Kain und Abel: Warum du dein ideales Ich unter keinen Umständen verwerfen solltest

Bevor ich mit der Analyse der Geschichte von Kain und Abel beginn muss ich dazu sagen, dass ich kein großer Freund von dem Dogma bin, das Religion und das Christentum umgibt und dass die „Missachtung Gottes“ dazu führt, dass du in der Hölle brennen wirst. Die Ideologie und das Dogma hinter den Religionen hat eine Menge unnötiges Leid verursacht und wie du dir vorstellen kannst, bin ich kein Fan davon unschuldige Individuen für eine Ideologie leiden zu lassen- im Gegenteil: Ich lehne es zutiefst ab.

Trotzdem kann man nicht verschweigen, dass hinter den in den Geschichten im alten Testament zeitlose Wahrheiten enthalten sind, die tiefer gehen als die meisten Religionskritiker (wie ich) zugeben wollen. Es ist denkbar, dass einige der Geschichten so alt sind wie die menschliche Fähigkeit selbst Geschichten zu erzählen. Die Menschen schufen und erinnern sich an diese Geschichten aus Gründen, die wir wirklich nicht verstehen.

Ich monopolisiere auch nicht meinen Deutungsweg als einzigen richtigen Weg- vielleicht liege ich vollkommen falsch. Vielleicht aber kannst du dieser Deutung der Kain und Abel Geschichte, die du garantiert noch nie sie gehört hast, etwas abgewinnen. Und ich bin mir bewusst, dass man in jede Geschichten etwas hineininterpretieren kann, was gar nicht da ist- besonders bei religiösen Geschichte. Hier ein Beispiel für eine dubiose Überinterpretation aus dem Kochbuch eines Buchladens. Das Buch heißt „ a taste of Hawaii“. Darin habe ich eine noch ungebundene mystische Abhandlung entdeckt. 😉 Was zuerst wie ein Rezept scheint, müssen wir nur studieren, um zu wissen, dass wir in der Gegenwart einer unvergleichlichen spirituellen Intelligenz sind: (IRONIE!!!)

Snapper Filet, gewürfelt
3 Teelöffel gehackte Schalotten
Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
ein Schuss Cayennepfeffer
2 Teelöffel gehackten frischen Ingwer
1 Teelöffel gehackter Knoblauch
8 Garnelen, geschält, und gewürfelt
½ Tasse Sahne; 2 Eier, leicht geschlagen
3 Teelöffel Reiswein; 2 Tassen Brotkrümel
3 Esslöffel Pflanzenöl; 2 ½ Tassen Tomaten

Das Snapper-Filet ist natürlich das Individuum selbst – du und ich- im Meer des Daseins. Aber hier finden wir es gewürfelt vor. Das heißt, dass unsere Situation in allen drei Dimensionen von Körper, Verstand und Geist wahrgenommen werden muss.

Drei gleich große Teelöffel gehackte Schalotten stimmen auch mit dem Motiv der Dreifaltigkeit überein, was darauf hindeutet, dass das, was wir brauchen gleichermaßen in gleichem Verhältnis Ernst genommen werden muss. Der Import der Passage ist klar: Körper, Geist und Seele müssen mit der gleichen Sorgfalt gepflegt werden.

Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer: hier haben wir die ewige Erwähnung der Gegensätze und der Dualität, die auh im Ying und Yang- Symbol zu finden ist – die weißen und die schwarzen Aspekte unserer Natur. Sowohl das Gute als auch das Böse müssen verstanden werden, wenn wir das Rezept für das geistige Leben erfüllen würden. Nichts kann schließlich von der menschlichen Erfahrung ausgeschlossen werden. Salz und Pfeffer kommen zu uns in Form von Körnern, das heißt, dass unsere guten und schlechten Qualitäten aus den kleinsten Handlungen geboren sind. So sind wir im Allgemeinen nicht gut oder böse, sondern nur durch unzählige Momente geprägt, die den Strom unseres Seins mit Gewalt der Wiederholung färben.

Ein Schuss Cayennepfeffer: Klar Cayennepfeffer ist von solch intensiver Farbe und Geschmack. Das bedeutet den spirituellen Einfluß eines Erleuchteten der alle durchdringt und uns einen Geschmack von Gott und seinem Reich hier auf Erden gibt. Was sollen wir aus der Mehrdeutigkeit seiner Messung machen? Wie viel ist ein Schuss? Hier müssen wir uns auf die Weisheit des Universums verlassen. Der Lehrer selbst wird genau wissen, was wir als Unterricht brauchen.

