Bevor ich jetzt gehe: Was am Ende wirklich zählt – Das Vermächtnis eines jungen Arztes- Paul Kalanithi

„Bevor ich jetzt gehe“ ist die ergreifende und tiefsinnige Geschichte des Autors Paul Kalanithi, der als Neurochirurg und Hirnforscher auf dem Weg zu einer großen Karriere war. Doch das „Leben“ hatte andere Pläne für ihn.

Kalanithi verbindet philosophische Reflexionen über seiner persönliche Existenz mit Geschichten von seinen Patienten, um eins der wenigen Dinge aufzuzeigen, die wir all gemeinsam haben – unsere Sterblichkeit. Mit dieser Sterblichkeit geht das tiefe Bedürfnis einher ein bedeutsames Leben zu verfolgen.

Kalanithi beantwortet die fundamentale Frage, was mit uns passiert, wenn das intellektuelle Wissen über unsere Sterblichkeit auf einmal tatsächlich zur Realität wird?

Paul Kalanithi

Paul Kalanithi in 2014 (Photograph: Norbert von der Groeben/Stanford Hospital and Clinics)

Im Alter von nur 36 Jahren bekam er eine vernichtende Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium.

Paul Kalanithis Geschichte: Bevor ich jetzt gehe

Paul Kalanithis Leidenschaft war die Literatur und eines Tages, wenn sein Job nicht mehr so an ihm zerren würde, würde er sich dieser Leidenschaft widmen. Denn er dachte, dass ihm noch mehr als genug Zeit vergönnt sei.
Doch er entdeckte eine weitere Leidenschaft- die Humanbiologie- , weil er von der Idee beeindruckt war, dass das menschliche Gehirn wie das Herz unseres Verstandes sei und begann sich mit Neurobiologie zu beschäftigen.

Während meines ganzen Studiums stand das einsame wissenschaftliche Erforschen der großen Sinnfrage im Widerstreit mit dem realen Leben…. trieb mich das Bestreben an, wirklich zu verstehen, was das menschliche Leben mit Sinn erfüllt.

Die Annahme, dass der Verstand einfach die Operation des Gehirns war, war eine Idee, die mich mit Gewalt traf; es erschütterte mein naives Verständnis der Welt. Obwohl wir freien Willen hatten, waren wir auch biologische Organismen - das Gehirn war ein Organ, das allen Gesetzen der Physik unterworfen war! Die Literatur lieferte eine reiche Darstellung der menschlichen Bedeutung; das Gehirn war also die Maschinerie, die es irgendwie ermöglichte. Es schien wie Magie. In dieser Nacht öffnete ich in meinem Zimmer meinen roten Stanford-Kurskatalog, den ich Dutzende Male gelesen hatte, und packte einen Textmarker. Neben all den Literaturklassen, die ich markiert hatte, begann ich auch in der Kategorie Biologie und Neurowissenschaften zu suchen.

Schon sehr früh im Arztstudium (Zitat) schneidet er Körper auf und dringt auf jede erdenkliche Art und Weise in diese ein. […] Der Arzt betrachtet einen Körper als Ding und Mechanismus […] Im Anatomiesaal verdinglichen wir die Toten, wir reduzieren sie buchstäblich auf Organe, Gewebe, Nerven, Muskeln.

Kalanithi beschreibt seine Motive hinter der Entscheidung Neurochirurg zu werden folgendermaßen:

Die Neurochirurgie mit ihrer unerbittlichen Forderung nach Perfektion hatte mich gepackt. […] Für mich war die Neurochirurgie die anspruchsvolle und direkteste Auseinandersetzung mit der Identität eines Menschen, dem Sinn des Lebens und dem Tod. .

