Sklavenmmoral bei Nietzsche: Warum du deine Schwäche nicht idealisieren solltest

Die Sklavenmoral ist ein Begriff, der besonders aus den Werken Genealogie der Moral und aus Jenseits von Gut und Böse von Friedrich Nietzsche bekannt ist.

Nietzsche, der für seine „amoralische“ Position bekannt ist, lehnte ab, dass Tugenden und moralische Werte etwas seien, was als gegeben, selbstverständlich oder unbestritten gelten sollte. Er behauptet, weil die Bewertungen kulturelle oder subjektive Formationen nicht überschreiten können, sind objektive Wertungen von Wahrheiten unmöglich.

Diese Perspektivsicht erstreckt sich auf die Wahrheit und den Sinn von Konzepten wie Moral, Gut, Böse und anderen menschlichen Begriffen, die sich aus den Umständen eines Individuums oder einer Gesellschaft ergeben – diese Konzepte hat eine historische Entwicklung erlitten.

Die vorherrschende Moral im Westen war nach Nietzsche in den letzten 2000 Jahren eine „anti-natürliche“ Moral, die sich „gegen die Instinkte des Lebens“ wendet.

Was ist Sklavenmoral?

Sklavenmoral

Der Blick des Sklaven ist abgünstig für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des Misstrauens gegen alles "Gute", was dort geehrt wird -, er möchte sich überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt werden die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren -, denn das sind hier die nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits-Moral.

„Sklavenmoral“ ist gekennzeichnet durch den Gegensatz von „gut“ und „böse“.

Was sind nun die Charakteristika der Sklavenmoral und ihrer Differenz von ‚gut‘ und ‚böse‘? In einem Satz: Sklavenmoral versucht aus eigener Schwäche eine moralische Tugend zu machen.

Da die Werte des Westens hauptsächlich christlich geprägt sind, ist seine Kritik der Sklavenmoral auch eine Kritik der christlichen Werte. Die Selbstgeißelung und Unterdrückung der menschlichen Bedürfnisse, die mit dem Christentum einhergehen, werden zum Ideal erhoben. Es werden alle Eigenschaften bevorzugt und glorifiziert, die Leidenden und Unterdrückten das Dasein erleichtern.

Die Belohnung und die Erlösung werden dann im 'Jenseits' versprochen. In der Entstehungszeit des Christentums waren die Christen überwiegend Sklaven, denen jegliche Rechte versagt wurden, so dass nach Nietzsche die einzige Möglichkeit, ihr Leben im Diesseits und damit in Knechtschaft zu ertragen, die Vorstellung einer für Gerechtigkeit sorgenden Instanz nach dem Tod war.

Darüber hinaus argumentiert Nietzsche, dass die Sklavenmoral verachtend gegen diejenigen ist, die von Natur aus begabter sind oder mehr haben. Weil „die Sklaven“ nicht in der Lage sind selbständig, emotional stark und autonom zu sein und zu leben, wird es zum Ideal bescheiden zu sein, sich (einem Gott) unterordnen und jedem alles zu vergeben.

"Ein kleinerer, fast lächerlicher Typ, ein Herdentier, etwas, das begierig, krank und mittelmäßig ist." (Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse)

So wird die eigene Schwäche rationalisiert und sogar idealisiert, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie nicht stark genug und eventuell sogar zu feige sind für ihre eigenen Interessen einzustehen.

"Manchmal wollen die Leute die Wahrheit nicht hören, weil sie nicht wollen, dass ihre Illusionen zerstört werden."- Friedrich Nietzsche

Der Begriff der Größe bedeutet bei Nietzsche edel zu sein, du selbst sein zu wollen, anders sein zu können, allein zu stehen und unabhängig von der „Herde“ leben zu können.

Selbständig und autonom lebend, ist sein Ideal eines Menschen daher immun gegen das Lob und die Kritik, die von den Mündern der Herde ausgehen.

"Der sicherste Weg, einen Jugendlichen zu korrumpieren, besteht darin, ihn anzuweisen, in höherer Wertschätzung diejenigen zu halten, die gleich denken, als diejenigen, die anders denken." - Friedrich Nietzsche

Im Bewusstsein der bedeutsamen Aufgabe, die vor ihm liegt, und des Potentials für die Größe, die in ihm liegt, fühlt der höhere Mensch ein Gefühl der Ehrfurcht vor sich selbst und lehnt die Sklavenmoral ab.

