Die Psychologie des Neids

Wenn wir zurück in die Zeit der alten Griechen blicken, erkennen wir, dass unzählige Philosophen die Psychologie des Neids betrachtet haben oder wie Immanuel Kant sie nennt: die „Tendenz mit Unmut das Glück von anderen wahrzunehmen.“

Diejenigen, die über den Neid geschrieben haben, sei es Aristoteles, Thomas von Aquin, Adam Smith, Schopenhauer oder Nietzsche– sie alle sind zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen.

Neid ist ein destruktiver und kranker Zustand des Geistes, der nicht nur dem Neider oder denjenigen, gegen den der Neid gerichtet ist, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes betrifft.

Aber in der heutigen Zeit ist das persönliche Laster des Neids zu einer Tugend erhoben worden und wird sich politisch zu Nutze gemacht. Durch die Manipulation der menschlichen Neigung zu Neid, sind Politiker auf ein sehr wirksames Mittel zur Macht und Kontrolle gestolpert.

Genau dieses Phänomen des zerstörerischen Neids beschreibt Nietzsche in seinem Klassiker: „Also sprach Zarathrustra“. Folgender Abschnitt entstammt aus einem fiktionalen Kontext, aber ist dennoch die akkurateste Beschreibung zur Psychologie des Neids, die ich je gefunden habe.

Friedrich Nietzsche-Von den Taranteln

 von den Taranteln Nietzsche

Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier hängt ihr Netz: rühre daran, dass es erzittert. Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem Rücken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiß auch, was in deiner Seele sitzt. Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beißest, da wächst schwarzer Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!

Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht, ihr Prediger der Gleichheit! Taranteln seid ihr mir und versteckte Rachsüchtige! Aber ich will eure Verstecke schon an's Licht bringen: darum lache ich euch in's Antlitz mein Gelächter der Höhe.

Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer Lügen-Höhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort
"Gerechtigkeit." Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern. Aber anders wollen es freilich die Taranteln. "Das gerade heisse uns Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache" - also reden sie mit einander.

"Rache wollen wir üben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich sind" - so geloben sich die Tarantel-Herzen. "Und `Wille zur Gleichheit` - das selber soll fürderhin der Name für Tugend werden; und gegen Alles, was Macht hat, wollen wir unser Geschrei erheben!"

Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach "Gleichheit": eure heimlichsten Tyrannen-Gelüste vermummen sich also in Tugend-Worte!

Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und Neid: aus euch bricht's als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entblösstes Geheimniss.
Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert, - sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist's nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.

Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das Merkmal ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss. Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein
Wehethun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit. Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen der Trieb, zu strafen, mächtig ist!

Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der Henker und der Spürhund. Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig. Und wenn sie sich selber "die Guten und Gerechten" nennen, so vergesst nicht, dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als - Macht! Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.

Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie Prediger der Gleichheit und Taranteln. Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Höhle sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie wollen damit wehethun.

Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.Wäre es anders, so würden die Taranteln anders lehren: und gerade sie waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.
Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: "die Menschen sind nicht gleich." Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche?
Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so lässt mich meine grosse Liebe reden!

Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen! Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen der Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass das Leben sich immer wieder selber überwinden muss!

In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten, - darum braucht es Höhe! Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden. Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Höhle ist, heben sich eines alten Tempels Trümmer aufwärts, - seht mir doch mit erleuchteten Augen hin!

Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thürmte, um das Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten! Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schönheit sei und Krieg um Macht und Übermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.

Wie sich göttlich hier Gewölbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die göttlich-Strebenden - Also sicher und schön lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde! Göttlich wollen wir wider einander streben!

Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Göttlich sicher und schön biss sie mich in den Finger! "Strafe muss sein und Gerechtigkeit - so denkt sie: nicht umsonst soll er hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!" Ja, sie hat sich gerächt! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch meine Seele drehend machen! Dass ich mich aber nicht drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier an diese Säule! Lieber noch Säulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel der Rachsucht! Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein Tänzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tänzer!

Also sprach Zarathustra.

