Warum deine Willenskraft wie eine Batterie ist und warum du diese mit Händen und Füßen schützen solltest

Intellektuell wissen wir es alle: Wir sollten regelmäßig zum Sport gehen und uns nicht regelmäßig vom Smartphone beim Lernen ablenken lassen. Das hat doch nur mit Willenskraft zu tun, oder?

Doch Allgemeinwissen ist nicht immer die Allgemeinpraxis. Warum scheitern wir also häufig, obwohl wir wissen, was wir zu tun haben? Die Antwort ist: Wir verlassen uns auf unsere Willenskraft. Das Problem daran ist, dass Willenskraft immer begrenzt ist. Mit jeder Nutzung dieser schwindet diese.

Unser Gehirn ist faul- sehr faul- und versucht, wo auch immer es kann Energie zu sparen.
Für jede ungewohnte Tätigkeit. die wir noch nie gemacht haben, muss das Gehirn hochkonzentriert sein und braucht daher viel mehr Energie und Willenskraft. Das bedeutet: Je mehr du deine wertvolle Willenskraft anzapfst, desto weniger Willenskraft bleibt dir zur freien Verfügung für wichtige Dinge.

Das ist auch ein Grund, warum wir die meisten irrationalen Entscheidungen, die wir später bereuen, abends bzw. nachts treffen. Unsere Willenskraft ist aufgebraucht und wir durchdenken unsere Pläne nicht mehr im Detail. Vielleicht ist es aber auch nur bei mir so.

Kurz gesagt: Unsere Batterie der Willenskraft ist leer!

Experiment zur Willenskraft- darum brauchen wir Gewohnheiten

Eine Studie von Baumeister zeigt, wie leicht es ist, unsere Willenskraft zu schwächen.
Die eigentliche Untersuchung wurde als Geschmackstest getarnt und die Teilnehmer sollten mit leerem Magen erscheinen. Auf dem Tisch im Versuchsraum stand sowohl eine Schale mit Radieschen als auch eine Schale mit duftenden Keksen.

Nur einem Drittel der Teilnehmer wurde es gestattet, die dampfenden Kekse zu essen, während ein weiteres Drittel lediglich die Radieschen verputzen durfte. Das übrige Drittel der Teilnehmer diente als Kontrollgruppe.

Das unlösbare Rätsel und die Rolle der Willenskraft

Anschließend wurden die getesteten Personen in einen weiteren Raum geführt, wo sie ein Rätsel lösen sollten. Die Gemeinheit: Das Rätsel war unlösbar, weshalb die Teilnehmer zwangsläufig irgendwann aufgaben.

Die Forscher stellten ja nach Gruppe jedoch einen großen Unterschied in der durchschnittlichen Versuchszeit fest. Woran lag das?
Wirklich bemerkenswert war folgende Beobachtung:

Die Probanden der Keksfraktion hielten durchschnittlich 19 Minuten durch.
Doch die Teilnehmer der Radieschen-Gruppe, denen der Genuss der Kekse verwehrt blieb, gaben schon nach durchschnittlich 8 Minuten auf.

Roy Baumeister Studie

Fazit

Die Theorie, dass mentale Anstrengung unsere Willenskraft negativ beeinflussen kann, wird Selbsterschöpfung (Ego Depletion) genannt:

Wenn Baumeister mit seiner Theorie Recht hat, dann ist unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle beschränkt. Sie ist abhängig davon, in wieweit unsere mentale Energie zum jeweiligen Zeitpunkt aufgebraucht ist.

Wenn unsere Willenskraft einmal erschöpft ist, weil wir aktiv einer Versuchung widerstehen mussten, dann fehlt diese Willenskraft an anderer Stelle.

Die Liste der Situationen und Aufgaben, die bekanntermaßen die Selbstkontrolle erschöpfen, ist lang und vielfältig. Bei allen geht es um Konflikte und die Notwendigkeit, eine natürliche Neigung zu unterdrücken. – Nobelpreisgewinner Daniel Kahneman

Wie Aristoteles schon sagte, müssen wir um exzellent zu sein, nicht nur exzellent denken, sondern wir auch exzellent handeln. Nachdem du nun weißt, dass unsere Willenskraft begrenzt ist und du sie schützen solltest, können wir uns der viel interessanteren Frage widmen, wie wir das Wissen über die Willenskraft zu unserem Vorteil nutzen.

Der Schlüssel ist, wie wir schon so oft gehört haben, eine Gewohnheit . Wir unterschätzen häufig die enorme Wichtigkeit der Gewohnheiten in unserem Leben. Stell dir vor, dass du jeden Morgen aufs Neue entscheiden müsstest: Will ich Zähneputzen, oder nicht? Will ich mir Klamotten anziehen, oder nicht? Du musst bei diesen Dingen nicht die Pro und Contra Argumente abwägen. Zum Glück ! Das spart dir wertvolle Willenskraft.