Diese Art von Moral behindert laut Nietzsche den Fortschritt und das unabhängige Denken und befürwortet Selbstzufriedenheit und Komfort.

Nietzsches Konzept ist, obwohl es scheinbar dem Sozialdarwinismus ähnelt, nicht das Überleben des Stärkeren selbst, sondern die Ausweitung des Lebens des Individuums, die Ablehnung moralischer Systeme und sogar Gesetze, die Herdenmoral stützen.

Was Nietzsche tut, ist, den Einzelnen einzuladen, seine eigene Wahrheit und eigene Moral zu finden, indem er zeigt, dass selbst das, was selbstverständlich zu sein scheint, nicht wirklich selbstverständlich ist. Alle Konzepte, einschließlich der Moral und der moralischen Werte sind tatsächlich nur ein Produkt der menschlichen Evolution.

Nietzsche ist nicht prinzipiell gegen diese Werte des Mitgefühls und der Gnade. Nietzsches Ablehnung der Sklavenmoral hat eher ein Problem mit ihrer Verabsolutierung als einzige richtige Moral. Laut Nietzsche ist die Sklavenmoral nur eine von vielen Möglichkeiten die Welt zu interpretieren.

Während die Herdenmoral "hartnäckig sagt ..."

Ich bin die Moral selbst, und nichts anderes ist die Moral. "(Jenseits von Gut und Böse)

, müsse das höhere Individuum seine eigenen höheren Werte entdecken, um ihn bei der Verwirklichung seines einigenden Lebensprojektes zu unterstützen.

Nietzsches Befürchtungen in Bezug auf die Sklavenmoral

Nietzsches Befürchtungen vor einer solchen Welt, wo Schwäche und die Opferrolle die einzigen Werte sind, wurden in einer Stelle aus der Genealogie der Moral erklärt:

Wir sehen heute nichts, das größer werden will, wir ahnen, daß es immer noch abwärts, abwärts geht, ins Dünnere, Gutmütigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmäßigere, Gleichgültigere…- der Mensch, es ist kein Zweifel, wird immer »besser«... Hier eben liegt das Verhängnis Europas - mit der Furcht vor dem Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüßt. Der Anblick des Menschen macht nun mehr müde - was ist heute Nihilismus, wenn er nicht das ist?... Wir sind des Menschen müde...
"(Über die Genealogie der Moral)

Nietzsche verbrachte viel Zeit damit, in seinen Schriften eine "Umwertung aller Werte" durchzuführen, in der Hoffnung, die Auswirkungen der Herdenmoral zu vermindern, um künftige Generationen daran zu hindern, sich dieser defensiven und lebensverachtenden Opferhaltung zu unterwerfen. Eine solche Umwertung aller Werte hängt von der Erkenntnis ab, dass die Herdenmoral keine objektive und universelle Moral ist, die für alle gilt.

"Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen."- Friedrich Nietzsche

Herdenmoral ist die "Gefahr aller Gefahren"(laut Nietzsche) weil sie den Menschen die Verantwortung wegnimmt und sie durch eine deutlich angenehmere Opferrolle ersetzt. Wie du vorstellen kannst, nimmt jemand, der von Unsicherheit und Realitätsverleugnung geplagt ist, diese Opferrolle gerne an, weil er dann eine Möglichkeit hat zu rationalisieren, warum er nicht so erfolgreich ist, wie die andere Person.

"Es gibt zwei verschiedene Arten von Menschen auf der Welt, diejenigen, die es wissen wollen, und diejenigen, die glauben wollen." - Friedrich Nietzsche

Die erfolgreichere Person ist der böse Unterdrücker, während man selbst die moralisch gute Person ist. Eine angenehme Geschichte, die man sich selbst erzählen kann, oder?

Wenn die Herdenmoral zu stark wird und alles Höhere und Außergewöhnliche herabgesetzt wird und es nur noch darum geht, wer das größere Opfer ist und wer mehr unterdrückt ist, dann wird der Nihilismus laut Nietzsche die Welt besetzen. Ohne die höheren Werte, die von den höheren Menschen verkörpert werden, werden Kreativität, Werke von erstaunlicher Schönheit und die Fähigkeit, nach Idealen zu streben, fehlen.