Nietzsches Begriff des „Ressentiment“

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Die erfolgreichere Person ist der böse Unterdrücker, während man selbst die moralisch gute Person ist. Eine angenehme Geschichte, die man sich selbst erzählen kann, oder?

Wenn die Herdenmoral zu stark wird und alles Höhere und Außergewöhnliche herabgesetzt wird und es nur noch darum geht, wer das größere Opfer ist und wer mehr unterdrückt ist, dann wird der Nihilismus laut Nietzsche die Welt besetzen. Ohne die höheren Werte, die von den höheren Menschen verkörpert werden, werden Kreativität, Werke von erstaunlicher Schönheit und die Fähigkeit, nach Idealen zu streben, fehlen.
Der Begriff Ressentiment stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „heimlicher Groll. Nietzsche beschreibt Ressentiment als Selbstvergiftung durch gehemmte Rache:

„Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt […] eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“

Der Begriff 'Ressentiment' ist einer der zentralsten Begriffe in Nietzsches Moralvorstellung. Laut Nietzsche verhalten sich viele Menschen sich wie Sklaven. Der Sklave ist (laut Nietzsche) ein schwaches und kränkliches menschliches Wesen, das an sich selbst leidet und wie Nietzsche sagt mit etwas gefüllt ist, das er als Ressentiment bezeichnet - ein eitler Hass auf das Leben, das von Gefühlen der Unfähigkeit angesichts einer äußeren Realität erzeugt wird, die er nicht wahrhaben will und vor der er sich bedroht fühlt.

Diese Form der Missgunst richtet sich besonders gegen andere und deren Werke und Taten- besonders wenn sie mehr erreicht haben.

Die Anwesenheit von Ressentiment erschafft Neidgefühlen im Sklaven gegenüber allen, die stärker/ mächtiger sind als sie. Dieser Neid motiviert den Sklaven, sich zu rächen. Der Sklave bemüht sich, gemeinsam ein "Gemeinschaftsgefühl der Macht" zu erlangen - die einzige Art von Macht, die dem Sklaven zur Verfügung steht - und unter dem Vorwand von Forderungen nach Gleichberechtigung und Mitgefühl versucht der Sklave, alle Stärkeren (auf welcher Ebene auch immer) auf ein mittelmäßigeres Niveau zu bringen -eines Sklaven.

Die Herdenmoral invertiert laut Nietzsche die natürlichen Werte des Lebens. Das Individuum, das stark und unabhängig ist, wird von der Herdenmoral als "böse" bezeichnet. Auf der anderen Seite gelten alle, die der Herde angehören: die mittelmäßigen, schwachen und unterordnenden Sklaven als "gut"- vielleicht sogar besser.

Mehr über die Probleme des Nihilismus und der Sklavenmoral in dieser Episode:

Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

Übermensch statt Sklavenmoral

Der Sklave, trotz der unschuldigen Fassade, zeigt sich mit seiner Herdenmoral und fordert Gleichheit, aber will laut Nietzsche die Welt nicht zum Besseren verändern. Stattdessen versucht er durch Ressentiment und Neid soziale und politische Macht zu gewinnen, um Zerstörung als Ausgleich für seine eigenen persönlichen Unfähigkeit und Misserfolge zu provozieren.

Die folgende Einsicht Nietzsches erweist sich als wichtige Warnung für die moderne Welt:

"Wenn manche Menschen nicht das erreichen, was sie tun wollen, rufen sie wütend aus:" Möge die ganze Welt zugrunde gehen! "Diese abstoßende Emotion ist der Höhepunkt des Neides, dessen Implikation lautet:" Wenn ich nichts haben kann, kann niemand etwas haben, man soll irgendetwas sein! "(Nietzsche)

Diese Entwicklung hat auch dazu geführt, das unter dem Vorwand der Gleichheit im Rahmen des Kommunismus in China geschätzt 100 Millionen und in Russland geschätzt 60 Millionen Menschen ermordet worden sind.

