Existenzielle Fragen- Die größten Fragen und Sorgen, die die Fäden deines Lebens im Hintergrund ziehen (Existenzielle Psychotherapie- Yalom)

Existenzielle Psychotherapie: Ein allgemein gehaltener Glaube ist, dass psychische Störungen in erster Linie das Ergebnis biochemischer Ungleichgewichte sind, die mit pharmazeutischen Medikamenten behandelt werden müssen. Diese Ansicht wird jedoch nicht von allen akzeptiert. Die Existentialisten hatten eine etwas andere Sicht.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand eine therapeutische Bewegung, die existenzielle Psychotherapie genannt wurde, die auf der Vorstellung beruht, dass einige psychische Störungen, wie Angst und Depression, das Ergebnis der Unfähigkeit eines Individuums sind, sich mit bestimmten Eigenschaften des menschlichen Zustands in Einklang zu bringen .

Während biochemische Ungleichgewichte bei solchen Leuten vorhanden sein können, sind die Ungleichgewichte nicht unbedingt die Ursache ihres Leidens, sondern ein Symptom – die Ursache ist ihre Unfähigkeit, mit den existentiellen Dilemmata des menschlichen Lebens umzugehen.

Die Behandlung von psychischen Leiden dieser Art, gemäß der existenziellen Psychotherapie, beinhaltet nicht (nur) Medikamente, sondern Selbstreflexion, philosophische Erforschung, eine Erweiterung des Bewusstseins und die Akzeptanz des menschlichen Zustands.

In diesem Artikel gebe ich dir einen kurzen Überblick über die existenzielle Psychotherapie. Vor welchem existenziellen Dilemma oder Problem sieht sich der Mensch?

Ich maße mir nicht an in einem kurzen Artikel wie diesen die vier größten Sorgen der Menschheit ein für alle Mal zu lösen, sondern möchte Impulse geben dich selbst zum Nachdenken und Erforschen anzuregen. Denn viel von dem, was wir unsere Probleme halten maskiert sich nur hinter diesen existenziellen Fragen.
Sind diese existentiellen Probleme einfach zu lösen? Definitiv nicht! Aber die unvermeidbare Konfrontation mit ihnen wird dich zu einem stärkeren Menschen machen.

Die Denker des Existentialismus beschäftigten sich weitgehend mit dem, was man die „letzten Sorgen“ der menschlichen Existenz nennen könnte:
Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit.

Existenzielle Psychotherapie: Der Tod

Tod existentielle Psychotherapie

Der Tod ist vielleicht der offensichtlichste der letzten Sorgen. Während das Leben laut Kierkegaard die "Möglichkeit der Möglichkeit" ist, ist der Tod die "Unmöglichkeit der weiteren Möglichkeit" (Heidegger) - die endgültige Grenze, die unsere Existenz begrenzt und strukturiert. Die Angst vor dem Tod beeinflusst im Hintergrund unsere innere Erfahrung.

Der französische Schriftsteller Francois de La Rochefoucauld hat denselben Punkt noch prägnante dargestellt:

"Du kannst nicht direkt ins Gesicht der Sonne oder des Todes starren

(Francois de La Rochefoucauld)

Jucke nicht, wo es nicht juckt. Das Sprichwort wird häufig Argument genannt um sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Haben die Menschen nicht genug Angst ohne dass sie an Tod erinnert werden? Warum auf bittere und unveränderliche Realität hinweisen?

Darauf würde ich antworten, dass es massive Kosten haben kann sich selbst zu belügen und vor der Realität die Augen zu verschließen.

Leben und Tod sind voneinander abhängig und existieren gleichzeitig- nicht nacheinander. Der Tod schwirrt ununterbrochen unter der Oberfläche des Lebens und übt einen großen Einfluss auf Erfahrung und Verhalten aus. Der Tod ist eine primäre Quelle der Angst und somit auch hochgradig relevant für uns alle.

Lernen, gut zu sterben, ist zu lernen, gut zu leben. -Cicero

Radikale Verantwortung für die Welt und Ehrlichkeit in Bezug auf seine eigene Verletzlichkeit und Fehlbarkeit als Mensch ist schmerzvoll- verdammt schmerzvoll, aber ich erinnere mich an das, was John Stuart Mill gesagt hat:

Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten."