Trotzdem ist er ein sehr erfolgreicher Arzt, der sein Ziel erreicht hat ein Neurochirurg zu werden. Er schreibt:

„Mit sechsunddreißig Jahren hatte ich die Bergspitze erreicht; Ich konnte das versprochene Land von Gilead nach Jericho bis zum Mittelmeer sehen. Ich konnte einen schönen Katamaran auf dem Meer sehen und dass Lucy, unsere hypothetischen Kinder und würde am Wochenende ein Ausflug mache würden. Ich konnte sehen, wie sich die Spannung in meinem Rücken abfiel, als mein Arbeitszeitplan sich entspannte und das Leben überschaubarer wurde. Ich konnte endlich zum Ehemann werden, der ich versprochen hatte zu sein.“

Das einschneidende Erlebnis im Leben des Paul Kalanithis

Und dann passiert das Undenkbare. Er erzählt einen der ersten Vorfälle, in denen seine frühere Identität und sein zukünftiges Schicksal wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

Mein Rücken versteifte sich während des Fluges auf grausame Art und Weise und als ich es zum großen Bahnhof geschafft hatte, um einen Zug zu meinen Freunden zu erreichen, war mein Körper von Schmerzen gequält. In den vergangenen Monaten hatte ich Rückenkrämpfe von unterschiedlicher Intensität , von einfachen, ignorierbarem Schmerz bis hin zu Schmerzen, die mich dazu veranlassten, die Rede zu zerreißen meine Zähne zusammenzubeißen, die so schwer waren, dass ich mich auf den Boden stürzte und schrie. Dieser Schmerz war am oberen Ende des Spektrums. Ich legte mich auf eine harte Bank im Wartebereich und spürte, wie sich meine Rückenmuskulatur verkrampfte, tief atmend um den Schmerz zu beherrschen - das Ibuprofen wirkte nicht - und ich nannte jeden einzelnen Muskel, um meine Tränen zurückzuhalten: erector spinae, Rhomboiden, Latissimus , Piriformis ...

Ein Wachmann näherte sich. "Sir, Sie können sich hier nicht hinlegen."
"Es tut mir leid, Schlimme…. Rücken... Krämpfe."
"Sie können sich trotzdem nicht hier hinlegen."
[...]
Ich zog mich hoch und humpelte von Plattform.

Diese kleine Anekdote spricht ein viel tiefer sitzendes psychologisches Phänomen an - in diesem Fall unsere kulturelle und persönliche Ignoranz gegenüber der Vergänglichkeit unseres Körpers, dem Schmerz und im Extrem den Tod. Wir glauben die Macht über diese zu haben und glauben die Realität nach unseren Wünschen anzupassen und sie durch unseren Willen zu bestimmen. Was ein verrücktes Tier der Mensch doch ist.
Der junge Arzt, der hundert Stunden pro Woche arbeitet und sich seiner Karriere hingibt, hält sein eigenes CT-Bild in den Händen.

Jene kleinen und gleichzeitig enormen Momente, in denen sich die Prioritäten, die wir ein Leben lang hatten, in einem Augenblick verändern, stellen einen heftigen Einschnitt in den Kapiteln des Lebens da.

Kalanthis Reflektionen über den Tod

"Ich begann zu begreifen, dass der enge Kontakt mit seiner eigenen Sterblichkeit gleichzeitig nichts und alles geändert hatte. Bevor mein Krebs diagnostiziert wurde, wusste ich, dass ich eines Tages sterben würde, aber ich wusste nicht wann. Nach der Diagnose wusste ich, dass ich eines Tages sterben würde, aber ich wusste nicht wann. Aber jetzt wusste ich es genau. Das Problem war kein wissenschaftliches. Die Tatsache des Todes ist beunruhigend. Doch gibt es keinen anderen Weg zu leben.

"

Sein nahender Tod ließ plötzlich an seiner Rolle als Arzt und seinem Kinderwunsch zweifeln. Was würdest du tun, wenn du plötzlich wüsstest, dass du noch kurze Zeit zu leben hast? wie würde sich dieses Wissen auf deine weiteren Entscheidungen auswirken?
Wenn Kalanithi noch viele Jahre zu leben gehabt hätte, wäre er weiterhin bei seiner Tätigkeit als Chirurg geblieben. Wenn er nur noch eine oder zwei verbleibende Jahre hätte, hätte die Literatur- seine große Leidenschaft- Priorität gehabt.