Nietzsches Begriff des „Ressentiment“

ressentiment nietzsche

Der Begriff Ressentiment stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „heimlicher Groll. Nietzsche beschreibt Ressentiment als Selbstvergiftung durch gehemmte Rache:

„Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt […] eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“

Der Begriff 'Ressentiment' ist einer der zentralsten Begriffe in Nietzsches Moralvorstellung. Der Sklave ist, wie wir eben gehört haben, ein schwaches und kränkliches menschliches Wesen, das an sich selbst leidet und wie Nietzsche sagt mit etwas gefüllt ist, das er als Ressentiment bezeichnet - ein eitler Hass auf das Leben, das von Gefühlen der Unfähigkeit angesichts einer äußeren Realität erzeugt wird, die er nicht wahrhaben will und vor der er sich bedroht fühlt.

Diese Form der Missgunst richtet sich besonders gegen andere und deren Werke und Taten- besonders wenn sie mehr erreicht haben.

Die Anwesenheit von Ressentiment erschafft Neidgefühlen im Sklaven gegenüber allen, die stärker sind als sie. Dieser Neid motiviert den Sklaven, sich zu rächen. Der Sklave bemüht sich, gemeinsam ein "Gemeinschaftsgefühl der Macht" zu erlangen - die einzige Art von Macht, die dem Sklaven zur Verfügung steht - und unter dem Vorwand von Forderungen nach Gleichberechtigung und Mitgefühl versucht der Sklave, alle Stärkeren (auf welcher Ebene auch immer) auf ein mittelmäßigeres Niveau zu bringen -eines Sklaven.

Die Herdenmoral invertiert laut Nietzsche die natürlichen Werte des Lebens. Das Individuum, das stark und unabhängig ist, wird von der Herdenmoral als "böse" bezeichnet. Auf der anderen Seite gelten alle, die der Herde angehören: die mittelmäßigen, schwachen und unterordnenden Sklaven als "gut"- vielleicht sogar besser.

Mehr über die Probleme des Nihilismus und der Sklavenmoral in dieser Episode:

Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

Übermensch statt Sklavenmoral

Der Sklave, trotz der unschuldigen Fassade, zeigt sich mit seiner Herdenmoral und fordert Gleichheit, aber will laut Nietzsche die Welt nicht zum Besseren verändern. Stattdessen versucht er durch Ressentiment und Neid soziale und politische Macht zu gewinnen, um Zerstörung als Ausgleich für seine eigenen persönlichen Unfähigkeit und Misserfolge zu provozieren.

Die folgende Einsicht Nietzsches erweist sich als wichtige Warnung für die moderne Welt:

"Wenn manche Menschen nicht das erreichen, was sie tun wollen, rufen sie wütend aus:" Möge die ganze Welt zugrunde gehen! "Diese abstoßende Emotion ist der Höhepunkt des Neides, dessen Implikation lautet:" Wenn ich nichts haben kann, kann niemand etwas haben, man soll irgendetwas sein! "(Nietzsche)

Diese Entwicklung hat auch dazu geführt, das unter dem Vorwand der Gleichheit im Rahmen des Kommunismus in China geschätzt 100 Millionen und in Russland geschätzt 60 Millionen Menschen ermordet worden sind.

Nietsches Sicht hört sich sehr hart und nicht immer politisch korrekt an, aber er sagt dazu:

"Unsere höchsten Einsichten müssen - und sollten - wie Dummheiten und manchmal als Verbrechen klingen, wenn sie ohne Erlaubnis von denen gehört werden, die für sie nicht prädisponiert und vorherbestimmt sind." (Jenseits von Gut und Böse)

Carl Jungs Archetypen: Der Schatten

Auch Carl Jung ist der Meinung, dass es nicht die Lösung ist nur einen Teil der menschlichen Persönlichkeit anzunehmen und den anderen Teil zu verwerfen. Aber wo kommt eigentlich das Wort "Person" her? Es kommt aus dem Lateinischen und heißt Maske. Per-sonare heißt "durchtönen". Damit ist nämlich die Stimme durch eine Maske gemeint.