Die Leugnung des Todes

Der amerikanische Soziologe Ernest Becker schildert das Dilemma in drastischer Weise:

" So ist der Mensch buchstäblich in zwei Hälften gespalten: Er weiß um seine eigene, herrliche Einmaligkeit, weil er sich überall von der Natur abhebt und sie überragt, und doch braucht er nur ein paar Meter unter die Erde zu gehen, um blind und stumm zu verwesen und für immer zu verschwinden. Es ist ein schreckliches Dilemma, mit dem er leben und sich abfinden muss. (....) Es bedeutet, erkannt zu haben, dass man Fraß für die Würmer ist. So sieht also das Entsetzliche aus: aus dem Nichts hervorgegangen zu sein, einen Namen, ein Bewusstsein, tiefe innere Gefühle, eine quälende Sehnsucht nach Leben und Selbstverwirklichung zu beherbergen - und trotzdem sterben zu müssen. " (E. Becker, 1976, 54 )

"Eine Leugnung des Todes auf jeder Ebene ist eine Leugnung der Grundnatur und erzeugt eine zunehmend durchdringliche Beschränkung von Bewusstsein und Erfahrung. Die Integration der Idee des Todes rettet uns; anstatt uns zu Existenzen von Terror oder düsterem Pessimismus zu verurteilen, fungiert es als Katalysator, um uns in authentischere Lebensmodi zu stürzen, und es erhöht unsere Freude am Leben des Lebens. "(Existenzielle Psychotherapie, Irvin Yalom)

Über die Kürze des Lebens

Das Welken der Blume sorgt nicht dafür, dass wir leiden, sondern das unrealistische Verlangen, dass die Blume niemals vergeht, tut es. Wir können den Anblick der Pflanze genießen, obwohl sie eines Tages verwelkt sein wird.

Du hörst es immer wieder: Lebe dein Leben, als ob heute dein letzter Tag wäre. Gemeint ist nicht der hedonistische Exzess (wie oben beschrieben). Ich stimme an dieser Stelle den Stoikern zu, dass wir von Zeit zu Zeit reflektieren sollten, ob wir wirklich so leben, wie wir leben wollen.

Mein Ziel dieses Betrags ist es nicht dir eine Lösung auf diese Frage zu geben oder dir meine Meinung auf zu zwängen. Ich habe meine Lösung gefunden- deine kann eine ganz andere sein.

Mein Ziel ist es dich zum Nachdenken anzuregen, was wirklich wichtig für dich ist.

Das Überwinden der Todesangst ist das Wiederfinden der Lebensfreude. Eine wirklich vollkommene Lebensbejahung kann nur erreicht werden, wenn Tod nicht als Gegenteil des Lebens, sondern als Teil akzeptiert wird. Das Überwinden des Todes bedeutet den Mut wahrhaft zu leben. - Joseph Campbell

Todesangst überwinden?

Hier noch weitere Gedanken über die Kürze des Lebens aus stoischer Sicht:

Über die Kürze des Lebens- Die vielleicht wichtigste Frage deines Lebens-Wie gehen wir mit dem Tod um ?

Existenzielle Psychotherapie: Die Freiheit

Furcht vor Freiheit Eskapismus

Während der Tod am offensichtlichsten der letzten Sorgen ist, ist die Freiheit vielleicht am wenigsten offensichtlich. Es wird gewöhnlich davon ausgegangen, dass Freiheit intrinsisch wünschenswert ist, aber ganz häufig sind Einzelpersonen über Freiheit besorgt, und in den Worten von Erich Fromm kann sogar eine "Angst vor der Freiheit" entstehen.

"Kann die Freiheit eine Last werden, zu schwer für den Menschen zu tragen, was er versucht zu entkommen?" (Furcht vor Freiheit, Erich Fromm)

Erich Fromm leitet sein Buch „Die Furcht vor Freiheit“ mit folgenden Worten ein:

Viele sahen im Ersten Weltkrieg den Endkampf und in seinem Abschluß den endgültigen Sieg der Freiheit. Die bereits vorhandenen Demokratien schienen gestärkt daraus hervorzugehen,und neue Demokratien traten an die Stelle früherer Monarchien. Aber bereits nach wenigen Jahren tauchten neue Systeme auf, die alles verleugneten, was die Menschen in jahrhundertelangen Kämpfen errungen zu haben glaubten. Denn das Wesen dieser neuen Systeme, die sich des gesamten gesellschaftlichen und persönlichen Lebens der Bevölkerung bemächtigten, war die völlige Unterwerfung aller unter die Autorität einer Handvoll von Menschen, gegen die sie machtlos waren. Zunächst trösteten sich viele mit dem Gedanken, der Sieg des autoritären Systems sei auf die Geistesverwirrung einiger weniger einzelner zurückzuführen, die von ihrem Wahnsinn schon rechtzeitig wieder abgebracht werden könnten. Andere wiegten sich im Glauben, die Italiener und die Deutschen
besäßen nur noch nicht genügend Übung in Demokratie, und man könne daher ruhig zuwarten, bis sie die politische Reife der westlichen Demokratien erreicht hätten. Eine andere weitverbreitete Illusion – vielleicht die allergefährlichste – war die, daß Menschen wie Hitler allein durch ihre List und Tücke die Macht über den großen Staatsapparat errungen hätten, daß sie und ihre Gefolgsleute allein durch nackte Gewalt regierten und daß die Bevölkerung nur das willenlose Objekt von Betrug und Terror sei.

Inzwischen haben sich diese Ansichten als Irrtum herausgestellt. Wir mußten erkennen, daß Millionen von Deutschen ebenso bereitwillig ihre Freiheit aufgaben, wie ihre Väter für sie gekämpft hatten; daß sie, anstatt sich nach Freiheit zu sehnen, sich nach Möglichkeiten umsahen, ihr zu entfliehen; daß weitere Millionen gleichgültig waren und nicht glaubten,daß die Verteidigung der Freiheit es wert sei, für sie zu kämpfen und für sie zu sterben.