Und es ist gerade an diesem Punkt des Texts, dass die Zutaten, Hinweise auf die Würze des spirituellen Strebens aussprechen. Denn nach einem Schuss Cayennepfeffer finden wir zwei Teelöffel gehackten frischen Ingwer und einen Teelöffel gehackten Knoblauch. Auch hier wird wieder auf die Dreifaltigkeit hingedeutat, die die beiden Seiten unserer geistigen Natur (männlich und weiblich) vereint.

Als nächstes kommen die acht geschälten und gewürfelten Garnelen. Die acht Garnelen stellen natürlich die acht weltlichen Sorgen dar, die jeder geistige Aspirant zu verurteilen hat: Ruhm und Schande; Verlust und Gewinn; Freude und Schmerz; Lob und Schuld. Jeder muss symbolisch wie die Garnele enthauptet und geschält (also offenbart) werden. Das heißt gereinigt zu werden, um seine ganze Kraft und Liebe zu offenbaren und uns durch das Schälen und Waschen auf den Weg der Praxis zu bringen.
….

Ich könnte ewig weitermachen. Dass eine solche metaphorische Akrobatik auf fast jedem Text angewendet werden kann und dass sie in diesem Kontext reiner Bullshit ist, ist logisch, aber wenn es sich nicht um ein Kochrezept handeln würde und man einen Kult darum aufbauen würde, würde es tatsächlich Leute geben, die das Ganze glauben.

Trotzdem glaube ich, dass an der Kain und Abel Geschichte mehr dran ist als metaphorische Akrobatik.

Die Geschichte von Kain und Abel

Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger. Sie brachte einen Sohn zur Welt und sagte: »Mit Hilfe des Herrn habe ich einen Mann hervorgebracht.« Darum nannte sie ihn Kain.
2 Später bekam sie einen zweiten Sohn, den nannte sie Abel. Abel wurde ein Hirt, Kain ein Bauer.
3 Einmal brachte Kain von seinem Ernteertrag dem Herren ein Opfer.
4 Auch Abel brachte ihm ein Opfer; er nahm dafür die besten von den erstgeborenen Lämmern seiner Herde. Der Herr blickte freundlich auf Abel und sein Opfer,
5 aber Kain und sein Opfer schaute er nicht an.
Da stieg der Zorn in Kain hoch und er blickte finster zu Boden.
6 Der Herr fragte ihn: »Warum bist du so zornig? Warum starrst du auf den Boden?
7 Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Du musst Herr über sie sein!«
8 Kain aber sagte zu seinem Bruder Abel: »Komm und sieh dir einmal meine Felder an!« Und als sie draußen waren, fiel er über seinen Bruder her und schlug ihn tot.
9 Der Herr fragte Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?«
»Was weiß ich?«, antwortete Kain. »Bin ich vielleicht der Hüter meines Bruders?«
10 »Weh, was hast du getan?«, sagte der Herr. »Hörst du nicht, wie das Blut deines Bruders von der Erde zu mir schreit?
11 Du hast den Acker mit dem Blut deines Bruders getränkt, deshalb stehst du unter einem Fluch und musst das fruchtbare Ackerland verlassen.

Kain und Abel

Kain und Abel – Die Einordnung in den biblischen Kontext

Wir wissen historisch, dass die Bibel von Menschen geschaffen wurde und nicht nur einen Autor hat, sondern eine Vielzahl von Autoren. Deshalb habe ich mich schon immer gefragt, wer darauf gekommen ist diese Geschichten in dieser Reihenfolge zu ordnen? Hat es es einen Sinn oder ist es reine Willkür? Meine Antwort: Ich weiß es nicht, aber ich versuche ein Argument dafür zu gaben, dass es nicht reine Willkür ist.

Die Reihenfolge der Geschichten, die ich in ein paar Worten ansprechen möchte, lautet nämlich:

1. Adam und Eva
2. Kain und Abel

Erst einmal möchte ich die Geschichte von Adam und Eva in den Kontext setzen. Nachdem Adam und Eva von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben und „bewusst“ geworden sind, ist das erste, was sie bemerken, dass sie nackt sind. Und auch noch heute ist Nacktheit eine eindeutige mythologische Beschreibung von Verwundbarkeit bzw. Verletzlichkeit.
Sie leben nicht mehr im Paradies und im Garten Eden. Sie haben die Zukunft entdeckt und mit ihr eine schreckliche Erkenntnis. Sie erwachen und werden sich der Grausamkeit der Welt bewusst.