Carl Jung sagt ganz treffend:

"Der Zweck der Individuation ist nun kein anderer, als das Selbst aus den falschen Hüllen der Persona (...) zu befreien. Carl Jung. Der Individuationsprozeß hat [...] in keiner Weise ein sogenanntes moralisches Ziel im landläufigen Gebrauch des Wortes. Er erstrebt keinen Perfektionismus und soll dem Menschen nur dazu verhelfen, im weitesten Sinn wesensgetreu der zu werden, der er in der Tat ist, und sich nicht hinter jener Idealmaske zu verbergen, die so gerne mit dem wahren Wesens eines Individuums verwechselt wird (...) Niemand ist vollkommen [...]. Niemand kann es sein. Es ist eine Illusion. Das einzige, was wir tun können, ist bescheiden danach zu streben, uns selbst zu erfüllen und möglichst vollständige menschliche Wesen zu werden, und das ist schon anstrengend genug."

Schatten Carl Jung

Carl Jung ist berühmt für die Formulierung des Begriffs des Schattens, der Teil der Persönlichkeit von uns allen, den wir im Lauf unseres Lebens in die Dunkelheit des Unbewussten verbannen, weil wir diesen nicht konfrontieren wollen.

Im jungen Alter erfahren wir Menschen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Impulse, Emotionen und Verhaltensweisen negative Rückmeldungen aus unserer Familie, von Gleichaltrigen und von der Gesellschaft hervorrufen. Diese negative Rückmeldung löst die Angst im Individuum aus, was dazu führt, dass diese "negativen" Eigenschaften unterdrückt werden. Im Laufe der Entwicklung verschmelzen diese unterdrückten Eigenschaften des eigenen Wesens, um den Schatten zu bilden - die "dunkle" Seite unseres Seins.

"Die reine Seele ist eine reine Lüge."- Friedrich Nietzsche

Der Schatten hat viele vertraute Namen: das verstoßene Selbst, das unterdrückte Selbst oder bei Freud das ES. Wenn wir uns mit unserer dunkleren Seite konfrontiert sehen, verwenden wir Metaphern, um diese Schattenbegegnungen zu beschreiben: unsere Dämonen zu treffen, mit dem Teufel kämpfen, in die Unterwelt gehen, die Midlife-Krise oder auch den Drachen konfrontieren.

Der Schatten ist ein moralisches Problem, welches dich herausfordert. Der Schatten in diesem Sinne stellt das Gegenstück zur Persona, der "Theatermaske" eines Menschen dar. Er enthält oft die 'negativen', sozial unerwünschten und daher unterdrückten Züge der Persönlichkeit, also jenen Teil des Ichs, die wegen möglicherweise gesellschaftsinkompatibler Tendenzen gerne unterdrückt werden.

Die Aufgabenstellung im Leben, der jeder gegenüber steht, ist nach Jung bewusst zu werden, dass wir alle einen Schatten haben, eine dunkle Seite, etwas, das wir Ablehnen und diesen Schatten bewusst in die bewusste Persönlichkeit zu integrieren, indem wir diesen mit offenen Armen nicht als einen verabscheuungswürdigen Aspekt des Selbst, sondern als notwendigen und lebenswichtigen Teil des Seins ansehen.

"Man wird nicht erleuchtet, indem man Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst macht. Das letztere Verfahren ist jedoch unangenehm und daher nicht beliebt. "(Carl Jung)

Wenn du dir die Grausamkeit des 20. Jahrhunderts ansiehst und das Böse, das unschuldigen Menschen angetan wurde, weißt du, dass sowohl Dunkelheit und Helligkeit die Welt ausmachen. Vollständig zu sein, heißt nach Jung zugleich voller Widersprüche sein. Man verfälscht den Menschen, wenn man ein einheitliches Bild von ihm entwerfen will.

Wir wissen, dass beinahe alles Gute in unserem Leben nicht vollständig ohne einen Preis kommt und die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zu den kostspieligsten Dingen. Es handelt sich um das Jasagen zu sich selber und alle Teile seines Ichs zu konfrontieren- egal, wie viel Angst es uns bereitet.

