenalter niederließ, fühlte er das Bedürfnis, mehr Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Zu diesem Zweck beschloss er, seine Leidenschaften einzudämmen, […]

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