Wenn du feststellst, dass du anfällig für den Tod bist, ist das erste, was du tun wirst, ist zu beginnen, dein Leben in einer Art und Weise zu konstruieren und neu zu ordnen, so dass du dich vor Unglücken in der Zukunft schützen kannst. Wenn du weißt, dass der Winter in der Zukunft lauert, solltest du dich vorbereiten.

Doch das Bewusstsein kommt mit einem Preis, den Tiere nicht zahlen müssen- Sorgen. Du wirst arbeiten, du wirst viel Zeit schwitzend und in Schmerzen verbringen und trotzdem eines Tages sterben und du kannst nichts dagegen tun.

Außerdem musst du noch verarbeiten, dass das Leben ganz objektiv gesehen ( subjektiv muss das nicht der Fall sein) ohne Sinn ist. Das ist durch die mythologische Repräsentation des Sisyphos ziemlich genau dargestellt.

Seine Strafe in der Unterwelt bestand darin, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Doch der Stein entgleitet ihm immer kurz vor Erreichen des Gipfels und er musste immer wieder von vorne anfangen. Heute nennt man deshalb eine Aufgabe, die trotz großer Mühen nie abgeschlossen wird, Sisyphusarbeit.

„Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“

Es scheint mir eine dunkle, aber sehr realistische existenzielle Darstellung zu sein.

Kain und Abel sind nun die ersten echten Menschen, die auch von Menschen geboren wurden. Gerade das verstärkt die Warnung der Geschichte. Doch es gibt eine Hoffnung für den Menschen in diesem existenziellen CHAOS. Das ist die Idee der Opferung.

Opferung- eine der wichtigsten Ideen des Westens

Was können wir nun gegen diesen existentiellen Schmerz tun?

Kain und Abel opfern für Gott. Opferungen sind in fast menschlichen Kulturen vertreten. Warum machen die Menschen Opfer für Gottheiten, um ihnen zu gefallen? Es scheint wie ein Rätsel für moderne Menschen. Welche Opfer du machst, fragst du?

  • Du hast eine Ausbildung oder ein Studium gemacht
  • Du isst nicht jeden Tag 15.000 Kalorien, obwohl sie zur Verfügung stehen
  • Du sparst Geld, anstatt alles auszugeben
  • Du gehst arbeiten, anstatt den ganzen Tag nur Fernsehen zu schauen
  • ….

    Jeder macht Opfer. Zum Glück haben wir diese Opferidee auf ein neues Level der Abstraktion bringen können und Opfern nicht mehr wirklich Tiere und Menschen für Gottheiten.

    Wir haben gelernt, dass wir etwas aufschieben können, was wir jetzt in diesem Moment wollen, um in der Zukunft mehr zu haben. Diese Realisierung steht absolut im Widerspruch zu unseren alten Grundtierinstinkten der sofortigen Befriedigung. Kein Wolf wird nachdem er ein großes Stück Fleisch in einer einzigen Mahlzeit gegessen hat, denken: Ich hasse es, wenn ich mein Hunger nicht kontrollieren kann und es alles auf meinen Hüften landet.

    Achtung: vereinfachter und evolutionär nicht ganz korrekte Darstellung, die aber zur Vereinfachung dienen soll:

    Vielleicht kann ich dieses Mammut nicht alleine essen, aber ich kann den Rest auch nicht zu lange aufbewahren. Vielleicht sollte ich ein paar anderen Leuten etwas abgeben, damit sie sich an mich erinnern und mir auch etwas von ihren Mammuts abgeben, wenn sie einiges übrig haben.

    Damit entstehen eine Reputation des Individuums und ein gewisser Sozialvertrag der Moral und des Handles. Versuch einmal einen Wolf von diesen Ideen der Moral, der Opferung zu überzeugen. Viel Glück damit!

    Vereinfacht gesagt: Millionen von Jahren Evolution hat sich diese Strategie als sinnvoll erwiesen und wir haben eine Schlussfolgerung gezogen, dass der Erfolgreiche unter uns impulsive Befriedigung verzögert und in Verhandlung mit der Zukunft tritt- also ein Opfer erbringt.

    Solche Opferarbeiten sind die Verzögerung der Befriedigung des Vergnügens, aber das ist eine zu banale Phrase, um eine der interessantesten Ideen des Westens zu beschreiben. Wir haben die Zukunft kennengelernt. In den düsteren Nebeln der Zeit begannen wir zu erkennen, dass die Struktur der Realität verhandelbar ist und dass angemessene Opfer in der Gegenwart in unserer Zukunft weniger Leiden und Belohnungen bringen werden.