Nietzsches Sicht hört sich sehr hart und nicht immer politisch korrekt an, aber er sagt dazu:

"Unsere höchsten Einsichten müssen - und sollten - wie Dummheiten und manchmal als Verbrechen klingen, wenn sie ohne Erlaubnis von denen gehört werden, die für sie nicht prädisponiert und vorherbestimmt sind." (Jenseits von Gut und Böse)

Andere philosophische Sichte auf die Psychologie des Neids

Die Psychologie des Neids

Eine weitere gute Definition von Neid, die Einblick in die Psychologie des Neids gibt, stammt aus dem 19. Jahrhundert – genauer gesagt aus Grimms Deutschem Wörterbuch:

Neid bringt die rachsüchtige und innerlich quälende Gemütsverfassung zum Ausdruck. Das Missfallen in Bezug auf den Wohlstand und die Vorteile des Anderen sorgt dafür, dass man ihnen diese Dinge missgönnt und zusätzlich den Wunsch hegt in der Lage zu sein diese Dinge zu zerstören oder sie selbst zu besitzen.

Ein verbreiteter Irrtum ist es Neid mit Empörung zu vertauschen. Aristoteles betont den Unterschied zwischen den beiden Begriffen:
„Die empörte Person fühlt Wut wegen des Wohlstands von denen, die es nicht verdienen, und der Neidische auf alle.“
Oder wie er es einfacher ausdrückt:

„Empörung bezieht sich auf das Wohlbefinden der Bösen, während Neid sich auf das Glück der Guten bezieht.“

Neid entsteht nämlich immer im unvermeidlichen Vergleich zwischen unserer eigenen Situation und der Situation der anderen.
Wenn dieser Vergleich zu einem anderen Menschen das Bewusstsein unserer Fehler und Unterlegenheit hervorruft- sei es in Bezug auf Reichtum, Besitz oder Eigenschaften geistiger oder körperlicher Natur- kann dies Neid erzeugen, wenn wir glauben, dass das, was uns im Vergleich zu fehlen scheint, am relativen Unglück Schuld ist.

Personen, die von Neid ergriffen sind, betrachten diejenigen, den sie unterlegen sind als Feinde. Statt sich auf die Selbstverbesserung zu fokussieren, glauben die Neidischen, dass ihr Weg zum Glück an das Schicksal derer, die sie beneiden, gebunden ist. Mit anderen Worten glauben sie, dass ihr Glück irgendwie erhöht wird, wenn sie andere nach unten ziehen.

Der Wunsch zu sehen, wie andere zu Fall gebracht werden, kann nicht für eine wohlhabende Gesellschaft sorgen, sondern behindert den sozialen Fortschritt. Diejenigen von Neid verzehrt werden, werden wahrscheinlich nicht die großen Erfinder, Künstler, Schriftsteller, Unternehmer oder Wissenschaftler, die eine Gesellschaft vorantreiben. Vielmehr verachten sie Individuen mit großem Talent, da ihre Existenz ihre eigenen Probleme und Unterlegenheit nur offensichtlicher macht.

Die Psychologie des Neids und die Maske des Mitgefühls

Maske des Mitgefühls

Auch heute verstecken sich viele Menschen aus Neid hinter der Maske des Mitgefühls und der Gleichheit, um ihre eigenen Fehler zu verbergen und jeden herunter zu ziehen, der in irgendeiner Hinsicht mehr kann, mehr weiß oder mehr hat als sie.

Wenn du nicht da bist, wo du sein willst, ist es immer einfacherer andere nach unten zu ziehen als dich und deine eigenen Werte zu hinterfragen und zu schauen, wie du dazu beigetragen hast, dass du nicht dein Potenzial entfaltest.
Deswegen ist der Neid so giftig. Ja- er nimmt dir die Verantwortung und das Gefühl der Schuld, aber er zieht dich und alle in deinem Umfeld runter, sodass niemand sein Potenzial entfalten kann.
Der unterbewusste Gedankengang ist: Wenn ich es nicht haben kann, soll es niemand haben.