Die Geschichte hat zahlreiche Beispiele bereit, wie fatal es ist keine Verantwortung für unsere Handlungen zu tragen. Der Philosoph Eric Hoffer, der Massenbewegungen und Fanatismus erforscht hat, hatte es sich zur Aufgabe gemacht zu verstehen, warum Menschen sich freiwillig der Tyrannei unterordnen.
Besonders eine Wendung blieb in seinem Kopf hängen. Ein junger Deutscher, der sich den Nazis angeschlossen hatte, sagte ihm, dass sein primäres Motiv die Freiheit von der Freiheit sei.

Für diesen jungen Mann und für viele andere war es attraktiver die schwere Bürde von Verantwortung abzugeben. Aber dieser Impuls sorgte für viele Taten der Tyrannei und Brutalität, auf die die Welt hätte verzichten können.
Das Verlangen danach Verantwortung zu vermeiden kann oft überwältigend sein. Auf der anderen Seite gibt uns Verantwortung Macht. Wir sind keine Opfer, sondern die Schöpfer unseres eigenen Lebens.

Erich Fromms 3 zentralen Fluchtmechanismen vor der Freiheit

Erich Fromm beschreibt 3 zentrale Fluchtmechanismen vor der Freiheit und der damit einhergehenden Verantwortung.

1) Flucht in Autoritäre Systeme

Zitat:

Der erste Fluchtmechanismus, mit dem wir uns befassen wollen, ist die Tendenz, die Unabhängigkeit des eigenen Selbst aufzugeben und es mit irgendjemand oder irgendetwas außerhalb seiner selbst zu verschmelzen, um sich auf diese Weise die Kraft zu erwerben, die dem eigenen Selbst fehlt. Es handelt sich also darum, neue »sekundäre Bindungen« als Ersatz für die verlorenen primären Bindungen zu suchen. Deutlich erkennbare Formen dieses Mechanismus sind das Streben nach Unterwerfung und nach Beherrschung oder – besser gesagt – die masochistischen und sadistischen Strebungen, wie sie in unterschiedlichem Grad bei normalen und bei neurotischen Menschen anzutreffen sind. Wir wollen zunächst diese Tendenzen beschreiben und dann zeigen, daß beide eine Flucht vor einem unerträglichen Alleinsein sind. Die häufigsten Formen, in denen masochistische Strebungen auftreten, sind Gefühle von Minderwertigkeit, Ohnmacht
und individueller Bedeutungslosigkeit.

2) Flucht ins Destruktive
Zitat:

Wie bereits erwähnt, ist zwischen den sado-masochistischen Strebungen und der Destruktivität zu unterscheiden, obwohl beide meist miteinander verquickt sind. Die Destruktivität unterscheidet sich insofern, als ihr Ziel nicht die aktive oder passive Symbiose, sondern die Vernichtung ihres Objektes ist. Aber auch sie wurzelt darin, daß Ohnmacht und Isolierung für den einzelnen unerträglich sind. Ich kann dem Gefühl meiner Ohnmacht gegenüber der Welt außerhalb von mir dadurch entrinnen, daß ich sie zerstöre. Sicher bleibe ich auch dann, wenn es mir gelungen ist, sie zu beseitigen, immer noch allein
und isoliert, aber ich befinde mich dann in einer splendid Isolation, in der ich nicht von einer überwältigenden Macht von Objekten außerhalb meiner selbst zermalmt werden kann. Die Zerstörung der Welt ist der letzte, verzweifelte Versuch, mich davor zu retten, von ihr zermalmt zu werden. Ziel des Sadismus ist die Einverleibung des Objekts, Ziel der Destruktivität ist dessen Beseitigung. Der Sadismus strebt danach, das atomisierte
Individuum durch die Herrschaft über andere zu stärken; die Destruktivität erstrebt das gleiche durch die Beseitigung jeder Bedrohung von außen.

Dieser Hass auf die Welt und die Liebe zur Destruktivität ist auch die primäre Warnung der Geschichte von Kain und Abel, über die ich bereits einen Episode gemacht habe:

Kain und Abel: Warum du dein ideales Ich unter keinen Umständen verwerfen solltest

c) Flucht ins Konformistische

Zitat:

Bei den bisher erörterten Mechanismen überwindet der einzelne sein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der überwältigenden Macht der Außenwelt, indem er entweder auf seine individuelle Integrität verzichtet oder indem er andere zerstört, so daß die Welt für ihn nicht länger bedrohlich ist. Andere Fluchtmechanismen bestehen darin, daß man sich so total von der Welt zurückzieht, daß diese ihren bedrohlichen Charakter verliert (bestimmte psychotische Zustände bieten und daß man sich psychologisch in einem solchen Maße aufbläht , daß die Außenwelt vergleichsweise klein wird. Wenn diese Fluchtmechanismen für die Individualpsychologie auch wichtig sind, so sind sie kulturell nur von untergeordneter Bedeutung. Ich möchte deshalb hier nicht näher darauf eingehen und mich lieber einem weiteren Fluchtmechanismus zuwenden, der von größter gesellschaftlicher Bedeutung ist.