    Wir haben die persönliche Verantwortung für unser eigenes Leben unsere Zukunft zu formen. Ich rede nicht vom Leben nach dem Tod, sondern von dem realen Leben auf der Erde.
    Unsere Bemühungen von heute können die Qualität von morgen bestimmen.

    Und ich kann verstehen, dass es für Leute schwer ist Opfer zu bringen, weil natürlich jeder von sein Vergnügen in der Gegenwart maximieren möchte. Dennoch lautet die Hypothese: Wenn du nun in der Gegenwart etwas von Wert (Zeit, Geld…) opferst, kannt du beeinflussen, dass du die Dinge in der Zukunft besser für dich laufen werden, als wenn du dich nur den hedonistischen Freuden hingibst und dich nicht auf die Zukunft vorbereitest.

    Der Philosoph Karl Popper sagte, dass der Zweck des Denkens ist, seine Gedanken sterben zu lassen anstatt dich selbst zu lassen. Das ist eine brillante Vorstellung. Du kannst mental eine Vielzahl von potenzialen Szenarien beschwören und durchdenken ohne selbst zu scheitern. Das Wissen gibt dir eine Möglichkeit deine Zukunft positiver zu gestalten und in der Gegenwart Anpassungen vorzunehmen.

    Die Marshmallow-Studie

    Auf der einen Seite hast du absolut Recht: Wie deine Zukunft aussieht, hängt oft davon ab, welche Entscheidungen du in der Gegenwart triffst. Dadurch ist die so genannte Marshmallow- Studie auch bekannt geworden.

    marshmallow studie

    Der Psychologe Walter Mischel besuchte im Rahmen des Experiments regelmäßig Vorschulen in Stanford. Sechs Jahre lang machte er knapp 700 Kindern ein Angebot, das mich als Kind in den Wahnsinn getrieben hätte: Sie konnten einen Marshmallow, entweder sofort essen oder ein paar Minuten warten, um einen zweiten zu erhalten. Er verließ daraufhin den Raum und ließ die Kinder warten.

    Das Ergebnis seiner Originalstudie klingt ziemlich uninteressant: Manche Kinder hatten die Fähigkeit zu warten- andere Kinder nicht. Vor allem war ihre Geduld davon abhängig, ob sie sich währenddessen auf die Belohnung konzentrierten oder nicht.

    Doch etwa zehn Jahre später, wurde Kontakt mit den Eltern der Kinder aufgenommen, die damals an der Marshmallow-Studie teilgenommen hatten. In einer zweiten Studie stießen die Psychologen auf einen interessanten Zusammenhang.

    Die Kinder, die im Rahmen der 1. Studie nicht warten können und den Marshmallow direkt aßen, galten als emotional instabiler, ungeduldig und neidisch. Auch in der Schule hatten sie unabhängig von ihrem IQ schlechtere Noten. Die Kinder, die in der Lage waren, eine Belohnung aufzuschieben, waren stressresistent, emotional stabil und sozial kompetent.

    Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub ist laut der Studie eine Erfolgseigenschaft. Die Kinder, die dazu in der Lage waren, waren in ihrem Leben deutlich erfolgreicher als die Gruppe der ungeduldigeren Kinder.

    Die zweideutige Natur der Kain und Abel- Geschichte

    Aber in der Geschichte von Kain und Abel ist kein Satz darüber, warum Kains Opfer abgelehnt wurde. Man kann vermuten, dass Kains Opfer nicht von hoher Qualität war. Es gibt einen Hinweis, dass Abel einen bisschen mehr investiert hat („er nahm dafür die besten von den erstgeborenen Lämmern seiner Herde“)

    Aber das bleibt eine Vermutung. Fakt ist: Kains Arbeit und Kains Opfer wird von Gott abgelehnt. In dem Moment haben wir große Sympathie für Kain, weil jeder von uns es kennt, wenn unsere harte Arbeit nicht von der Gesellschaft, unseren Freunden, dem Schicksal oder wem auch immer (in diesem Fall: Gott) belohnt und gewürdigt wird. Das Schlimme daran ist, dass wir noch nicht einmal wissen, warum? Warum tut uns das Schicksal, das Leben, Karma… (hier beliebigen Begriff einfügen) das an, während die Opfer anderer Menschen belohnt werden?

