Der Mythos des Sisyphos (Albert Camus)- Sinn im Absurden finden

In seinem Buch Der Mythos des Sisyphos schrieb der Philosoph Albert Camus über die Routine vieler Menschen in der heutigen Zeit:

Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist sehr lange ein bequemer Weg. – Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos

Dieser Lebensstil wird von den meisten Menschen, obwohl er oft ermüdend und unerfüllend ist die meiste Zeit ohne Hinterfragen verfolgt. Hin und wieder jedoch kann eine beunruhigende Erfahrung uns aus diesem Halbschlaf erschüttern – sei es ein Gefühl der Isolation von anderen, ein Bewusstsein für die Kürze des Lebens oder andere existenzielle Fragen.

 

 

Solche Erfahrungen lösen Gefühle von Angst, Entfremdung und Unzufriedenheit mit dem Leben aus und führen dazu, Fragen zu stellen, die sich auf die Natur und den Zweck der menschlichen Existenz beziehen.

Eines Tages aber steht das da, und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an.- Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos

Dieses „Warum“, das Camus für eine „Sehnsucht nach Einheit“ hält, kann man sich als Wunsch vorstellen, die Natur des Universums zu verstehen, und den Drang, sich mit dem Leben zu vereinigen und so das allgegenwärtige Gefühl der Trennung zu reparieren, das der menschlichen Existenz innewohnt.

In der Vergangenheit wurde diese Sehnsucht nach Einheit von verschiedenen mythischen, religiösen und philosophischen Systemen genährt, die die irdische Existenz rechtfertigten und ihr Bedeutung gaben. Doch in einem Zeitalter, das mit dem Tod Gottes ( laut Nietzsche) kämpfte, konnte Camus nicht an die Gültigkeit irgendeiner dieser metaphysischen Weltanschauungen glauben.

Gott ist tot

Gott ist tot Nietzsche

Gott ist tot- erkannte schon Friedrich Nietzsche. Was bedeutet das? Nietzsche verkündet den Tod Gottes nicht als freudiges Ereignis, sondern einen Grund zur Sorge. („Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?“)

Wie du siehst: Nietzsche zeigt auf, dass die Gesellschaft noch nicht bereit ist für den Zusammenbruch eines Wertesystems ist („Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit.“) und es massive, negative Folgen haben wird.

Eine der Folgen ist der Nihilismus und die Sinnlosigkeit. Während früher Gott der Sinn des Lebens war, steht der Mensch nun vor der Bedeutungslosigkeit, da der Glaube an Gott für viele Menschen heute kein Wegweiser mehr ist.

Die Schrecken des Nihilismus und der Sinnlosigkeit- Wie du Nihilismus überwindest und Bedeutung findest

Wie Sartre schrieb:
„Das Leben hat keinen a priori Sinn…. Es liegt an dir, ihm eine Bedeutung zu geben, und Sinn ist nichts als die Bedeutung, die du wählst.“

Die Absurdidtät des Lebens bei Albert Camus und im Mythos des Sisyphos

Im Gegensatz zu vielen philosophischen und religiösen Weltanschauungen, die die Göttlichkeit der menschlichen Vernunft verherrlichen, glaubte Camus nicht, dass es irgendeine transzendente Wahrheit oder Bedeutung im Leben gäbe. Dies stellte ein beunruhigendes Problem für Camus dar. Zu erkennen, dass die menschliche Existenz ein vergeblicher Versuch ist, lässt ihn die Absurdität des Lebens erkennen.

An diesem Punkt seiner Bemühungen steht der Mensch vor dem Irrationalen. Er fühlt in sich sein Verlangen nach Glück und Vernunft. Das Absurde entsteht aus dieser Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt. Das dürfen wir nicht vergessen. Daran müssen wir uns klammern, weil die ganze Folgerichtigkeit eines Lebens daraus hervorgehen kann. Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos

Die drei Strategien im Umgang mit der Absurdität des Lebens

Was ist zu tun angesichts der Erkenntnis, dass die menschliche Existenz absurd ist? Im Mythos des Sisyphus hat Camus drei Strategien für den Umgang mit diesem Bewusstsein entwickelt: physischer Selbstmord und philosophischer Selbstmord und die Möglichkeit ein absurder Held zu werden.

Die erste beiden Optionen werde ich in diesem Beitrag nicht ausführlich erläutern.

Manche Menschen begehen physischen Selbstmord, wenn sie erkennen, dass das Leben absurd ist, und glauben, dass, wenn das Leben keine Bedeutung hat, es sich nicht lohnen sollte. Während physischer Selbstmord laut Camus eine „Lösung“ ist, tendieren viele mehr zu dem, was Camus philosophischen Selbstmord nannte. In dem Versuch, vor dem beunruhigenden Bewusstsein der Absurdität des Lebens zu fliehen, entziehen sie sich dem Glauben und der Hoffnung. Solche Menschen glauben, dass jenseits dieser irdischen Existenz absolute Harmonie, Nirvana, Bedeutung oder Gott existieren.