Das ist die Botschaft, die jeder unterbewusst hören will. Blick dem Unbekannten ins Gesicht. Hör auf dich selbst zu belügen und tue, was dein Herz dir wirklich sagt. Du wirst zu einer besseren Person werden und damit zu einer besseren Welt beitragen.

Warum konfrontieren dann nicht alle ihren Schatten: Weil es uns Angst macht und verdammt nochmal schwierig ist. Die meisten können und werden nicht zugeben, dass sie ein Problem verdrängen oder tief im Inneren nicht ausschließlich die tugendhaften, selbstlosen und guten Menschen sind, sondern stattdessen auch egoistische, zerstörerische und unmoralische Impulse und Fähigkeiten enthalten. Die meisten würden sich lieber mit einem blinden Optimismus über die Güte ihrer Natur täuschen und nach Jung damit ein fragmentierter Mensch bleiben.

"Der Baum, der zum Himmel wachsen will, muss seine Wurzeln bis in die Hölle schicken."- Friedrich Nietzsche

Sklavenmoral und Epistemologie

In Anbetracht dessen, dass die Herdenmoral in der heutigen Zeit äußerst lebendig ist, können wir uns ebenfalls Nietzsches Frage stellen, die er zu seiner Zeit für sehr relevant hielt und die es auch in unserer bleibt:

Ist moralische Größe heute möglich bzw. auch sozial erwünscht?

"Niemand kann für dich die Brücke konstruieren, auf der du den Strom des Lebens überqueren musst, niemand außer dir allein."- Friedrich Nietzsche

Folgende Analogie kann dir verdeutlichen, dass das Hinterfragen deiner Glaubenssätze ein unangenehmer Prozess ist. Angenommen du bist ein Erwachsener und hast Quecksilberfüllungen in den Zähnen. Früher ist man davon ausgegangen, dass diese Füllungen nicht giftig sind. Du hast aber die letzten 30 oder 40 Jahre mit diesen gelebt und erst jetzt entdeckt, dass die Quecksilberfüllungen langsam deinen Körper vergiften.

Nun musst du zum Zahnarzt gehen, was selbstverständlich lästig, schmerzvoll und teuer ist. Alle Füllungen müssen sehr sorgfältig, vorsichtig und kompetent von deinen Zähnen entfernt werden, ohne dass das Quecksilber noch weiter austritt.

Wie du dir vorstellen kannst, ist das kein angenehmer Prozess, aber die Analogie hier ist, dass die Quecksilberfüllungen die Glaubenssätze und Werte sind, die du irgendwann in der Vergangenheit von der Gesellschaft übernommen- im Glauben dass sie dir nicht schaden würden.

Welche Reihe von Überzeugungen, Dogmen oder Theorien darüber, wie die Welt funktioniert, schränken dich und deine persönliche Entwicklungsarbeit, deine Karriere, deine Beziehungen und dein ganzes Leben ein?

Wenn du darüber nachdenkst ist 99% von deinem und meinem Wissen und all den Dingen, die du und ich über das Leben und die Struktur der Welt wissen, Wissen aus zweiter Hand. Noch mehr als das: Dein Wissen und Verständnis von der Welt ist hochgradig abhängig von der Kultur und dem aktuellen Zeitgeist, den wir unterbewusst übernehmen.

Auch wenn es sich gemein und unangenehm anhört:

Wenn du in Nazideutschland gelebt hättest, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass du geschwiegen oder das Regime unterstützt hättest enorm hoch. Genauso sieht es mit Hexenverbrennung, Rassismus und jedem Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus.

Deine Ansichten über Frauen, Homosexualität, Gott oder Liebe wäre vermutlich vollkommen verschieden, wenn du in einem afrikanischen Stamm ohne Technologie und moderne Schule aufgewachsen wärst. Oder in einem Stamm in Australien vor 10.000 Jahren? Wärst du derselbe gewesen, wie heute mit derselben Persönlichkeit? Vermutlich nicht!

Wo unsere Geschichten herkommen

Ich sehe, dass das Glas halb leer ist. Du siehst es als Metapher für die Zerbrechlichkeit der Menschheit. Ich habe Durst und du bist ein Dichter.