    Kain fragt sich vielleicht: „Was in der Welt ist hier los? Ich arbeite mich kaputt, bringe meine Opfer und bekomme nichts außer Missbiligung und Ignoranz, während mein Bruder gelobt wird und Aufmerksamkeit und Liebe bekommt. Welches Wesen ist so grausam, um so eine Realität zu schaffen?“

    Ich denke jeder von uns kann bis zu diesem Punkt mit Kain sympathisieren. Ich denke, dass diese Mehrdeutigkeit ein realistisches Bild malt. Wenn dir ein Unglück passiert, weißt du auch nicht, ob dir ein Unglück passiert ist, weil du dazu beigetragen hast oder ob eine Macht von außen (die Gesellschaft, der Staat, Pech…) in das Unglück gestürzt hat.

    Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Du musst Herr über sie sein!

    Kain verweigert also die Verantwortung bei sich zu suchen und richtet seinen Charakter nicht nach dem Ideal aus und dem, was er sein könnte, wenn er zurück an die Arbeit gehen würde und neue "Opfer" bringen würde und verflucht Gott insgeheim dafür. Du fragst dich vielleicht: Warum sollte jemand sein Ideal töten? Das Problem ist, dass du einen Richter hast, sobald du ein Ideal hast.

    Was dagegen einfacher ist, ist sein Ideal zu zerstören anstatt zu versuchen es zu verfolgen, weil ein Wertesystem immer auch Verantwortung bedeutet. Du wirst dein eigener Richter und unterdrückst deine Impulse, um moralisch nach deinem Ideal zu handeln. Einzugestehen, dass du (manchmal!!!!! ) Mitschuld an dem hast,, was dir Schreckliches passiert, ist eine verdammt unangenehme Vorstellung.

    Es gibt diese Idee, dass wir Menschen ein Gewissen haben und es dieses Gefühl oder die Stimme in deinem Kopf ist, die kurz bevor du etwas Dummes tust, sagt, dass es dumm ist und du es nicht tun solltest. Aber du entscheidest dich dagegen auf dieses Gewissen zu hören und so passiert das, was passieren muss. Das, wovor du gewarnt wurdest, tritt ein.

    Es ist schlimm genug, wenn etwas Schreckliches passiert, aber dann die zusätzliche Pille zu schlucken, dass du gewarnt wurdest und es trotzdem gemacht hast, ist nicht so einfach. Und ich denke, dass wir häufiger in dieser Situation sind als wir zugeben wollen.

    Das ist das Letzte, was Kain hören will. Seine Opfer werden nicht erhöht und jetzt erkennt er, dass er auch dazu beigetragen hat, indem er nicht die richtigen Opfer macht, die notwendig sind.
    Es gibt nichts Schreckliches, das dir jemand antun kann, als dir zu sagen, dass du zum Teil zu deinem eigenen Unglück beigetragen hast.

    Achtung: Ich sage nicht, dass das für alle Menschen gilt! Menschen, die klinisch depressiv sind zum Beispeil. Klinische Depression ist eine schreckliche Sache, die oft eine große genetische Komponente hat.

    Und genau das tut Gott Kain an. Was macht Kain daraufhin?

    Die Warnung der Kain und Abel – Geschichte

    Das ist die eigentliche Warnung der Geschichte. Rational wäre es darauf zu hören, mit welcher Ignoranz oder mit welcher Blindheit wir zu unserem Unglück beigetragen haben. Aber wir Menschen sind nicht rational.

    Denn wenn die Struktur der Wirklichkeit selbst dir etwas sagt, ist es am besten zuzuhören, weil es ohnehin keinen Ausweg gibt. Aber das ist nicht das, was Kain tut. Er ist durch seine Verwundbarkeit und sein Leben so verärgert, so voller Hass und Bitterkeit über sein Versagen, die entsprechenden Opfer zu machen und sich angemessen zu verhalten, dass er beschließt sein Ideal zu zerstören, um die innere Zerrissenheit zu reduzieren, die er fühlt. Und weil er Gott selbst nicht töten kann und die Werte, die damit verbunden sind, rächt er sich symbolisch an Gottes Liebling und damit an der Existenz selbst.

    Vielleicht denkst du jetzt, dass das vollkommen absurd klingt. Zum Glück denkst du das. Das sind nämlich die Gedankenmuster von Psychopaten.

    Die Columbine killers

    columbine killers

    Das erinnert an den Fall der so genannten Columbine killers, der im gleichen Maß interessant, wie erschreckend ist.