Harrison Bergeron von Kurt Vonnegut- eine Kurzgeschichte

Kurt Vonnegut

Harrison Bergeron ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut, die eine Dystopie eines fiktiven Staates, in dem jegliche Individualität in der Bevölkerung durch Zwang unterdrückt, um eine vollständige Gleichheit innerhalb der Gesellschaft zu erreichen. Als Mittel zum Ziel, kritisches Denken und Hinterfragen zu vermeiden und Erinnerungen zu beseitigen dienen Einschränkung des Denkvermögens, die Individualität unterdrücken.

Es war im Jahr 2081 und endlich waren alle gleich. Sie waren nicht nur gleich vor Gott und dem Gesetz. Sie waren in jeder Hinsicht gleich. Niemand war schlauer als irgendwer anders. Niemand sah besser aus als jemand anderes. Niemand war stärker oder schneller als jemand anderes. All diese Gleichheit waren durch die 211., 212. und 213. Änderungen der Verfassung und die unaufhörliche Wachsamkeit der Agenten Handicapper Zentrale der Vereinigten Staaten erzwungen worden.

Einige Dinge des Lebens waren jedoch immer noch nicht ganz richtig. Im April zum Beispiel trieb es die Leute immer noch in den Wahnsinn, weil es nicht Frühling war. Und es war in diesem klammen Monat, dass die H-G Männer George Bergerons vierzehn Jahre alten Sohn, Harrison, wegnahmen.
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Es war tragisch, aber George und seine Frau konnten nicht lange daran denken. Seine Frau hatte eine vollkommen durchschnittliche Intelligenz, was bedeutete, dass sie nur in kurzen Schüben über alles nachdenken konnte. Weil Georges Intelligenz weit über normal war, hatte ein kleines geistiges Handikap-Radio in seinem Ohr. Er war nach dem Gesetz dazu verpflichtet es zu jeder Zeit zu tragen. Es war auf einen Regierungssender abgestimmt. Alle 20 Sekunden würde der Sender einige scharfe Geräusche senden, um Leute wie George davon abzuhalten unfaire Vorteile aus ihren Gehirnen zu ziehen.

George und Hazel (seine Frau) sahen fern. Es waren Tränen auf Hazels Wangen, aber sie hatte in diesem Augenblick schon wieder vergessen, um was es ging. Auf dem Bildschirm waren Ballerinas. Ein Summen ertönte in Georges Kopf. Seine Gedanken flohen in Panik, wie Banditen aufgrund eine Alarmanlage.

"Das war ein wirklich schöner Tanz- dieser Tanz, den sie gerade gemacht haben", sagte Hazel.

"Huh", sagte George.

"Dieser Tanz - es war nett", sagte Hazel.

"Ja", sagte George. Er versuchte ein wenig über die Ballerina nachzudenken. Sie waren nicht wirklich sehr gut - nicht besser als jeder andere. Sie waren mit Sandsäcken und Tüten belastet und ihre Gesichter waren maskiert, damit niemand eine freie und anmutige Geste oder ein hübsches Gesicht sieht, das hübscher war als ein anderes.

George spielte mit der vagen Vorstellung, dass die Tänzer vielleicht ohne Handicap tanzen sollten. Aber er kam nicht sehr weit. Ein weiteres Geräusch in seinem Ohr zerstreute seine Gedanken. George zuckte zusammen- genauso wie zwei der acht Ballerina. Hazel sah ihn zusammenzucken. Da sie kein Handicap besaß, musste sie George fragen, was das letzte Geräusch gewesen war. "Es klang wie jemand, der eine Milchflasche aus Glas mit einem Hammer zerschlägt", sagte George.

"Ich würde denken, dass es wirklich interessant wäre, all die verschiedenen Geräusche zu hören", sagte Hazel ein bisschen neidisch. "All die Dinge, die sie sich ausdenken."

"Ähm", sagte George.

"Wenn ich ein Handicapper General wäre: Weißt du, was ich tun würde?", fragte Hazel.
Hazel hatte in der Tat eine starke Ähnlichkeit mit einem Handicapper General- eine Frau namens Diana Moon Glampers. "Wenn ich Diana Moon Glampers wäre", sagte Hazel: "Ich würde am Sonntag Glocken läuten - nur Glockenläuten- zu Ehren der Religion."