Wir sind von früheren Erfahrungen beeinflusst. Die Vergangenheit gibt der Gegenwart Bedeutung. Oft ist es nur im Kontext der Vergangenheit mit deren Hilfe wir verstehen können, warum das, was die andere Person einen Sinn macht oder warum sie es so sieht. Wir alle kennen uns besser als jemand uns kennen kann. Unsere interne Erfahrung ist viel komplexer als wir uns vorstellen.

Wir alle haben unterschiedliche Geschichten über die Welt und wie sie funktioniert. Wir nennen es zwar nicht alle Geschichten, sondern zum Teil auch Überzeugungen, Philosophien, politische Einstellungen oder Religionen. Doch der dahinter liegende Mechanismus ist der gleiche: Wir alle haben unsere eigene Art und Weise die Welt zu interpretieren.

Wir bemerken verschiedene Dinge. Ich bemerke, wenn ich einen Raum betrete eventuell die hübsche Frau am Fenster, während du die Spinne in der Ecke bemerkst. Was will ich dir damit sagen?

Jede starke Ansicht, die wir haben, ist zutiefst beeinflusst von unseren bisherigen Erfahrungen und Ängsten. Vielleicht hast du ja Angst vor Spinnen und bemerkst sie deshalb immer zuerst, wenn du den Raum betrittst. Wo du in den Urlaub fährst, ob jemand seine Kinder schlägt, die Einstellung zu moralischen Werten wie Treue - all diese Dinge sind beeinflusst von dem, was wir in unser eigenen Familie unserem Umfeld und der Gesellschaft beobachtet und gelernt haben. Oft ist uns nicht einmal bewusst, wie diese Erfahrungen unsere Interpretation der Welt beeinflussen. Wir glauben einfach, dass es so ist, wie es ist- wie jeder andere auch.

Und jetzt kommt der Haken an der Sache: Wir wenden unterschiedliche implizite Regeln an. Unsere bisherigen Erfahrungen entwickeln sich oft zu "Regeln", mit denen wir unser Leben leben. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir alle folgen diesen Regeln. Sie sagen uns, wie die Welt funktioniert, wie die Menschen (moralisch) handeln sollen oder wie die Dinge sein sollen. Wir kommen jedoch in Schwierigkeiten, wenn unsere Regeln kollidieren.

Unsere impliziten Regeln nehmen oft folgende Form an: Die Menschen "sollten" "dürfen" oder "müssen" etwas tun: "Du solltest Geld für Bildung ausgeben und nicht auf Kleidung." "Du musst unbedingt heiraten oder einen Partner haben zu glücklich zu sein." "Du sollst deine Socken nicht unter dem Sofa liegen lassen." "Du musst in die Kirche gehen um ein guter Mensch zu sein."

Die Liste von Regeln, die die Welt und die Gesellschaft uns aufzwingen will, ist endlos.
Es ist nichts falsch mit diesen Regeln. Aber wenn wir uns in einem Konflikt befinden, hilft es, unsere Regeln explizit zu machen und die andere Person zu ermutigen, dasselbe zu tun. Das reduziert die Chance, dass wir in einem versehentlichen Duell von widersprüchlichen Regeln gefangen werden.

Diese Tendenz, unbewusst voreingenommene Wahrnehmungen zu entwickeln, ist sehr menschlich, aber nicht besonders hilfreich zur Lösung des Problems. Es verlangt eine gewisse Demut und Bescheidenheit einzugestehen, dass eventuell nicht nur unsere Geschichte einen wahren Kern und einen Wert hat.

Es gibt nur einen Weg, um die Geschichte der anderen Person zu verstehen, und das ist Neugier." "Anstatt zu fragen:" Wie können sie so irrational sein? " möchte ich dir anbieten zu fragen: Wie könnte ihre Weltsicht ihre Ansicht beeinflussen und wie kann ich lernen es zu verstehen?"

Was ist deine Geschichte?

Vielleicht gibt es auch etwas, was du nicht über dich selbst weißt. Das klingt seltsam, wenn man darüber nachdenkt. Immerhin bist du die ganze Zeit in deinem eigenen Kopf. Du kennst doch bestimmt deine eigene Perspektive?