    Der Amoklauf an der Columbine High School wurde am 20. April 1999 von zwei Schülern der Columbine High School durchgeführt. Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) ermordeten dabei zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. Außerdem verwundeten sie 24 weitere Menschen und töteten anschließend sich selbst. Der Amoklauf ist die bis heute blutigste Tat ihrer Art an einer US-amerikanischen Highschool.
    Eric Harris betrieb seit Ende 1996 eine eigene Website, auf der er über seinen wachsenden Hass auf Gesellschaft und Mitmenschen- die Welt allgemein- zu schreiben

    Aus Tagebucheinträgen geht hervor, dass das Duo spätestens seit Mitte 1998 einen Amoklauf an ihrer Schule plante. Sie arbeiteten einen akribischen Plan aus, der vorsah, während der Pause die Schulcafeteria mit eigens gebauten Zeitbomen zu sprengen und dann möglichst viele Überlebende zu erschießen. Zudem platzierten sie ebenfalls Zeitbomben in ihren Autos, die anschließend Polizei und Rettungspersonal treffen sollten. Sie hofften dabei, mehrere hundert Menschen zu töten.

    In einem Video, das die beiden kurz vor dem Amoklauf aufnahmen, erklärte Harris:
    „There is nothing that anyone could have done to prevent this. No one is to blame except me and voDKa [Klebolds Spitzname]. Our actions are a two man war against everyone else.“

    „Es gibt nichts, das irgendjemand hätte tun können, um dies zu verhindern. Niemand außer mir und voDKa [Klebolds Spitzname] kann verantwortlich gemacht werden.

    Aktionen sind ein Zwei-Mann-Krieg gegen alle anderen.“

    Seine Gedanken sind unglaublich dunkel, bitter und auf pure Zerstörung aus. Wenn du dir seine Schriften durchliest, merkst du schnell, dass er eine solche Abscheu für die Menschheit hatte, dass es in seinem Kopf nicht gereicht hätte Suizid zu begehen, sondern er Rache an der Existenz selbst üben wollte.

    Hass auf das Sein und ein Verlangen für Rache ist ein dunkles Motiv. Weil ihre Opferbemühungen in der Vergangenheit gescheitert sind, verabscheuen sie das Leben und schwingen metaphorisch die Faust gegen Gott und beschuldigen ihn für die Struktur der Existenz.

    In seinen Augen Menschen sollte alles aus dem Gesicht der Existenz entfernt, weil das Leben so grausam ist.

    Was macht Kain darauf hin?

    Kain tötet seinen Bruder.

    Moralische Verantwortung

    Das Wort Sünde hieß ursprünglich von einem griechischen Wort „αμαρτία“. Eigentlich kommt dieser Begriff aus der Metaphorik des Bogenschießens und bedeutet so viel, wie „das Ziel verfehlen“

    Das ist eine schöne Metapher für das so negativ behaftete Wort Sünde. Es ist nicht der Fall, dass irgendwo in den Wolken ein alter Mann sitzt, der deine Handlungen beobachtet und sich darum kümmert, was du machst. Das meine ich in diesem Kontext nicht mit Sünde.

    Wikipedia sagt:

    Der griechische Ausdruck ἁμαρτία (hamartia) des Neuen Testaments und das hebräische Wort chata’a oder chat'at (חַטָּאָה/חַטָּ֣את) des Tanach bedeuten Verfehlen eines Ziels – konkret und im übertragenen Sinn, also Verfehlung – und werden in deutschen Bibelübersetzungen mit Sünde wiedergegeben.

    Ich muss zugeben, dass das zum Teil auch meine persönliche Überzeugung ist: Wenn du und ich bereit sind über unsere banale täglichen Impulse hinwegzusehen und versuchen einen Vertrag mit unseren Werten und dem Guten (Definition offen) zu schließen, haben wir keine Ahnung, was damit bewegen könnten. Das beginnt aber mit der Orientierung an einem Ideal und nicht mit der Zerstörung des Ideals, wie Kain es tut.

    Opfer in der Gegenwart können die unnötige Angst und die Ungewissheit und den Schmerz reduzieren, der integraler Teil des Lebens ist. Es ist die allgemeine Haltung, dass du, wenn die Welt und insbesondere dein Leben noch nicht ist, was es sein sollte, die Verantwortung hast Opfer vorzunehmen.