Dieser Mechanismus stellt die Lösung dar, für die sich die meisten normalen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft entscheiden. Er besteht kurz gesagt darin, daß der einzelne aufhört, er selbst zu sein; er gleicht sich völlig dem Persönlichkeitsmodell an, das ihm seine Kultur anbietet, und wird deshalb genau wie alle anderen und so, wie die anderen es von ihm erwarten. Die Diskrepanz zwischen dem »Ich« und der Welt verschwindet und damit auch die bewußte Angst vor dem Alleinsein und der Ohnmacht. Man könnte diesen Mechanismus mit der Schutzfärbung gewisser Tiere vergleichen. Diese sehen ihrer Umgebung so ähnlich, daß sie kaum von ihr zu unterscheiden sind.

Wer sein Selbst aufgibt und zu einem Automaten wird, der mit Millionen anderer Automaten in seiner Umgebung identisch ist, fühlt sich nicht mehr allein und braucht deshalb keine Angst mehr zu haben. Aber der Preis, den er dafür zahlen muß, ist hoch, es ist der Verlust seines Selbst.

Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein

jean-paul sartre

Der Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre war ein zentraler Vertreter des Existenzialismus und sagte: Existieren heißt, sein eigenes Leben zu schaffen.
Noch mehr als das: „Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein.“ Was meint Sartre damit?

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, weil er sich nicht selber erschaffen hat. Denn wenn er erst einmal in die Welt geworfen ist, dann ist er für alles verantwortlich, was er tut.

Unsere Freiheit verdammt uns nach Sartre unser ganzes Leben lang dazu, uns zu entscheiden. Auch wer glaubt, sich nicht zu entscheiden, oder endlos seine Entscheidung zu einem wichtigen Thema aufschiebt, hat seine Entscheidung bereits gefällt: nichts zu verändern und vor sich hin zu vegetieren.

Frei zu sein bedeutet, für sein Leben verantwortlich zu sein, der Autor des eigenen Schicksals. Wegen der überwältigenden Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit dieser Aufgabe fliehen die Menschen häufig aus der Freiheit und damit die Verantwortung, den eigenen Weg im Leben zu bestimmen.

Es ist sicherlich wahr, dass viele von uns unseren Verantwortungen und Potenzialen zu entgehen versuchen.
Viele existentielle Denker haben festgestellt, dass derjenige, der seine Berufung ignoriert und somit unauthentisch lebt durch den Impuls der Schuldgefühle wieder zurück auf den Weg zu einer authentischen Existenz finden kann, weil sie uns zur Handlung treiben.

Irvin Yalom hat geschrieben:

"Einer, der es verpasst so vollkommen zu leben, wie er kann, erlebt ein tiefes, starkes Gefühl, das ich hier als" existenzielle Schuld "bezeichne. ... Existentielle Schuld ist eine positive konstruktive Kraft.“ (Existenzielle Psychotherapie , Irvin Yalom)

In dem Maße, in dem man seine Freiheit akzeptiert und damit die Tatsache, dass man für sein Schicksal komplett verantwortlich ist, steht man vor der (für manche) erschreckenden Erkenntnis, dass man allein ist.

Existenzielle Psychotherapie: Isolation

 existenzielle isolation

Die existenzielle Isolation, die sich auf eine unüberbrückbare Kluft zwischen sich und einem anderen Wesen ergibt ist ein weiteres letztes Anliegen, dass jeder Einzelne durch den Verlauf seiner psychologischen Entwicklung in Einklang zu bringen ist.

Der Psychotherapeut Helmuth Kaiser aus dem 20. Jahrhundert schrieb:

"Ein Individuum zu werden, beinhaltet eine vollständige, eine grundlegende, eine ewige und unüberwindbare Isolation."

Darin steckt ein wahrer Funke. Derjenige, der nie allein ist und sein kann, betäubt seinen existenziellen Schmerz häufig und konfrontiert ihn daher nie. Die Tatsache, dass ein Individuum zu werden manchmal eine Isolation zur Folge hat, erklärt, warum viele Menschen von der Aufgabe, ein Individuum zu werden, zurückschrecken und stattdessen ihre Gefühle der Einsamkeit durch Konformität und Anpassung an die Massen lindern.

Erich Fromm stellte in seinem Buch Furcht vor Freiheit fest, dass eine enge Verbindung zwischen existenzieller Isolation und Konformität besteht.

