Neurotizismus & die Big 5 der Persönlichkeit:Warum du dich freiwillig dem Unangenehmen aussetzen solltest

Neurotizismus ist eine Eigenschaft der sogenannten Big 5 der menschlichen Persönlichkeit. Es handelt sich um ein Modell der Persönlichkeitspsychologie, mit dem die Wesensmerkmale einer Person klassifiziert werden. Der Begriff und das Konzept gehen auf den Psychologen Hans Jürgen Eysenck zurück.

Neurotizismus kann am besten als subjektive Anfälligkeit für negative Emotionen bzw. Erlebnisse aufgefasst werden. Wie bei den anderen Merkmalen der Big Five liegt die Heritabilität (Erblichkeit) bei circa 48 % und ist zum großen Teil genetisch bedingt. Der Korpus der Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Neurotizismus relativ konstant im Leben eines Menschen bleibt, aber jedoch in der Lebensmitte stärker ausgeprägt ist, während der Neurotizismus im Alter eher abflacht.

Warumist es sinnvoll sich mit Neurotizismus zu beschäftigen? Weil keine andere Eigenschaft der Big 5 unsere Gefühlswelt so sehr bestimmt, wie der Neurotizismus. Von den Betroffenen wird er oft sehr negativ wahrgenommen.

Was sind die zentralen Merkmale des Neurotizismus?

Bei Menschen mit hohem Neurotizismuswert finden sich oft folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen:

• Neigung zu Nervösität
• Reizbarkeit, Launenhaftigkeit
• Neigung zu Unsicherheit
• Klagen über Ärger und Ängste
• Neigung zu Traurigkeit und Melancholie
• Hohe Sensibilität/Empflindlichkeit
• Stressanfälligkeit

Menschen mit niedrigen Neurotizismuswerten sind eher:

  • Ruhig
  • Zufrieden
  • Emotional stabil
  • Resilient
  • Balanciert

  • Allerdings muss es nicht bedeuten, dass Menschen mit niedrigeren Neurotizismuswert glücklicher sind. Neurotische Menschen (mit hoher Neurotizismus -Ausprägung) erleben nach Eysenck nur häufiger negative Emotionen.

    Die Biologische Basis des Neurotizismus

    Als Erklärung für die Basis des Neurotizismus dient das so genannte limbische System im Gehirn, welches unter anderem (vereinfachert gesagt) für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Neurotisches Verhalten ist damit Ergebnis einer starken Reaktion des Limbischen Systems auf externe Reize. Damit kommt es bei Personen mit hohem Neurotizismuswert öfter zu Neurosen, weil externe Reize stärker emotional kodiert und damit besser durch negative Ereignisse konditioniert werden.

    Das bedeutet kurz gesagt, dass emotional labile Menschen durch eine hohe Reagibilität des limbischen Systems gekennzeichnet sind, während emotional Stabile eine nur geringe Reagibilität des Systems zeigen. Wenn also eine Person mit hoher Ausprägung von
    Neurotizismus einer emotionsauslösenden Situation ausgesetzt wird, so führt die niedrige Erregungsschwelle des limbischen Systems für negative Emotionen dazu, dass die entsprechende emotionale Reaktion nicht nur früher einsetzt, sondern auch stärker ausfallen und länger anhalten kann, als bei einer Person mit niedrig ausgeprägtem Neurotizismus.

    Das heißt im Umkehrscchluss: Die Frage ist nicht, ob du neurotisch bist, sondern wie sehr. Ein Mensch mit hohen Neurotizismuswerten reagiert einfach nur intnsiver auf eine „Einheit von Chaos und Ungewissheit“.

    Die „positive“ Seite des Neurotizismus

    neurotizismus

    Die beste Analogie, die ich für das Neurotizismus -Persönlichkeitsmerkmal habe, ist der Seismograph. Er erkennt und erfasst seismische Wellen von Erdbeben. Es ist sehr empfindlich. Zum Beispiel wird ein Erdbeben auf niedrigem Niveau keine spürbare Bewegung in einer Gabel auf einem Tisch verursachen, aber der Seismograph spürt auch kleinste Bewegungen.

    Dieses Persönlichkeitsmerkmal funktioniert genauso. Diejenigen, die hohe Neurotizismuswerte haben, reagieren stärker auf diese Ereignisse und so können sie sich besser auf potentielle negative Ereignisse in der Zukunft vorbereiten, damit sie nicht von einem großen „Erdbeben“ überrascht werden.

    Ansätze zur Behandlung und Entgegenwirken von Neurotizismus

    Wir alle sind neurotisch. Die Frage ist: zu welchem Grad? Um zu verstehen, was wir gegen krankhaften Neurotizismus tun können, müssen wir erst einmal darüber nachdenken, was das Gegenteil des Neurotizismus ist: Es ist Seelenfrieden.