    Natürlich kann deine Reaktion auf verweigerete Opfer vom Schicksal, Gott oder dem Leben (nenne es wie du willst) sein ein grausamer Mensch zu werden- nachtragend, bitter, zynisch und mit dem einzigen Ziel es für alle, die sich dir nähern schlimmer zu machen, als es sein muss. Oder du lässt von deinem Nihilismus ab und gestehst dir ein, dass du wie jeder von uns nicht perfekt bist und du genauso daran arbeiten könntest nicht noch zusätzlich zum Unglück beizutragen.

    Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

    Tragödie vs. das Böse

    Es ist die klassische Unterscheidung von Tragödie und dem Bösen. Das Grausame an der Reflexion über das Böse ist, dass es das Wissen über Verwundbarkeit voraussetzt. Nur wenn wir unsere eigene Verwundbarkeit entdecken, können wir auch wissen, dass andere an diesen Stellen verwundbar sein könnten.

    Eine Kreatur ohne Bewusstsein, wie der Mensch es hat, kennt keinen Unterschied zwischen Gut und Böse. Ein Raubtier ist nicht böse, wenn es ein Kaninchenbaby tötet, sondern einfach nur ein Raubtier. Die Entstehung eines moralischen Sinnes, der für den Menschen einzigartig ist, ist die Fähigkeit, über die Mechanismen unseres Handelns nachzudenken und dann aus irgendeinem Grund in der Lage zu sein die Impulse zu ändern und zu wählen, welche in die Zukunft umzusetzen sind.

    Man spricht von der »tierischen« Grausamkeit des Menschen. Aber das ist sehr ungerecht und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam sein wie der Mensch, so ausgeklügelt, so kunstvoll grausam.- Dostoevsky

    Warum? Weil die Essenz des Bösen die wissentliche und absichtliche Ausbeutung der Verwundbarkeit anderer ist. Weil wir wissen, wie man uns verletzt, wissen wir auch, wie wir andere verletzen können. Es ist ein bewusster Versuch, die Bedingungen zu verletzen, die das Leben selbst erträglich machen und soll jedes gute Ideal zerstören aus purer Rache gegen die Existenz selbst.

    Ich persönlich kann verstehen, dass die Menschen bitter, wütend und depressiv werden. Wie wir es nicht permanent sein können, ist mir eher ein Geheimnis.Schon von Natur aus wissen wir, dass das Leben nicht einfach ist. Wir sehen, wenn wir es nicht verdrängen, dass wir in der Zukunft an gewissen Punkten leiden werden und alle, die wir lieben sterben werden und du kannst absolut nichts dagegen zu tun. Die Pille muss man erst einmal schlucken können. Die Tatsache, dass wir zerbrechlich sind und dass die Zukunft ist ein gefährlicher Ort ist eine zugegebenermaßen dunkle Linse, um die Welt zu sehen, aber sie hat definitiv einen existenziellen Funken Wahrheit.

    Ein gutes Beispiel für die Unterscheidung von der Tragödie und dem Bösen ist, wahrscheinlich eine Szene aus dem Film König der Löwen, die jedes Kind bis in den Schlaf verfolgt hat:

    Es reicht Scar nicht seinen Bruder zu töten, um König zu werden, sondern er muss ihm auch noch die Krallen ins Fleisch schlagen und seinem kleinen Sohn die Schuld für den Tod seines eigenes Vaters in die Schuhe schieben, der die Geschichte glaubt und ohne eine Wort versucht für immer aus dem Königreich zu flüchten.

    Die Moral aus der Geschichte von Kain und Abel

    Die Moral ist nicht, dass irgendwann der Tag der Abrechnung kommt und irgendein höheres Wesen für dein Ungehorsam bestraft! Das ist Quatsch! Die Lehre ist, wenn du dein Ideal tötest und dich der Bitterkeit und Grausamkeit hingibst, machst du das Leben für dich und deine Mitmenschen schlimmer als es sein muss.

    Wenn man von dieser Seite das Leben als grausam und voller Leid betrachtet, gesteht man ein, dass Leiden etwas Schlechtes. Wenn wir uns willentlich entscheiden uns und anderen Leiden zuzufügen, machen wir es schlimmer als es sein muss. Das ist die mythologische Repräsentation der Hölle selbst. Egal, wie schlimm es ist- mit ein bisschen Aufwand und bösem Willen schaffen wir es bestimmt es für alle Beteiligten schlimmer zu machen.

    Hier steht Kain nun. Er hat Scheiße gebaut und er weiß es. Aber er wird nicht mit dem Tod bestraft oder muss leiden, sondern führt sein Leben in einer guten Weise fort, solange er sich an einem Ideal orientiert und auf den Pfad zurückkehrt. Was seinem Leben jedoch Bedutung und Sinn geben kann, ist sich an seinem ultimativen Ideal zu orientieren.