Wir sind das was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit. - Aristoteles

Wenn wir uns die heutigen Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft angucken wissen wir, dass Aristoteles Recht hatte. Elektrische Signale wandern die Bahnen entlang von Neuron zu Neuron und liefern eine gewisse Handlung oder einen gewissen Gedanken. Je häufiger und je regelmäßiger wir bestimmte Handlungen oder Denkmuster durchführen, desto stärker wird die neuronale Verknüpfung. Kurz gesagt: Das, was schwer war, wird einfach.

Neuronen, die gemeinsam feuern, bilden eine gemeinsame Verbindung. (Hebb'sche Regel )

Der Talent- Mythos : Die verborgene Wahrheit hinter außergewöhnlichen Fähigkeiten

Willenskraft ist nicht der Weg

Der Grund, warum Willenskraft so inaktiv ist, ist die Tatsache, dass sie wie eben erwähnt bei häufigem Gebrauch abnimmt. Auch wenn es intuitiv klingt, brauchte Roy Baumeister hunderte von Schokoladenkeksen um es wirklich auch wissenschaftlich nach zu weisen.

Der Grund, warum wir nicht handeln, ist die Tatsache, dass Inaktivität die einfachste Option ist. Studien belegen, dass die Amerikaner sogar größere Schwierigkeiten haben Erfüllung und Glück in der Freizeit im Vergleich zur Arbeit zu finden. Auch wenn es auf den ersten Blick seltsam klingt, gebrauchen wir bei der Arbeit unsere Fähigkeiten, zeigen Engagement, bringen unseren Verstand an Grenzen und verfolgen unsere Ziele- alles Dinge, die laut Studien zum Glück beitragen.

Auch passives Zeit verbringen wie Fernsehen oder auf Facebook zu surfen, mag einfacher oder bequemer sein, aber erfüllt uns lange nicht mit einem so guten inneren Gefühl, wie bedeutungsvolle Arbeit oder das Nachgehen eines Hobbies. Beides braucht jedoch mehr Energie und das ist der Knackpunkt.

Du erinnerst dich an den Vergleich der Willenskraft mit einer Batterie? Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgelegt Energie zu sparen, weil unnötiger Energieverlust vor Millionen von Jahren in unseren Gehirnen, mit Tod assoziiert war. Auch wenn wir mittlerweile Raketen auf den Mars schießen, sind unsere Gehirne doch noch an uralte Überlebensmechanismen angepasst. Wir fühlen uns also magisch von Dingen angezogen, die einfach und bequem sind.

Willenskraft

Aktive Anstrengung mag uns mit deutlich mehr Spaß erfüllen, aber braucht deutlich mehr Aktivierungsenergie. In der Physik bezeichnet man Aktivierungsenergie als den ersten Funken, der eine Reaktion auslöst. Dasselbe gilt für mentale und körperliche Energie, die wie ein Kick-Start für eine positive Gewohnheit ist. Wenn wir nicht genug Willenskraft aufgebaut haben, neigen wir Menschen dazu den Pfad des geringsten Widerstands zu nehmen- wieder und wieder.

Eine interessante Lindstrom- Studie zeigt auch welche enorme Zugkraft der Pfad des geringsten Widerstandes auf uns hat. Durch den Gebrauch von fMRI- Scans hat er die Gehirne einige Menschen beim Abspielen des extrem nervigen Nokia Klingeltons aufgenommen. Dieser wurde fast ausschließlich als negativ wahrgenommen. Trotzdem hatten 80 Millionen Nokianutzer diesen Ton als Standardton behalten.

Aber warum würde ein Mensch sich tagtäglich diesem unangenehmen Gefühl aussetzen ? Weil es der Standardklingelton ist und damit der Pfad des geringsten Widerstandes.

Besonders am Arbeitsplatz oder beim Lernen ist dieser Pfad nicht wirklich hilfreich, weil er die Produktivität einschränkt und Prokrastination fördert. Und die Technologie macht es uns immer einfacher Zeit zu verschwenden. Ablenkung ist für uns also zum Pfad des geringsten Widerstands geworden.

Die 20-Sekunden-Regel und der Pfad des geringsten Widerstandes

Ablenkung

Es kommt am Ende auf die Reduzierung der Aktivierungsenergie an: Die physische und mentale Energie, die wir brauchen um Prokrastination zu überkommen. Glaub mir: Ich habe es immer wieder versucht mit Willenskraft anstatt mit einer Gewohnheit probiert und die Ergebnisse waren stundenlange Ausschweifungen bei YouTube oder das radikale Leeren des Kühlschranks.

An dieser Stelle kommt die 20 Sekunden- Regel ins Spiel. Es geht darum die Barriere um die Aktivität zu starten unter einer Länge von 20 Sekunden zu halten, um eine geringe Aktivierungsenergie zu haben.