"Ich könnte zu gut denken, wenn es nur Glockenläuten wäre", sagte George. »Na, vielleicht machen wir sie richtig laut«, sagte Hazel. "Ich denke, ich würde einen guten Handicapper General abgeben.“

"So gut wie jeder andere auch", sagte George. "Wer weiß besser als ich, was normal ist?" sagte Hazel. "Richtig", sagte George. Er fing an, über seinen anormalen Sohn nachzudenken, der jetzt im Gefängnis saß, bevor ihn das Geräusch einer Pistole in seinem Kopf stoppte.

"Junge!" sagte Hazel, "das war der Hammer, nicht wahr?"

Es war wirklich der Hammer gewesen, so dass George wegen des Geräuschs erblasste, zitterte und ihm Tränen in seinen roten Augen standen. Zwei der acht Ballerina waren im Studio zusammengebrochen und hielten ihre Schläfen.

"Ganz plötzlich siehst du so müde aus", sagte Hazel. "Warum legst du dich nicht auf das Sofa. Du kannst die Handicap-Tasche auf den Kissen ablegen, Honey. "Sie bezog sich auf die siebenundvierzig Pfund in einer Tasche, die um Georges Hals geschlungen war. Leg die Tasche für eine Weile ab. Es ist mir egal, ob du mir für eine Weile überlegen bist.“, sagte sie.

George wog die Tasche mit den Händen. "Es stört mich nicht", sagte er. "Ich merke sie nicht mehr. Es ist ein Teil von mir. "" Du warst in letzter Zeit so müde.", sagte Hazel." Wenn wir ein kleines Loch in den Boden der Tasche machen könnten und einfach einige wenige Gewichte herausnehmen könnten. Nur ein paar."

"Zwei Jahre Gefängnis und zweitausend Dollar Geldstrafe für jeden Ball, den ich rausnehme", sagte George. "Ich nenne das kein Schnäppchen." "Wenn du nur ein paar rausnehmen könntest, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst. Ich meine, hier konkurrierst du mit niemandem.", sagte Hazel.

"Wenn ich versuchte, damit davon zu kommen, "dann würden andere Leute davonkommen - und schon bald würden wir wieder zurück in die dunklen Zeiten sein, in denen jeder mit jedem gegen konkurriert. Das würdest du nicht mögen, oder?", sagte George

"Ich würde es hassen", sagte Hazel.

" Siehst du!", sagte George. In der Minute, in der Leute anfangen Gesetze zu brechen: Was soll dann mit der Gesellschaft passieren? " Hazel wäre nicht in der Lage gewesen eine Antwort auf diese Frage zu finden und in dem Moment, in dem George eine Antwort hätte liefern können, ging eine Sirene in seinem Kopf los.

"Ich denke, es würde alles auseinander fallen", sagte Hazel. "Was würde auseinander fallen?" sagte George ausdruckslos. " Die Gesellschaft." sagte Hazel unsicher. "War das nicht das, was du gerade gesagt hast?" Wer weiß? ", sagte George.

Das Fernsehprogramm wurde plötzlich für eine Nachricht unterbrochen. Es war zunächst nicht klar, worum es in der Unterbrechung ging, da der Ansager wie alle anderen Ansager, eine ernste Sprachbehinderung. hatte Für etwa eine halbe Minute, versuchte der Ansager zu sagen: "Meine Damen und Herren."

Schließlich gab er auf und reichte die Nachricht einer Ballerina zum Lesen. "Das ist in Ordnung ", sagte Hazel über den Ansager, " er hat es versucht. Das ist das Wichtigste. Er versuchte, das Beste zu tun, was er konnte, mit dem, was Gott ihm gab. Er sollte einen Applaus für das Bemühen bekommen. "

"Meine Damen und Herren", sagte die Ballerina und las die Nachricht. Sie muss außerordentlich schön gewesen sein, weil die Maske, die sie trug, scheußlich war. Und es war leicht zu sehen, dass sie die stärkste und anmutigste aller Tänzer war. Denn ihre Handicaptasche war so groß, wie die von zweihundert Pfund schweren Männern.