Camus betrachtete beide Arten von Selbstmord – physische und philosophische – rein philosophisch gesehen als mögliche Antworten auf das Bewusstsein, dass das Leben absurd ist. Doch es gibt ich eine andere Option, die Albert Camus in seinem Werk Der Mythos des Sisyphos vorschlägt. Diese 3. Option wird der Fokus dieses Beitrags sein.

Der Mythos des Sisyphos als Sinnbild eines absurden Heldes

Jeder Einzelne von uns kann laut Camus ein „absurder Held“ werden. Hier kommt der Mythos des Sisyphos ins Spiel.

Der Mythos des Sisyphos

Der Mythos des Sisyphos Albert Camus

Die existenzielle Situation des Menschen ist durch die mythologische Repräsentation des Sisyphos laut Camus ziemlich genau dargestellt. Folgendem Szenario sieht sich Sisyphos gegenüber gestellt:

Seine Strafe in der Unterwelt bestand darin, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Doch der Stein entgleitet ihm immer kurz vor Erreichen des Gipfels und er musste immer wieder von vorne anfangen. Heute nennt man deshalb eine Aufgabe, die trotz großer Mühen nie abgeschlossen wird, Sisyphosarbeit.

„Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“

Er erfüllt diese mühselige Aufgabe den Stein den Berg hoch zu schieben für die Ewigkeit. Es ist schwierig, sich eine bedeutungslosere Existenz vorzustellen, als diejenige, die Sisyphos findet. Aber Camus möchte, dass wir sehen, dass das Leben von Sisyphos sehr wertvoll ist. In der Tat dient es uns allen als Vorbild.

Um ein bedeutungsvolles Leben zu führen, muss Camus gegenüber dem Schmerz eine Haltung des Trotzes einnehmen, was Sisyphos tut. Sisyphos, der bestraft wird, weil er die Götter getäuscht und versucht hat, dem Tod zu entgehen, beklagt nicht sein Schicksal oder hat die Hoffnung auf ein besseres Leben. Vielmehr verkörpert er die drei Qualitäten, die ein lebenswertes Leben ausmachen: Auflehnung, Leidenschaft und Freiheit.

Jedes Mal, wenn er zur Basis des Berges zurückkehrt, steht er vor einer Entscheidung: aufzugeben oder weiterzuarbeiten. Sisyphos wählt den Kampf. Er nimmt seine Aufgabe an und wirft sich in die zermürbende Arbeit, den Felsbrocken den Berg hinauf zu tragen.

Er wird zum Meister seines eigenen Schicksals. „Sein Fels ist sein Sinn“, wie Camus es ausdrückt – es gibt seinem Leben Sinn und Zweck. Obwohl seine Arbeit sinnlos erscheint, ist sie durch die triumphierende Haltung, mit der er sich seiner Aufgabe nähert, mit Sinn ausgestattet.

Sisyphos als glücklicher Mensch

Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.- Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos

Wenn Camus uns sagt, dass wir uns Sisyphos glücklich vorstellen sollen, meint er nicht, dass er ausschließlich positive Emotionen erlebt. Er spricht über das Gefühl der Erfüllung und Zufriedenheit, das daraus resultiert, dass man sich einer schwierigen, aber lohnenswerten Aufgabe widmet.

Camus möchte, dass wir sehen, dass wir wie Sisyphos unser Leben in vollen Zügen genießen können, indem wir den Kampf mit Würde annehmen, indem wir, wie er es in seinen Notizbüchern erwähnt, das „Elend und die Größe der Welt“ umarmen.

Der kleine Prinz und Sinn im Absurden finden

Nicht nur Camus beruft sich in seinem Essay Der Mythos des Sisyphos auf die eigene Sinnfindung. Ein weiteres Beispiel ist in der beliebten Kindergeschichte „Der kleine Prinz“ zu finden, die ein wunderbarer Ausdruck dieser Weisheit ist.

Der Prinz lebt auf einem winzigen Planeten, auf dem er die Pflanzen und Blumen in seinem Garten pflegt. „Es ist sehr langwierige Arbeit“, sagt er, „aber sehr leicht.“ Eines Tages bemerkt er eine Rose, die auf seiner Oberfläche wächst – eine Blume, wie sie sie noch nie auf seinem Planeten gesehen hat.

Der Prinz verliebt sich in die geheimnisvolle Rose, die er hingebungsvoll vorm Wind schützt, wässert und beschützt. Aber sie ist eine eitle und bedürftige Blume, und der Prinz wird schließlich ihrer Ansprüche leid und beschließt, seinen Planeten zu verlassen und das weitere Universum zu erforschen.

Er ist auf der Suche nach Wissen und Abenteuer und sieht viele seltsame Planeten und Menschen während seiner Reisen. Nachdem er einige andere Planeten besucht hat, findet der Prinz seinen Weg zur Erde, wo er auf einen Rosengarten trifft.