Beispiele für verringerte Aktivierungsenergie:

Hier ein paar Beispiele, wie ich es nutze bzw. genutzt habe:

-Wenn ich mich fokussieren möchte, schalte ich mein Handy aus und schließe es in einer anderen Etage des Hauses oder zumindest in einem anderem Zimmer im Schrank ein. So muss ich deutlich mehr Aufwand erbringen um mich abzulenken und bleibe fokussiert.

Als ich mir das Fernsehen abgewöhnen wollte, habe ich die Batterien aus der Fernbedienung immer in einer Box im Küchenschrank gelagert um die Aktivierungsenergie zu erhöhen. So oft saß ich dann müde auf dem Sofa und habe mich für meine Experimente verflucht. Aber durch diese 20 Sekunden habe ich dann 45 Minuten Zeitverschwendung gespart.

- Als ich mir angewöhnen wollte direkt nach dem Aufstehen zum Sport zu gehen, habe ich abends in meinen frisch gewaschenen Sportklamotten (Ohne Schuhe) geschlafen und am anderen Ende meines Raumes meinen Wecker mit dem schrecklichsten Lied aller Zeiten zu versehen. Ich bin förmlich aus dem Bett gesprungen, um es nicht länger ertragen zu müssen.

Du glaubst nicht, wie schnell ich diese Gewohnheit integriert hatte!

Viele von euch werden jetzt sagen: Das sind doch nur Anekdoten. Wo bleibt die Wissenschaft: Forscher haben herausgefunden, dass der Konsum in einer Cafeteria um die Hälfte reduziert wurde, als die Klappe des Eisfachs geschlossen wurde und es zu längeren Wartezeiten kam.

Du hast Recht! Ich schlage mich mit meiner eigenen Faulheit. Es mag ein wenig verrückt klingen und ich habe mich das ein oder andere Mal verflucht, aber es funktioniert. Auf welchen Lebensbereich wirst du das neu gewonnene Wissen anwenden?

Zwei weitere Tricks um Willenskraft zu sparen

Barry Schwartz erklärt in seinem überragenden Buch: " The Paradox of Choice", dass es Sinn machen kann im Vorhinein eigene Verhaltensregeln aufzustellen um nicht die Qual der Wahl haben zu müssen. Seit dem meine Regel ist meine E-Mails nur noch 1 Mal pro Tag zu checken, habe ich den Kopf beispielsweise wieder frei für wichtige Dinge! Besonders zu Beginn der Integration einer neuen Gewohnheit können diese Regeln sinnvoll sein. Später können wir die Zügel ein wenig lockerer lassen.

Checkliste

Der zweite Trick sind Checklisten. Checklisten sind so schlicht, wie sie klingen- ein Liste mit Schritten, die beim Verrichten einer Prozedur ausgeführt werden müssen. Erstaunlicherweise sind es häufig die offensichtlichen Schritte, die mit desaströsen Auswirkungen vergessen werden. Es funktioniert als Sicherheitsnetz, das gewährleistet, dass uns das Wichtigste nicht entgeht.

Sind die grundlegenden Punkte einmal abgehakt, fühlen wir uns besser gerüstet, um komplexe Aufgaben zu vollrichten. Es sind mehr als die glorifizierten To-Do-Listen, die man nicht abarbeitet. Sie können ein extrem mächtiges Werkzeug sein. Wenn wir nicht jedes Mal auf Neue überlegen müssen, was wir zu tun haben, sparen wir wertvolle Willensenergie und können diese für wichtige Fragen verwenden, wie die Frage, welchen Lieferdienst wir heute kommen lassen.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich eine simple Checkliste signifikant auswirken kann, aber medizinische Programme, die den Gebrauch von Checklisten untersuchen, haben gezeigt, dass eine Menge Fehler vermieden werden können, Geld gespart und Leben gerettet werden können-

Die "Keystone- Initiative", die das Ziel hat die Anzahl von Infektionen zu verhindern, die durch Venenkathether verursacht werden, wurde durch das simple Einsetzen einer Checkliste enorm erfolgreich. Diese konnte innerhalb von 18:Monaten zu Einsparung von 175 Millionen Dollar führen und 1500 Leben retten. Alles durch eine simple Checkliste.

Warum du dein Willenskraft mit Händen und Füßen schützen solltest?

Wir Menschen sind irrationaler und fehleranfälliger als wir glauben und auch wenn Motivationsredner uns mit 120 Dezibel ins Ohr schreien, dass du es einfach so sehr wollen musst wie die Luft zum Atmen, ist es nicht immer ratsam gegen die Strom zu schwimmen. Und das tun wir, indem wir uns uns gegen die Evolution stellen. Wenn wir jedoch mit dem Strom schwimmen und das Wissen für uns nutzen können wir uns einfach treiben lassen.

Wenn das Belohnungssystem unseres Gehirns übernimmt, wird die Versuchung fast unwiderstehlich. Deshalb sollten wir unsere Willenskraft für die wirklich wichtigen Tätigkeiten aufsparen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.