Und sie musste sich sofort für ihre Stimme entschuldigen, was eine sehr unfaire Stimme war. Ihre Stimme war eine warme, leuchtende, zeitlose Melodie. "Entschuldigen Sie“ und sie fing wieder an, ihre Stimme absolut nicht konkurrenzfähig machend.

 Harrison Bergeron

"Harrison Bergeron, vierzehn Jahre alt", sagte sie in einem grellen Kreischen. "Er entkam aus dem Gefängnis, wo er im Verdacht zur Verschwörung zum Sturz der Regierung stand. Er ist ein Genie und ein Athlet und sollte als extrem gefährlich angesehen werden. " Ein Polizeifoto von Harrison Bergeron wurde auf dem Bildschirm platziert. Das Bild zeigte Harrison in voller Länge vor einem in Fuß und Zoll kalibrierten Hintergrund. Er war genau zwei Meter groß.

Der Rest von Harrisons Auftritt war Hardware. Niemand hatte jemals schwerere Handicaps gebraucht. Er war den Handicaps schneller entwachsen als die Regierung sie sich ausdenken konnte. Anstelle eines kleinen Senders im Ohr trug er ein Paar enorme Kopfhörer und Brille mit dicken gewellten Linsen. Die Brille sollte ihn nicht nur halb blind machen, sondern ihm auch starke Kopfschmerzen bereiten.

Schweres Metall war über ihn gehängt. Gewöhnlich gab es eine gewisse Symmetrie und militärische Genauigkeit bei den Handicaps, die für starke Leute ausgestellt werden, aber Harrison sah aus, wie ein wandelnder Schrottplatz. Im Rennen um sein Leben trug Harrison dreihundert Pfund.

Und um sein gutes Aussehen zu kompensieren, forderten die H-G Männer, dass er zu jeder Zeit einen roten Gummiball auf der Nase haben müsse und seine Augenbrauen abrasiert. "Wenn Sie diesen Jungen sehen", sagte die Ballerina, " - versuchen Sie es
nicht mit Vernunft. "

Plötzlich gab es das Geräusch einer Tür, die aus ihren Angeln gerissen wurde. Schreie kamen aus dem Fernseher. Das Foto von Harrison Bergeron auf dem Bildschirm flackerte immer wieder auf, wie beim Tanzen zur Melodie eines Erdbebens. "Mein Gott-" sagte George, "das muss Harrison sein!" Die Erkenntnis wurde augenblicklich durch den Klang einer Automobilkollision in seinem Kopf unterbrochen. Als George seine Augen wieder öffnen konnte, war das Foto von Harrison verschwunden. Der lebende, atmende Harrison füllte den Bildschirm.

Riesig aufgerichtet stand Harrison - in der Mitte des Studios. Der Knopf der entwurzelten Studiotür war immer noch in seiner Hand. Ballerina, Techniker, Musiker und Ansager kauerten vor ihm auf den Knien und erwarteten zu sterben.

"Ich bin der Herrscher!" rief Harrison. "Hörst du? Ich bin der Herrscher! Jeder muss tun, was ich sofort sage! "Er stampfte mit dem Fuß und das Studio zitterte. "Selbst wenn ich hier stehe", brüllte er, "verkrüppelt und krank - ich bin ein größerer Herrscher als jeder Mann, der je gelebt hat! Jetzt schau mir zu, was ich werden kann! "

Harrison zerriss die Riemen seines Handicap-Geschirrs wie feuchtes Papier. Harrisons Handicap- Apparaturen krachten auf den Boden. Harrison schmetterte seine Kopfhörer und Brille gegen die Wand.

Er enthüllte einen Mann, der Thor hätte beeindrucken können. "Ich werde jetzt meine Herrscherin auswählen!" sagte er und blickte auf die kauernden Menschen hinunter. Ich lass die erste Frau, die es wagt, aufzustehen, ihren Thron beanspruchen!"

