Kongruenz: Warum du sooft Dinge sagst, die dich schwach machen- Carl Rogers

Auch wenn dieser Beitrag im Rahmen der Science Sunday-Reihe stattfindet und zum Teil einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, möchte ich dich heute eher zu einem Selbstexperiment einladen, das mein Leben nicht unbedingt einfacher, aber sinnvoller und bedeutungsvoller gemacht hat.

Hier eine kleine Geschichte aus meiner Vergangenheit:

Ich habe es immer genossen Argumente zu diskutieren und zu unabhängig vom Thema. Ich betrachtete es als eine Art Spiel. Plötzlich konnte ich nicht reden – genauer gesagt, ich konnte es nicht ertragen, mir selbst zuzuhören. Ich begann eine „Stimme“ in meinem Kopf zu hören (nicht im schizophrenen Sinne) und sie kommentierte meine Meinungen.

Jedes Mal, wenn ich etwas sagte, sagte es etwas – etwas Kritisches. Die Stimme verwendete einen Standardrefrain, der in einem etwas gelangweilten und sachlichen Ton gehalten wurde:

  • Das glaubst du nicht wirklich.
  • Das ist nicht wahr.
  • Das sagst du nur um Konflikte zu vermeiden.
  • Das sagst du nur um anderen zu gefallen.
  • Das ist nicht wahr.

  • Die „Stimme“ hat solche Kommentare auf fast jeden Satz angewandt, den ich gesprochen habe.

    Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich wusste, dass die Quelle des Kommentars ein Teil von mir war – ich war nicht verrückt geworden – aber dieses Wissen verstärkte nur meine Verwirrung. Welcher Teil, genau, war ich – der sprechende Teil oder der kritisierende Teil? Wenn es der sprechende Teil war, was war dann der kritisierende Teil? Wenn es der kritisierende Teil war – na ja, dann: Wie konnte eigentlich alles, was ich gesagt habe, falsch sein?

    In meiner Ignoranz und Verwirrung entschied ich mich zu experimentieren. Ich versuchte nur Dinge zu sagen, die mein interner Rezensent unangefochten weitergeben würde. Das bedeutete, dass ich wirklich zuhören musste, was ich sagte, dass ich viel seltener sprach und dass ich während eines Satzes oft aufhören würde und meine Gedanken neu formulieren.

    Ich bemerkte bald, dass ich mich weniger aufgewühlt und selbstbewusster fühlte, als ich nur Dinge sagte, die der „Stimme“ nicht widersprachen. Dies war eine deutliche Erleichterung. Mein Experiment war ein Erfolg gewesen. Ich war der kritisierende Teil. Nichtsdestotrotz brauchte ich lange, um mich mit der Vorstellung zu versöhnen, dass ich sooft Dinge sage, die mich schwach machen.

    Es waren Dinge, die ich für gut, bewundernswert, respektabel, mutig hielt. Es waren jedoch nicht meine Meinungen und Ansichten – ich hatte sie gestohlen oder übernommen. Die meisten von ihnen hatte ich aus Büchern genommen. Wenn ich sie abstrakt verstand, vermutete ich, dass ich ein Recht auf sie hatte – vorausgesetzt, dass ich sie adoptieren könnte, als ob sie meins wären.

    Mein Kopf war vollgestopft mit den Ideen anderer; vollgestopft mit Argumenten, die ich nicht logisch widerlegen konnte. Ich wusste damals nicht, dass ein für mich unwiderlegbares Argument nicht unbedingt wahr ist, noch dass das Recht, sich mit bestimmten Ideen zu identifizieren, verdient werden musste- meiner Meinung nach. 😉

    Was ich versucht habe, war es Dinge zu vermeiden, die mich schwach gemacht haben. Und wenn du wirklich achtsam bist, merkst du dieses Gefühl in deinem Körper.