Mit einem Wort: Nein. Wir alle haben unterbewusste Glaubenssätze und Geschichten , die wir nutzen, um der Welt und jeder Situation einen Sinn zu geben. Der Prozess, durch den wir unsere Geschichten über die Welt konstruieren, geschieht oft so schnell und so automatisch, dass wir uns nicht alle bewusst sind, was unsere Ansichten beeinflusst.

Der confirmation bias

Der menschliche Geist, wenn er einmal eine Meinung angenommen hat, bezieht alle anderen Informationen auf seinen Standpunkt, um die Meinung zu unterstützen. - Francis Bacon

Der confirmation bias beschreibt unsere Tendenz Situationen in einer Weise zu interpretieren, die unsere eigenen langjährigen Überzeugungen bestätigen. Interessanterweise fühlt es sich an, als ob wir einen rationalen Ansatz nutzen, aber in Wirklichkeit testen und bestätigen wir nur , was wir schon glauben zu wissen. Wir neigen dazu, alle Informationen zu priorisieren, die unsere Sichtweise ergänzen und Alternativen abzulehnen.

Diese Tendenz nennt man der Wissenschaft eine der kognitiven Verzerrungen, die unsere Realität subjektiv färbt. Auf zwischenmenschliche Beziehungen angewendet heißt, dass das Verhalten von jemandem, den wir für ein Arsch halten auch immer in diesem Rahmen bewerten werden. Alles, was unsere These stützt sehen wir, während wir gute Taten unterbewusst übersehen.

Du musst nicht alles für richtig halten, was Nietzsche sagt. Auch ich habe bei vielen seiner Aussagen große Bedenken. Dennoch können wir uns als Folge dessen zentrale Fragen stellen: Warum hältst du das, was du für gut und richtig hältst für gut und richtig? Woher weißt du, was wahr ist? Woran misst du das, was wahr ist? Kannst du dich dabei auf deine eigenen Emotionen und deinen eigenen Verstand verlassen oder liegt die Bewertung von Werten und Moral, wie Nietzsche sagt, jenseits von Gut und Böse? Wie legitimierst du, dass gerade deine oder die Sicht deiner Gesellschaft richtig ist?

Eine epistemologische Übung

  • Einige meiner Lieblingstheorien sind ...
  • Einige Dinge, die ich 100% sicher weiß, sind ..
  • .

  • Einige Überzeugungen, bei denen es lächerlich wäre, sie anzuzweifeln, sind ...
  • Einige Überzeugungen, auf die ich stolz bin, sind ...
  • Einige Dinge, die ich glaube, aber nicht wirklich selbst erlebt haben, sind ...

    Einige Annahmen, die notwendig sind, damit meine Weltanschauung Sinn macht, sind ...

  • Einige Dinge, die ich gerne als Tatsachen bezeichne, aber eigentlich Überzeugungen sind, sind ...
  • Einige meiner Meta-Überzeugungen sind ...
  • Ich würde so dumm aussehen, wenn einer der folgenden Überzeugungen sich als wahr / falsch herausstellte ...
  • Es gibt absolut keinen Weg, dass die folgenden Dinge falsch sein könnten ...
  • Einige Überzeugungen, die andere Leute haben, die mich aufregen, weil sie so lächerlich sind, sind ...

  • Wenn du dir Zeit nimmst das, was du zu wissen glaubst und wovon du zu 100 % überzeugt bist zu hinterfragen, wirst du dich auf eine ganz neue Art und Weise verstehen. Das ist wahre Persönlichkeitsentwicklung.

    Wenn du es ernst meinst, kannst du dir eine Frage herausnehmen und eine Stunde nur über eine einzige Frage oder ein Thema nachdenken. Immer wenn deine Gedanken abschweifen, bringst du deinen Fokus zurück zur Frage. Das ist schwerer als man denken mag, aber das ist wahre Selbstreflexion.

    2 Comments

    1. […] und verwebt die Gedanken einer breiten Palette von Philosophen, von Sokrates und Aristoteles bis Nietzsche, Thoreau, Emerson mit eigenen […]

    2. […] vielen anderen großen Denkern der vergangenen Jahrhunderte geteilt, darunter Ralph Waldo Emerson, Friedrich Nietzsche, William James und Carl Jung […]

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