"... er nimmt ganz die Art von Persönlichkeit an, die ihm durch kulturelle Muster angeboten wird; und er wird also genau so, wie alle anderen sind und wie sie ihn erwarten. Die Diskrepanz zwischen "Ich" und der Welt verschwindet und damit die bewusste Angst vor Einsamkeit und Machtlosigkeit ... Die Person, die sein individuelles Selbst aufgibt und ein Automaton wird, der mit Millionen anderen identisch ist, muss sich nicht mehr allein und ängstlich fühlen . Aber der Preis, den er zahlt, ist hoch; es ist der Verlust seines Selbst. "(Furcht vor der Freiheit, Erich Fromm)

Der Weg zum Individuum verlangt, dass man nicht von dieser Isolation flieht, sondern sie annimmt und die Fähigkeit entwickle allein zu sein ohne sic ablenken zu müssen.

Existenzielle Psychotherapie: Sinnlosigkeit

Nihilismus Sinnlosigkeit

Das Gefühl, allein zu sein und von der Welt verlassen zu werden, kann uns zwingen, den Sinn des Lebens in Frage zu stellen - ein weiteres letztes Anliegen, mit dem jeder Mensch ringen muss.

Auch in meinem Leben war Nihilismus die größte Hürde.Neulich habe ich ein Worddokument gefunden, das meinen früheren Hang zum Nihilismus ganz gut beschreibt. Hier ein Einblick in den Kopf meines 15-jährigen, nihilistischen und nicht ganz so postiven Ichs:

Verbirg deine Augen für einige Zeit in meinen schützenden Händen vor jenem verheißenden Schein, der sich deiner Augen bemächtigte und dich seitdem mit Blindheit schlägt, sodass du endlich das Licht der Erkenntnis zu sehen vermögest; auf dass du der Situation der Menschheit gewahr zu werden vermagst. Ich möchte sie dir nun eigens vor dieselben führen: So befinden wir, die Menschheit, uns innerhalb eines schier unendlich weitläufigen, aber dennoch geschlossenen Raumes, der wie gewohnt von einer Decke und vier Wänden, aber dennoch von einer bodenlosen Tiefe umschlossen wird. Der Mensch, der dieser bodenlosen Tiefe letztlich entstammt und diese flüchtet, richtet denn nun in seiner ungeheuerlichen, aber dennoch zunächst nicht zu verurteilenden Angst vor der unendlichen Tiefe unterhalb seiner Füße hoffnungsvoll seine Augen in Richtung der Decke des Raumes des Seins als einzige Möglichkeit der Errettung vor dem Zurückfallen hinein in die Schwärze; hinein in das Verlassen des Raumes des Seins; hinein in die Nichtexistenz; aber er erkennet im selbigen Augenblicke auch, dass er von Natur aus keine Möglichkeit sein eigen zu nennen weiß, sich jenem ersehnten Orte anzunähern. Demnach sieht er sich dazu gezwungen angesichts dieser Furcht einen eigenen individuellen und folglich dessen einen seiner primitivsten Regung und ihn selbst determinierenden Natur entspringenden Sinn herauszubilden, der sich für ihn sinnbildlich in Form einer Leiter offenbart, welche er letztlich in hastiger, und deshalb in nicht seinem widernatürlichen Streben gewahren Weise an eine Wand des Raumes anlehnt, um der lauernden Schwärze der Nichtexistenz zu entkommen. Dieser Sinnesleiter folgt er in seiner Hast nun denn sein gesamtes Leben so lange hinauf, bis dass er letztlich an seinem Ziel, also der Decke des Raumes angelangt sein wird und er nicht mehr weiter vor der Tiefe flüchten kann. Da er sich aber immer noch von der ewigseienden Nichtexistenz in der Schwärze der Tiefe getrieben sieht, versucht er in seiner Verzweiflung die Decke zu durchschlagen, um diesen Zustand zu überwinden und ewiges Heil fernab der Schwärze zu erlangen. Gegenseitig spornen sich die Menschen dort droben sodann an, auf dass sie für den nahenden Sieg des Menschen an ihrer jeweiligen Stelle nicht mehr lange auszuharren haben; einige andere, an dieser Stelle namentlich die Religiösen, versuchen den anderen Menschen ihren jeweilig eigenen Angriffspunkt an dieser Decke schmackhaft zu machen und sogar mit Gewalt und List auf ihre Seite zu ziehen, und versuchen Verweigerer zu denunzieren oder hinab in die Tiefe zu stürzen; die wenigsten letztlich versuchen diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Somit stellt die Decke den unüberschaubaren Schauplatz der letzten verzweifelten Schlacht der Menschheit dar; die letzte noch von dem stets beim Hinaufsteigen seiner Sinnesleiter siegesverwöhnten Menschen zu erstürmende Bastion hin zu der aus der Sicht des individuellen Menschen alleinigen heilsbringenden Erkenntnis fernab der naturgegebenen Tiefe des Raumes. Doch fürwahr, welch' Tragik offenbaret sich aber in jenem Kampfe dem sehen' Auge! Denn der Mensch kratzet mit seinen verzweifelten Fingern nur an der vermeintlichen Decke zu der Erkenntnis und dem ewigen Glück, zu welcher er durch die Leiter seines individuellen, an einem Ideal ausgerichteten, Lebens zu gelangen glaubet, ohne diese je zu durchbrechen. Zuvorderst die seinige Sinnesleiter als eskapistisches Fluchtmittel vor der Nichtexistenz und letztlich dann die Erzeugnisse seiner verzweifelten Hysterie; demnach die Linien, Rillen, Muster, Verwerfungen und Löcher, die der Mensch mittels seiner blutüberströmten Finger in die Decke schlug und die denn nun verschiedenartige, durch das sich dahinter erhoffte Licht des ewigen Glückes leuchtende, Musterungen bilden, aber lassen ihn die Wahrheit und den Sinn erkennen glauben. Er glaubet, dass an seiner Stelle der Decke, welche er nur mittels einer Sinnesleiter seines individuellen Ideales erreichen konnte, die Dicke der Decke äußerst gering sein muss, und er den blinden Schein, der sich ihm hinter ihr durch sein Streben bruchstückhaft verheißend offenbart, leichter zu erreichen vermag. Doch kratzet ein anderer Verzweifelter an einer anderen Stelle der Decke zur Erkenntnis und zum Heil in seiner trunkenen Not nicht gar verzweifeltere, tiefere, vielmehr vermeintlich zweckgelöstere und abstrahierendere Muster dort hinein; schlüge tiefere Brocken aus jener Barriere heraus und sähe womöglich eine fernere, einer leuchtendere Wahrheit? Wer von beiden hätte denn nun ein größeres Recht auf Erden die Wahrheit und den Sinn zu blicken? Niemand sage ich; gar niemand in dieser Welt könnte dieses Recht alleinig für sich bewahren und dennoch beansprucht es ein jeder für sich! Gleichgültig ist es, an welcher Stelle dieses spottenden Bollwerkes der Mensch es versuche; er wird es nie zu durchbrechen vermögen und dennoch kämpfet er sein gesamtes Leben unermüdlich gegen sein furchterfüllendes Gefängnis an, um ihm endlich entfliehen zu können, bis dass er am Ende seines Lebens letztlich kraftlos zusammenbechen und zusammen mit seinem Lebenssinne der verhassten bodenlosen Tiefe entgegenrasen wird, aber dennoch im Angesichte seines ihm die Wahrnehmung trübenden Todes zu glauben meint, dass sein Streben vom Erfolge gekrönet gewesen sei und er die Decke endlich durchschritten habe, wenngleich er seines ihn umfangenden Ideales wegen in der Schwärze der Nichtexistenz nicht zu vergehen vermag und aufgrund seines begierdlichen Festhaltens an eben jenem Streben innerhalb der primitivsten Anthropotheose von dem alleinigen Ort seiner Erlösung wiederkehret, um seinen hoffnungslosen weiterhin Kampf fortzuführen. Darum wende, mein Freund, deine Blicke von dem Orte der Decke ab, welchem du verhaftet bist und an welchem du versuchest sie zu durchbrechen, um der Tiefe des Raumes zu trotzen; richte sie zur Seite hin und schaue deine Brüder und Schwestern, schaue ihren Kampf, schaue ihr Scheitern, schaue wie sie im Angesichte ihres Todes dorthin fallen werden, wovor sie eigentlich flüchteten, und letztlich wieder an dem Scheiterpunkte ihrer Flucht erneut vergehen mögen! Sie wollen ihr Sein bewahren, sie klammern sich daran; sie wollen aber auch ihr Gefängnis verlassen, sie streben deshalb wie die Motten dem Lichte entgegen; sie fürchten die Dunkelheit der Nichtexistenz, sie hüllen sich ihr Leben lang in die Kleider der Verleumdung, der Verblendung. Da sie ihren Blick aus Furcht vor dem Antlitze jener Tiefe und da sie ihren Blick der Hoffnung auf das baldige Ende ihrer Mühen wegen nicht von ihrem Lebenswerk abzuwenden vermögen, können sie es nicht sehen, wenn ihre Mitstreiter am Ende ihres verzweifelten Gefechtes um das Leben hinab in die Tiefen stürzen; auch sie glauben lediglich, da deren Stimmen und die Geräusche ihrer Anstrengungen, ihrer Hoffnungen, ihres Leides nicht mehr zu vernehmen sind und letztlich verstummen, dass jene die Decke letztlich durchbrochen hätten, woraufhin sie diese vor Glück jauchzend bejubeln und ihnen freudig nacheifern, nichtsahnend, dass diese lediglich in die Tiefe gestürzt sind und sie ihnen folgen werden.

Gott ist tot- Damit hat der Philosoph Nietzsche angekündigt, was der Verlust der Werte und der Moral für die Welt bedeuten wird. Im Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung war das aber nicht triumphierend gemeint, sondern als Warnung. Als Warnung vor dem Nihilismus, der das 20. Jahrhundert überschwemmen sollte.

Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.- Nietzsche

Nihilismus und totalitäre Staaten voller Zerstörung waren zwei grausame Eigenschaften des 20. Jahrhunderts, die ein direktes Ergebnis der neuen Sinnlosigkeit sind. Nietzsche benutzt die Metapher des Tods Gottes. Es ist jedoch kein Aufruf zur Zurückkehr zu Gott und dem Christentum.

Gott ist tot Nietzsche

Aber lass uns doch einmal ansehen, wie Nietzsche den Tod Gottes verkündet und was es für die Gesellschaft bedeutet hat:

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!" Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?

Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh", sagte er dann, "ich bin noch nicht an der Zeit.

Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden.

Nihilismus und Sinnlosigkeit

Nietzsche verkündet den Tod Gottes nicht als freudiges Ereignis, sondern einen Grund zur Sorge. („Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?“)

Wie du siehst: Nietzsche zeigt auf, dass die Gesellschaft noch nicht bereit ist für den Zusammenbruch eines Wertesystems ist („Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit.“) und es massive, negative Folgen haben wird.

Friedrich Nietzsche

In seinem Buch "Jenseits von Gut und Böse" schreibt Nietzsche vernichtende Worte gegen den Nihilismus:

Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? (...) Rückschlag von »Gott ist die Wahrheit« in den fanatischen Glauben »Alles ist falsch«.

Warum ist das ein Problem? Darauf würde ich eine neurologische Erklärung geben. Positive Emotionen hängen vor allem von Dopamin ab (deswegen sind Kokain und Heroin so effektiv). Dopamin wird vor allem ausgeschüttet, wenn wir einem selbst gesetzten Ziel näher kommen. Darunter zählt auch, wenn wir nach den moralischen Standards handeln, die wir für richtig halten. Das heißt im Umkehrschluss: Keine Orientierung an einem moralischen Standard oder keinem Ziel => keine positiven Emotionen.

Nietzsches Gedankenexperiment zur ewigen Wiederkehr

Friedrich Nietzsche ist in seinem Leben damals auf ein Gedankenexperiment gestoßen, das seine Weltsicht für immer verändern sollte. Was wäre, wenn du dein Leben exakt in dieser Weise wieder und wieder und wieder erleben müsstest- mit allen Höhen und Tiefen?

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: 'Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Mal erleben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge -- und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht -- und du mir ihr, Stäubchen vom Staube!' -- Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: 'du bist ein Gott, und nie hörte ich Göttlicheres!' Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei allem und jedem: 'willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?' würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!- Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft

Es geht nicht darum ein Argument für die Wiedergeburt zu geben, sondern dich zum Nachdenken anzuregen: Wie müsste dein Leben aussehen, dass du immer und immer wieder mit gutem Gewissen dasselbe Leben leben könntest- ohne Reue, ohne Bedauern und trotz des unvermeidlichen Schmerzes.

Ernest Becker schreibt in seinem Buch „The denial of death“:

"... je ungelebter dein Leben ist, desto größer ist dein Todesangst. Je mehr du die Erfahrung verpasst dein Leben in vollen Zügen zu erleben, desto mehr wirst du den Tod fürchten. "

Gott ist tot- nun musst du deinen eigenen Sinn finden

Es ist heutzutage sehr üblich, dass die Menschen mit der Frage nach dem Sinn des Lebens kämpfen, die Albert Camus die "dringlichste Frage von allen" nannte. Aber diese Frage ist von entscheidender Bedeutung, wie Carl Jung kommentierte:

"Die Bedeutung macht viele Dinge erträglich - vielleicht alles."

Viele Existenzialisten haben betont, dass ein endgültige und für alle gültige Bedeutung der menschlichen Existenz unerreichbar ist.
Aber während die endgültige Bedeutung des Lebens uns verborgen bleibt, schließt es nicht aus, dass man persönliche Bedeutung oder Sinn für die eigene Existenz findet.

"Moderne ... Menschen stehen vor der Aufgabe, eine Richtung zum Leben ohne ein externes Leuchtfeuer zu finden. Wie geht man vor, um die eigene Bedeutung zu konstruieren - eine Bedeutung, die robust genug ist, um das Leben zu stützen? "(Existenzielle Psychotherapie, Irvin Yalom)

Ich stell mir immer den griechischen Gott Atlas vor, der von den Göttern bestraft wurde den Himmel auf seinen Schultern zu tragen, damit er nicht auf die Erde stürzt. Das ist sein Schicksal oder sein Fluch.

Im ersten Moment denkt man: Armer Atlas. Vielleicht sollte er einfach den verdammten Himmel ablegen und ein Bierchen trinken oder so.
Aber wenn wir weiterhin darüber nachdenken, gibt es Atlas auch ein Gefühl von Bedeutung in seinem Leben. Ja, es ist eine Menge Verantwortung und keine einfache Aufgabe, aber dadurch, dass er das Wohlergehen der Welt über sein eigenes Vergnügen stellt, gibt er seinem Leben einen Sinn.