    Die großen Psychoanalytiker: Carl Rogers Kongruenz und Carls Jungs „persona“

    Ich habe zu diesem Zeitpunkt etwas von Carl Jung gelesen, das mir half zu verstehen, was ich erlebte. Es war Jung, der den Begriff der persona formulierte: die Maske, die „die Individualität vorgetäuscht hat“.
    Aber wo kommt eigentlich das Wort „Person“ her? Es kommt aus dem Lateinischen und heißt Maske. Per-sonare heißt „durchtönen“. Damit ist nämlich die Stimme durch eine Maske gemeint.

    Carl Jung sagt ganz treffend:

    "Der Zweck der Individuation ist nun kein anderer, als das Selbst aus den falschen Hüllen der Persona (...) zu befreien. Carl Jung. Der Individuationsprozeß hat [...] in keiner Weise ein sogenanntes moralisches Ziel im landläufigen Gebrauch des Wortes. Er erstrebt keinen Perfektionismus und soll dem Menschen nur dazu verhelfen, im weitesten Sinn wesensgetreu der zu werden, der er in der Tat ist, und sich nicht hinter jener Idealmaske zu verbergen, die so gerne mit dem wahren Wesens eines Individuums verwechselt wird (...) Niemand ist vollkommen [...]. Niemand kann es sein. Es ist eine Illusion. Das einzige, was wir tun können, ist bescheiden danach zu streben, uns selbst zu erfüllen und möglichst vollständige menschliche Wesen zu werden, und das ist schon anstrengend genug."

    Carl Rogers Kongruenz /Übereinstimmung

    Rogers versteht das Selbst nicht wie Freud als eine innere Instanz, sondern als das Objekt psychischer Prozesse wie Denken, Erinnern und Wahrnehmen.

    Der Mensch als eine Anhäufung von Erfahrungen des Lebens – von Körperwahrnehmungen als Interaktionen mit der Umwelt. Dieses Selbst agiert also als Prüfungsinstanz zwischen subjektiver und objektiver Realität. Dabei ist das Selbst laut Rogers immer noch bestrebt, seine innere Integration aufrecht zu erhalten.

    Die Entwicklung kann sogar so weit gehen, dass sich eine Person in ihrer Persönlichkeit immer weiter von der objektiven Wirklichkeit entfernt, aber versucht die innere Übereinstimmung mit dem selbst geschaffenen Selbstbild beizubehalten. Diesen Prozess nennt Rogers Kongruenz/ Übereinstimmung.

    Je näher unser Selbstbild und Ideal-Selbst einander sind, desto konsequenter oder kongruenter sind wir und desto höher ist unser Selbstwertgefühl. Man sagt, dass eine Person in einem Zustand der Inkongruenz ist, wenn ein Teil ihrer Erfahrung für sie inakzeptabel ist und im Selbstbild verleugnet oder verzerrt wird.

    Inkongruenz dagegen ist "eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Erfahrung des Organismus und dem Selbstbild des Individuums.

    Da wir es uns vorziehen, uns in einer Weise zu sehen, die unserem Selbstverständnis entspricht, können wir Verteidigungsmechanismen wie Leugnen oder Repression einsetzen, um uns weniger von etwas bedroht zu fühlen. Eine Person, deren Selbstkonzept inkongruent mit ihren oder seinen wahren Gefühlen und Erfahrungen ist, wird sich verteidigen, weil die Wahrheit schmerzt.

    Wenn es ein Widerspruch zwischen Selbstkonzept und dem äußeren Erleben gibt, dann ziehen Organismus und Selbst in unterschiedliche Richtungen. Ängste, Schuldgefühle, Selbstabwertung und Abwehrhaltungen (also negative defensive Prozesse) quälen uns.

    kongruenz carl rogers

    "Die Leute denken, dass ein Lügner einen Sieg über sein Opfer gewinnt. Was ich gelernt habe, ist, dass eine Lüge ein Akt der Selbstverachtung ist, weil man die eigene Realität gegenüber der Person, der man lügt, aufgibt, diese Person zu seinem Meister macht und sich von nun an dazu verurteilt, die Realität zu fälschen... Derjenige, der die Welt anlügt, ist von nun an der Sklave der Welt. "-Ayn Rand

    ayn rand

    Vereinfachtes Modell der kognitiven Dissonanz

    Dieses Konzept von Carl Rogers Kongruenz ähnelt dem psychologischen Konzept der kognitiven Dissonanz.