Zudem überlegten er und seine Frau Lucy, ob sie ein Kind bekommen sollten, bevor seine Krankheit den letzten Lebensfunken verschlungen hatte. Kalanithi und seine Partnerin besuchten eine Samenbank um sich über die gesündesten und risikoärmsten Möglichkeiten einer Befruchtung aufklären zu lassen.

"Wird uns ein Neugeborenes von der Zeit ablenken, die wir zusammen haben? Glaubst du nicht, dass der Abschied von deinem Kind deinen Tod schmerzhafter machen wird?“, fragte sie.
"Wäre es nicht toll, wenn es so wäre?" sagte ich. Lucy und ich beide hatten das Gefühl, dass es im Leben nicht darum geht, Leiden zu vermeiden. "

Am 4. Juli 2014 kann ihre Tochter Elisabeth zur Welt, die sie jedoch nur liebevoll „Cady“ nannten. Kalanithi konnte bei ihrer Geburt dabei sein. aber war allerdings schon so schwer von der Krankheit gezeichnet, dass er von seinem Krankenbett Zeuge der Geburt seiner Tochter werden konnte.

Kalanithis Tod

Da er selbst zu schwach war um zu stehen, schloss man ihn an ein Beatmungsgerät an, das ihm das Einatmen erleichtern sollte. Doch der Arzt in ihm wusste, dass dies nur eine vorübergehende Lösung sein konnte, weshalb innerhalb weniger Stunden die künstliche Beatmung eingestellt wurde und das Morphium gegen die Schmerzen ihn den Umständen entsprechend sanft in den Tod wog.

Paul Kalanithi starb im Alter von 37 Jahren. "Bis zum Schluss", schreibt seine Frau, "blieb er offen und voller Hoffnung – nicht auf eine Wunderheilung, aber auf Tage voller Sinn und Zweck." Mit ihrem Nachwort endet dieses kurze und unvergessliche Buch.

Er reflektiert:

Jeder erliegt der Endlichkeit. Ich vermute, ich bin nicht der einzige, der diesen Zustand erreicht. Die meisten Ambitionen werden entweder erreicht oder aufgegeben- so oder so gehören sie der Vergangenheit an. Die Zukunft, statt der Leiter zu den Zielen des Lebens, flacht in eine ewige Gegenwart. Geld, Status, alle Eitelkeiten, die der Prediger von Ekklesiastes beschrieben hat, sind von so wenig Interesse: vielmehr wie das Jagen nach dem Wind.

Das Buch endet mit folgender simplen Nachricht:

Wenn du in einem dieser vielen Momente im Leben einen Bericht deiner Selbst geben musst, sag, wer du warst, was du getan und der Welt bedeutet hast. Und ich bitte dich, schätze es nicht gering, dass du die Tage eines sterbenden Mannes mit größter Freude erfüllt hast. Mit Freude, die ich nie zuvor gekannt habe, einer Freude, die nicht nach mehr verlangt, sondern sich selbst genug ist.

Nietzsches Gedankenexperiment zur ewigen Wiederkehr

Friedrich Nietzsche ist in seinem Leben damals auf ein Gedankenexperiment gestoßen, das seine Weltsicht für immer verändern sollte. Was wäre, wenn du dein Leben exakt in dieser Weise wieder und wiederund wieder erleben müsstest- mit allen Höhen und Tiefen?

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: 'Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Mal erleben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge -- und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht -- und du mir ihr, Stäubchen vom Staube!' -- Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: 'du bist ein Gott, und nie hörte ich Göttlicheres!' Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei allem und jedem: 'willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?' würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!- Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft

Es geht nicht darum ein Argument für die Wiedergeburt zu geben, sondern dich zum Nachdenken anzuregen: Wie müsste dein Leben aussehen, dass du immer und immer wieder mit gutem Gewissen dasselbe Leben leben könntest- ohne Reue, ohne Bedauern und trotz des unvermeidlichen Schmerzes.

Ernest Becker schreibt in seinem Buch „The denial of death“:

"... je ungelebter dein Leben ist, desto größer ist dein Todesangst. Je mehr du die Erfahrung verpasst dein Leben in vollen Zügen zu erleben, desto mehr wirst du den Tod fürchten. "

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