Ein Moment verging, und dann erhob sich eine Ballerina, die wie eine Weide schwankte. Harrison zerrte den Handicap- Sender von ihrem Ohr. Als allerletztes entfernte er ihre Maske.

Sie war blendend schön. Harrison nahm ihre Hand und sagte: "sollen wir den Leuten die wahre Bedeutung vom Wort Tanz zeigen? Musik! "Befahl er.

Die Musiker kletterten zurück auf ihre Stühle, und Harrison zog auch ihre Handicap-Geräte aus. "Gib dein Bestes", sagte er zu ihnen, "und ich werde dich zu einem Baron, Herzog oder Grafen machen."

Die Musik begann. Es war zunächst normal - billig, albern, falsch. Aber Harrison schnappte zwei Musiker von ihren Stühlen, winkte sie wie Schlagstöcke, als er die Musik sang, wie er es wollte. Er schlug sie zurück auf ihre Stühle.

Die Musik begann wieder und wurde sehr verbessert. Harrison und seine Kaiserin hörten nur eine Weile auf die Musik - hörten zu, als ob sie ihre Herzschläge damit synchronisieren würden. Sie verlagerten ihre Gewichte auf ihre Zehen.

Harrison legte seine großen Hände auf die winzige Taille der Mädchen und ließ sie die Schwerelosigkeit spüren, die bald ihr sein würde. Und dann, in einer Explosion von Freude und Schönheit, sprangen sie in die Luft! Nicht nur wurden die Gesetze des Landes aufgegeben, sondern das Gesetz der Schwerkraft.

Sie tanzten, wirbelten herum, schwenkten, zappelten, sprangen, sprangen und wirbelten herum. Sie sprangen wie Hirsche auf dem Mond. Die Studiodecke war dreißig Fuß hoch, aber jeder Sprung brachte die Tänzer näher dran.

Es war ihre offensichtliche Absicht, die Decke zu küssen. Sie küssten sie. Und dann, die Schwerkraft mit Liebe und reinem Willen neutralisierend, blieben sie in der Luft einen Zoll unter der Decke förmlich stehen und sie küssten einander für eine lange, lange Zeit.

Doch dann kam Diana Moon Glampers, die Handicapper Generalin, ins Studio mit einer doppelläufigen Schrotflinte. Sie hatte zweimal geschossen und die Kaiser und Kaiserin waren tot, bevor sie auf den Boden fielen.

Diana Moon Glampers lud die Waffe wieder. Sie zielte auf die Musiker und erzählte, dass sie zehn Sekunden Zeit hätten, um ihre Handicap-Geräte wieder anzulegen. Damals brannte die Fernsehröhre der Bergerons aus.

Hazel wandte sich an George, um sich über den Blackout zu äußern. Aber George war für eine Dose Bier in die Küche gegangen. George kam mit dem Bier zurück und hielt inne, während ein Handicap-Signal ihn aufrüttelte. Und dann setzte er sich wieder hin.

"Du hast geweint", sagte er zu Hazel. "Ja", sagte sie. "Wieso?" "Ich habe es vergessen", sagte sie. "Ich habe etwas wirklich Trauriges im Fernsehen gesehen." "Was war es?" fragte er.

"In meinem Kopf ist alles so vage", sagte Hazel. "Vergiss traurige Dinge", sagte George. "Das tue ich immer", sagte Hazel. "Das ist mein Mädchen", sagte George. Er zuckte zusammen. Es war das Geräusch einer Pistole in seinem Kopf.

Reflexionsfrage über die Psychologie des Neids

Wenn wir neidisch sind, ist es ein ziemlich guter Indikator für Eigenschaften oder Dinge, die du selbst auch haben möchtest. Warum orientieren wir uns nicht am Ideal des anderen und arbeiten dafür diese Dinge ebenfalls zu bekommen.

Reflexionsfrage: Welche Eigenschaften bewunderst/beneidest du in anderen Menschen, die du in deine Persönlichkeit integrieren könntest?

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