    Gerade deshalb gefällt mir die Definition des Neurotizismus von Brad Blanton, einem Psychologen und Therapeuten besonders gut:

    " Neurotizismus ist eine verzerrte Art, die Welt und sich selbst zu betrachten; die durch zwanghafte Bedürfnisse bestimmt ist, anstatt ein echtes Interesse an der Welt zu haben, genau wie sie ist. Es ist im Wesentlichen eine Weigerung zu akzeptieren, was in der Gegenwart geschieht. Ein Neurotiker ist eine Person, die unaufhörlich verlangt, dass das Leben anders ist, als es ist.

    Darüber habe ich schon eine ausführliche Episode zur radikalen Akzeptanz gemacht.

    Radikale Akzeptanz der Realität : Die Auflösung deiner inneren Zerrissenheit

    Solange wir zwanghaft verlangen, dass die Wirklichkeit in einer bestimmten Art und Weise sein MUSS, damit wir glücklich sind, werden wir leiden- und das nicht zu knapp.

    Das gilt nicht nur für die Realität, sondern auch für sich selbst! Und das ist das größte Verbrechen, das du begangen hast. Wenn du über dich selbst denkst, dass du nicht in einer bestimmten Art und Weise handeln darfst und dir damit künstliche Grenzen setzt, die du einhalten MUSST, leidest du. Hier ein paar Beispiele:

    * Wir müssen höflich sein.
    * Wir müssen immer von jedem gemocht werden.
    * Wir dürfen niemals lügen oder belogen werden.
    * Wir müssen uns anpassen.

    Und immer wenn wir gegen einen dieser unterbewussten Glaubenssätze verstoßen, die wir uns selbst als Zwang auferlegt haben, leiden wir als Folge.

    Heißt das, dass das wir hilflos sind?

    neurotisch

    "Nicht Dinge ändern sich, wir ändern uns."

    - HENRY DAVID THOREAU

    Während Tiere häufig einfach nur nach ihrer evolutionären Programmierung handeln und ein gewisser Stimulus eine passende Reaktion auslöst, haben wir Menschen die Gabe die Zukunft zu antizipieren und selbst zu entscheiden zu handeln oder es sein zu lassen.

    Pro-Aktivität bedeutet nicht nur, die Initiative zu ergreifen. Es beinhaltet auch, anzuerkennen, dass wir für unsere Entscheidungen selbst verantwortlich sind, dass wir die Freiheit haben zu wählen und nicht nur regieren müssen.

    Lass uns doch den Fokus darauf richten, was wir ändern können!
    Das ist dein Spielfeld- dein Raum der Kontrolle. Hier ist alles ein faires Spiel und niemand kann dir dazwischen funken.

    Wir müssen nur eine mentale Unterscheidung in Bezug auf die Wahrnehmung machen, wie die Stoiker sagen: Dinge, die wir kontrollieren können und Dinge, die wir nicht kontrollieren können.

    Wir können beispielsweise nicht das Wetter kontrollieren, aber unsere Reaktion darauf.

    Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.

    Du bist nicht hilflos!

    Wie wir eben angesprochen haben: Es gibt Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen und vor denen wir uns zu Recht Gedanken machen sollten. Beispielsweise wird es schwer zu leugnen, dass wir eines Tags sterben werden und dass es nicht in unserer Kontrolle liegt, wie andere uns behandeln oder ob wir krank werden oder nicht.

    Und gerade für diese unkontrollierbaren Dinge, ist es sinnvoll sich systematisch in radikaler Akzeptanz zu üben. Wenn dich interessiert, wie genau du radikale Akzeptanz üben kannst, kannst du dir gerne meinen Artikel zur radikalen Akzeptanz ansehen.

    Radikale Akzeptanz der Realität : Die Auflösung deiner inneren Zerrissenheit

    Stell dich deiner Angst

    Aber nur weil einige Dinge außerhalb unserer Kontrolle liegen, heißt es nicht, dass du hilflos bist.

    Die klinische Literatur in Bezug auf Neurotizismus und Anfälligkeit für Angst, Stress usw. ist ziemlich eindeutig. Es wird bestimmt, wo genau die Quelle der Angst liegt und was alles passieren könnte.

    Dann zerlegt man die große Angst in kleinere beherrschbare Probleme und setzt sich (oft unter Anleitung eines Therapeuten) nach und nach diesen Dingen aus, obwohl man Angst hat.

    Was passiert ist nicht, dass man weniger Angst hat und du auf einmal erkennst, dass die Welt nicht so gefährlich und instabil ist, wie du gedacht hast. Im Gegenteil.