    Deshalb ist eine Frage, die ich dir mitgeben möchte, die du auf täglicher Basis stellen kannst, wenn du auch den Wert dieser Kain und Abel Geschichte sehen konntest: Was kannst du heute opfern, um dein Leben, die Gesellschaft oder die Welt besser zu machen?

    Der Schlüssel zur Verhinderung der Schrecken von Auschwitz in Nazideutschland und der Gulags in der Sowjetunion liegt in der Verantwortung des Individuums. Auf der einen Seite ist es eine schreckliche Nachricht, weil es die Verantwortung auf unsere Schultern legt und es auf einmal eine Rolle spielt, wie wir uns verhalten und welche Entscheidungen wir treffen.

    Aber wir haben auch die Möglichkeit jeden Tag und mit jeder Entscheidung zu verhindern, dass Katastrophe und Bosheit unser Leben und die Gesellschaft vergiftet. Es ist schwerig für mich vorzustellen, dass wir etwas Besseres mit unserer Zeit zu tun hätten als das- einen Vertrag mit deinem höchsten Ziel, dem Guten und deinen eigenen Werten zu schließen, um dazu beizutragen, dass die Welt sich ein kleines Stück mehr in eine bessere Richtung bewegt.

    Es ist ein Prozess, der der Natur eines Phönix‘ gleicht. Du opferst Teile deines alten Ichs, das nicht nach deinen eigenen Idealen gehandelt hat und aus der Asche, wie ein Phönix und dieses neue Ich ist robuster für jede Art von Tragödie des Lebens. Vielleicht schaffst du es ja sogar anderen als ein Leuchtfeuer zu dienen.

    Das ist eine der Sachen, die ich wirklich an den existentiellen Philosophen mag. Das ist eine der positiven Seiten- die Betonung der persönlichen Verantwortung. Ja, vielleicht ist das Leben zum Teil tragisch und bitter, aber du und ich haben keine Ahnung, was passieren würde, wenn jeder beginnen würde aufzuhören sich und andere zu belügen und Dinge zu tun, von denen wir wissen, dass sie falsch sind.

    Oft wird es so präsentiert als sei in Nazi- Deutschland eine gute Bevölkerung von einer kleinen Minderheit von schlechten Leuten unterdrückt und manipuliert worden. Jein, auch.

    Das ist aber nicht wirklich eine gute Theorie, um das Ganze zu erklären. Auf jeder Ebene, jede soziale Organisation von oben nach unten hat es toleriert, hingenommen und Dinge ausgeführt, von denen sie WUSSTEN, dass sie moralisch falsch sind.

    Die Alternative ist deine Last der Verantwortung zu tragen. Niemand erwartet von uns, dass wir die Welt retten. Wir müssen nicht direkt ein Heiliger werden, aber die Opferung des Ideals hat fatale Folgen.

    Vielleicht hat dich diese Episode auch inspiriert dich am höchsten Ziel auszurichten und dein Leben zu einem gewissen Grad in ein archetypisches Abenteuer zu verwandeln.

    Das vergessene Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und wie das System zur Unterdrückung beiträgt

    Klettere auf den hochsten Berg, den du erklimmen kannst und ziele auf das höchste Ziel, das du dir vorstellen kannst. Du weißt nicht, wie dein Leben aussehen könnte, wenn du nach deinem höchsten Ideal handelst.

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    3 Comments

    1. […] Dies ist einer der Vorteile, ein autonomer Erwachsener zu sein. Du hast nicht immer die Möglichkeit das Beste zu wählen, was du bekommen kannst, sondern manchmal musst du das schwächere Gift aus zwei verschiedenen Übeln wählen. Für welches Ziel bist du also bereit in gewisser Weise Schmerzen zu empfinden, indem du die Belohnung aufschiebst. […]

    2. […] Kain und Abel: Warum du dein ideales Ich unter keinen Umständen verwerfen solltest […]

    3. […] An welchen Tugenden willst du dein Leben messen? Aber sei gewarnt: In dem Moment, in dem du ein Ideal herausstellst, stellst du dir eine unangenehme Aufgabe. Du wirst zu deinem eigenen Richter. Jedes Mal, wenn du vom Weg deiner Tugend abkommst, wirst du Schmerz empfinden, weil du dein eigenes Ideal betrogen hast. […]

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