    Kognitive Dissonanz bezeichnet in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen gleichzeitig hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind.

    Kognitive Dissonanz tritt unter anderem auf,

  • wenn man eine Entscheidung getroffen hat, obwohl die Alternativen ebenfalls attraktiv waren
  • wenn man eine Entscheidung getroffen hat, die sich anschließend als Fehlentscheidung erweist
  • wenn man gewahr wird, dass eine begonnene Sache anstrengender oder unangenehmer wird als erwartet
  • wenn man große Anstrengungen auf sich genommen hat, nur um dann festzustellen, dass das Ziel den Erwartungen nicht gerecht wird
  • wenn man sich konträr zu seinen Überzeugungen verhält, ohne dass es dafür eine externe Rechtfertigung (Nutzen/Belohnung oder Kosten/Bestrafung) gibt

  • Auch Scheinlösungen, Illusionen und Ausreden können Spannungen reduzieren:

    1. Die Erregung wird auf äußere Ursachen zurückgeführt

    2. Der Widerspruch zwischen Verhalten und Einstellung wird heruntergespielt („So schlimm ist mein Verhalten nun auch wieder nicht.“)

    3. Das Verhalten wird als erzwungen dargestellt („Ich musste so handeln.“)

    4. Nichtwahrnehmen, Leugnen oder Abwerten von Informationen

    5. Selektive Beschaffung und Interpretation von Informationen

    Entweder wird das Verhalten geändert, sodass es zur Überzeugung passt, oder die Überzeugung wird geändert, sodass sie zum Verhalten passt, oder weitere Überlegungen werden als Rechtfertigung hinzugezogen. (zum Beispiel „Diese Prüfung war so wichtig, dass Schummeln ausnahmsweise in Ordnung war“)

    Kurz gesagt: Bevor wir den Schmerz ertragen unser Selbstbild nicht mit unseren Handlungen in Einklang zu bringen, betrügen wir uns eher selbst und rationalisieren irrationales und destruktives Verhalten.

    Quelle Wikipedia

    Kognitive Dissonanz ist ein komplexes Thema, aber für unsere Zwecke können wir uns merken: Bevor wir den Schmerz ertragen unser Selbstbild nicht mit unseren Handlungen in Einklang zu bringen, betrügen wir uns eher selbst und rationalisieren irrationales und destruktives Verhalten.

    Auch eine Reihe von sozial-psychologischen Experimente zeigt die verrückten Auswirkungen der kognitiven Dissonanz: Wenn jemand dazu gebracht wird einen Aufsatz zu schreiben oder einen Fragebogen auszufüllen, in dem er gegen seine politischen Ansichten argumentieren soll und dann in zwei Wochen denselben Fragebogen ausfüllen, hat sich ihre Meinung radikal verschoben.

    Integrität und Selbsttäuschung

    Einer der Hauptnachteile der Selbsttäuschung, vor dem ich am meisten Angst habe, ist, dass jede Lüge einen gefährlichen Präzedenzfall darstellt. Wir werden besser in dem, was wir üben. Irgendwann, wenn ich nicht aufpasse, lebe ich in einem wackligen Konstrukt aus Lügen und Selbsttäuschung, das nicht langfristig halten kann.

    Ich lade dich zum Selbstexperiment ein, keine Dinge mehr zu sagen, von denen du weißt, dass sie dich schwächer machen.

    Selbsttäuschung

    Solzhenitsyn und die wichtigsten Lehren seiner Nobelpreisrede: Verantwortung und Wahrheit

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