Atlas

Obwohl der Aufbau der eigenen Bedeutung eine individuelle Aufgabe ist, die eine individuelle Lösung erfordert, haben zahlreiche Denker die Selbstverwirklichung als besonders starke Lösung isoliert. Bereits im vierten Jahrhundert v. Chr. behauptete Aristoteles, dass das wahre Ende oder Ziel jedes Individuums die Verwirklichung seines eigenen Wesens oder die Verwirklichung seiner versteckten Potenziale und Möglichkeiten ist.

Das eigentliche Ende einer Eichel ist es, sich zu einer gesunden Eiche zu entwickeln, während das eigentliche Ende des Individuums darin besteht, die latenten Kapazitäten zu verwirklichen. Werde, wer du bist- nur besser.

Existenzielle Psychotherapie: Ein Fazit

Du selbst zu werden, ist keine Garantie, sondern eine schwierige und intensive Aufgabe, die Selbsterkenntnis, Engagement und Mut erfordert.

"... es ist vernünftig anzunehmen, dass es in praktisch jedem Menschen einen aktiven Willen zur Gesundheit, einen Wachstumsimpuls oder zur Verwirklichung menschlicher Potenziale gibt. Aber sofort sind wir mit der traurigen Erkenntnis konfrontiert, dass so wenige Menschen es schaffen. Nur ein kleiner Teil der menschlichen Bevölkerung wird zum Punkt der Identität, Entfaltung, vollständiger Menschlichkeit und Selbstverwirklichung gelangen. (Farther Reaches of Human Nature, Abraham Maslow)

Während die endgültigen Sorgen, die unsere Existenz strukturieren und begrenzen - Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit belastend und sogar tragisch sein können, ist es möglich sie zu überwinden. Obwohl diese Probleme keine ultimative Lösung haben und nicht ein für allemal gelöst werden können, ist es wichtig, sich an Senecas Einsicht in die Kraft des menschlichen Geistes zu erinnern.

"... es gibt nichts für den Geist des Menschen, was zu schwierig oder zu anstrengend ist, als dass es nicht durch Akzeptanz und Selbstreflexion zu meistern wäre." (Seneca)

Nietzsche gibt ein Echo dieser Aussage:

"Es gibt Höhen der Seele, aus denen sogar die Tragödie aufhört, tragisch auszusehen." (Jenseits von Gut und Böse, Friedrich Nietzsche)

Oder in den Worten von Carl Jung:

"... die größten und bedeutendsten Probleme des Lebens sind alle grundsätzlich unlösbar ... sie können niemals gelöst werden, man kann nur über sie hinauswachsen ... Was auf einer niedrigeren Ebene zu den wildesten Konflikten und zu Emotionen voller Panik geführt hatte, ist von der höheren Ebene der Persönlichkeit aus gesehen nun wie ein Sturm in einem Tal, das von einer hohen Bergspitze aus gesehen wurde. Das bedeutet nicht, dass das Gewitter seiner Wirklichkeit beraubt wird. Es bedeutet, dass man, anstatt darin zu sein, jetzt darüber ist. "(Carl Jung)

Selbstüberwindung

Selbstverständlich kann ich dir in diesem kleinen Beitrag keine perfekten Antworten zu den schwierigsten Fragen der Menschheit geben, aber diese Impulse aus der existenziellen Psychotherapie können dir helfen über die Fragen nachzudenken, denen sich jeder stellen muss, der sich nicht selbst belügt und die Augen vor der Wahrheit verschließt.

Vielleicht hat auch einer dieser zentralen Fragen und Impulse in dir zu einem unangenehmen Gefühl oder einem überdurchschnittlichen Interesse geführt? Das ist ein guter Hinweis darauf, welche dieser Fragen und Impulse du noch einmal überdenken könntest, um daran zu wachsen.

Es gibt Menschen, die nicht in ihrem aktuellen Leben leben. Sie leben so als bereiteten sie sich mit all ihrem Eifer auf ein anderes Leben vor. Während sie das tun, verfließt die Zeit und ist für immer verloren.
—ANTIPHON

5 Comments

  1. […] Existenzielle Fragen- Die größten Fragen und Sorgen, die die Fäden deines Lebens im Hintergrund z… […]

  2. […] Furcht vor der Freiheit ist eine der zentralen existenziellen Sorgen der Menschheit. Es wird gewöhnlich davon ausgegangen, dass Freiheit intrinsisch wünschenswert […]

  3. […] heißt es dukkha (Schmerz, der durch Verbundenheit und Vergänglichkeit entsteht) oder für die existenzialistische Philosophie heißt es oft […]

  4. […] Dieser Lebensstil wird von den meisten Menschen, obwohl er oft ermüdend und unerfüllend ist die meiste Zeit ohne Hinterfragen verfolgt. Hin und wieder jedoch kann eine beunruhigende Erfahrung uns aus diesem Halbschlaf erschüttern – sei es ein Gefühl der Isolation von anderen, ein Bewusstsein für die Kürze des Lebens oder andere existenzielle Fragen. […]

  5. […] wichtiger Bestandteil der Existenzphilosophie, der auch Jean-Paul Sartre angehört, ist die Darstellung der Existenz als grundsätzlich […]

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