Obwohl der Prinz seine Rose zurückließ, sorgt er sich immer noch um sie. Die anderen Rosen zu sehen, macht ihn traurig. Er dachte, dass seine Rose die einzige Blume seiner Art im Universum sei, aber jetzt sieht er, dass es Hunderte von anderen gibt wie sie.
Gerade als er in seiner Verzweiflung versinkt, trifft er einen weisen Fuchs an. Der Fuchs lehrt dem Prinzen viele Lebenslektionen, aber die wichtigste betrifft die Rose, die der Prinz zurückgelassen hat. Die Rose ist nicht nur eine weitere Rose von vielen, sagt er dem Prinzen.

Sie ist besonders wegen der Bedeutung, die der Prinz der Rose gab: „Es ist die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, die deine Rose so wichtig macht. Du wirst für immer verantwortlich für das, was du „gezähmt“ hast. Du bist für deine Rose verantwortlich. “
Als der Prinz zum Feld der Rosen zurückkehrt, nimmt er die Weisheit des Fuchses mit sich und spricht die anderen Rosen folgendermaßen an:

»Ihr seid schön, aber ihr seid leer«, sagte er noch. »Man kann für euch nicht sterben. Gewiß, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«

Mit anderen Worten, es war die Investition des Prinzen der Zeit, Energie und der Bedeutung in die Rose, die sie besonders machte – und das machte ihre Beziehung bedeutungsvoll. Vielleicht wirst du jetzt sagen, dass dieser Vergleich mit dem Leben des kleinen Prinzen absurd ist. Dann hast du Camus Sicht auf die menschliche Existenz verstanden.

Obwohl der Sinn des Lebens vielleicht dunkel bleibt, können und müssen wir alle unsere eigenen Sinnquellen im Leben finden. Das war die große Einsicht existentialistischer Denker wie Camus.

Die letzten Worte aus Der Mythos des Sisyphos

Der Mythos des Sisyphos endet mit einem Vers von Pindar, dem antiken griechischen Dichter: „Oh meine Seele, strebe nicht nach unsterblichem Leben, sondern erschöpfe die Grenzen des Möglichen. Anstatt die Welt aufzugeben und uns dem Nihilismus, können wir sie direkt und mit Leidenschaft konfrontieren und uns selbst eine Bedeutung in dem Schmerz, dem Verlust und den Kämpfen verschaffen.

Vielleicht ist der einzige Weg, mit einer an sich sinnlosen Welt fertig zu werden, so absolut frei zu werden und dir selbst einen Sinn zugeben, dass deine bloße Existenz ein Akt der Rebellion ist.

Wenn es keinen Masterplan oder Sinn gibt, der für alle gilt, kann man selber entschieden, wie man sein Leben und möchte und welchen Dingen, Werten und Menschen man Wert zuschreibt. Jede Situation ist von Grund auf neutral. Allein du vergibst die Bewertung und damit den Sinn.

Sinn macht viele Dinge erträglich – vielleicht alles. Viele Existenzialisten haben betont, dass ein endgültige und für alle gültige Bedeutung der menschlichen Existenz unerreichbar ist. Aber während die endgültige Bedeutung des Lebens uns verborgen bleibt, schließt es nicht aus, dass man persönliche Bedeutung oder Sinn für die eigene Existenz findet.

„Moderne … Menschen stehen vor der Aufgabe, eine Richtung zum Leben ohne ein externes Leuchtfeuer zu finden. Wie geht man vor, um die eigene Bedeutung zu konstruieren – eine Bedeutung, die robust genug ist, um das Leben zu stützen? „(Existenzielle Psychotherapie, Irvin Yalom)

Dylan Thomas: „Die gute Nacht“ / „Do Not Go Gentle Into That Good Night“

Dylan thomas gute Nacht

 

Geh nicht in Frieden in die gute Nacht.
Wer alt ist, sollte schäumen voller Wut.
Empör dich, wenn das Tageslicht erstirbt!
Zwar wissen Weise: Dunkelheit hat Recht.
Doch weil sie selber keinen Blitz entzündet,
Gehn sie verzweifelt in die gute Nacht.

Und gute Menschen, deren schwache Taten
So gern in einer grünen Bucht getanzt,
Empör’n sich auf der letzten Lebenswelle.
Und wilde Männer, die die Sonne liebten
Verstehn zu spät, es war ein Missverständnis
Und klagen, fluchend, dass sie untergeht.
Und ernste Männer sehn, zu spät und lichtverbannt,
Auch blinde Augen könnten wie Meteore
Vor Freude strahl’n – und wüten, fast erblindet.

Mein Vater, du, hoch oben und in Trauer
Verfluch mich, segne mich mit scharfen Tränen,
Empör dich, weil das Tageslicht erstirbt!
Geh nicht in Frieden in die gute Nacht!

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.
Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.
Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

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