    Die klinische Literatur zeigt, dass du stattdessen mutiger und resilienter wirst. Nach und nach weitest du dann deinen Zirkel des Muts aus, indem du dich immer und immer wieder den Ängsten stellst, die unangenehm sind.

    Was wir am meisten brauchen, ist immer da zu finden, wo wir am wenigsten suchen wollen. Je tiefer das Problem oder ein Irrtum in unserem Wertesystem ist, desto schwieriger ist die Revolution, desto mehr Angst und Ungewissheit werden als Folge der Umstrukturierung freigesetzt. Die Dinge, die das größte Wachstum geben, sind auch oft schmerzhaft. Unter solchen Umständen ist es leicht, weg zu laufen.

    Bei der Ablehnung unserer Fehler und Probleme gewinnen wir kurzfristige Sicherheit, aber wir wirken einem Wachstumsprozess entgegen, der es uns ermöglicht, unsere Schwächen zu überschreiten und unser schmerzhaft begrenztes Leben zu tolerieren. Ungewissheit ist etwas, dass die meisten Menschen zutiefst verängstigt. Niemand bringt uns bei, mit ihr umzugehen und sie zu akzeptieren. Wer sich jedoch bemüht den Umgang mit ihr zu lernen, der startet in ein völlig neues Leben.

    Das erinnert mich an den Phönix. Der Phönix ist ist ein Fabelwesen, der immer wieder wiedergeboren wird. Doch die Verwandlung kommt mit einem Preis- er muss vorher in Flammen aufgehen, um aus der Asche wiedergeboren zu werden. Jeder will Persönlichkeitsentwicklung, aber die Wenigsten sind bereit dafür symbolisch zu brennen bzw. im echten Leben seinen größten Ängsten ins Gesicht zu blicken.

    Warum du deinen Drachen besiegen musst, um die Ungewissheit zu beenden und die Kontrolle über dein Leben wieder herzustellen

    Die Konfrontation mit der Angst

    Konfrontation mit Angst

    Und die Konfrontation mit der Angst weist extrem interessante psychophysiologische Befunde auf. Es macht für dein Gehirn einen großen Unterschied, ob du die Angst freiwillig konfrotierst oder durch die Umstände dazu gezwungen wirst.

    Wenn ein gewisser Stress oder Reiz auf zwei verschiedene Gruppen von Menschen ausgeübt wird, während eine Gruppe den Stress freiwillig wählt und die andere Gruppe ohne ihr Einverständnis mit demselben Stress konfrontiert wird, gibt es große Unterschiede in der menschlichen Reaktion auf diesen Stress.

    Das Gehirn verwendet ein ganz unterschiedliches physiologisches System, um mit dem Reiz umgehen zu können. Wenn der Stress freiwillig gewählt wird, wird das System verwendet, das mit Herausforderung assoziiert ist und nicht das der defensiven Aggression und des Rückzugs- derselbe Reiz, aber trotzdem komplett verschiedene Reaktionen des Körpers.

    Wie du dir vorstellen kannst, ist das System, das mit Herausforderungen verbunden ist, auch mit deutlich mehr positiven Emotionen verknüpft.

    So hast wenigstens eine Möglichkeit selbst in den Prozess von Chaos und Ordnung einzugreifen und dein Umfeld zu stabilisieren. Denn fast niemand kann ohne ein gewisses Maß an Vorhersagbarkeit und Stabilität leben.

    Es gibt so viele Dinge, die wir nicht in der Hand haben. Doch es beginnt immer mit den kleinen Dingen, wenn es darum geht Verantwortung zu übernehmen:

    Zuerst räumen wir unsere Wohnung auf, wir organisieren unsere lokale Umgebung, wir planen unsere Zeit. Wir übernehmen Kontrolle über unsere physische Umgebung.

    Dann räumen wir in unserem Kopf auf. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass sie uns zerfressen und die unterbewusst ablaufen. Diese können wir erst einmal hinten anstellen. Ich bin überzeugt: Jeder (und ich meine absolut jeder) hat Dinge in seinem Leben, von denen er weiß, dass sie ihm nicht gut tun, aber sie trotzdem regelmäßig tut.

    Du weißt womöglich direkt, wovon ich spreche. Du musst nicht direkt die Welt retten. Das erwartet niemand. Vielleicht kannst du aber dazu beitragen dich und dein Leben besser zu machen, indem du aufhörst die Dinge zu tun, von denen du WEIßT, dass sie dich mental schwächer machen.

    2 Comments

    1. […] glaubte, dass diese neurotischen Symptome in der überwältigenden Mehrheit der Fälle ein direktes Ergebnis einer unzureichenden Annäherung […]

    2. […] lernen mit dem zufrieden sein zu können, was du hast, sodass die Verfolgung deiner Ziele weniger neurotisch […]

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