Chronische Sinnlosigkeit: Wie Ideallosigkeit zu Sinnlosigkeit im Leben führt

Chronische Sinnlosigkeit

In dieser Episode wirst du erfahren, warum eine selbst auferlegte Opferrolle destruktiv ist und die Orientierung an einem Ideal dich aus chronischer Sinnlosigkeit befreit.
Die moderne Idee, dass man sich immer überall und bedingungslos selbst akzeptieren soll, ist meiner Meinung nach eine wahnsinnige Idee, die den verletzten Individuen nicht immer hilft. Im Gegenteil.

In der heutigen Zeit scheint nichts mehr besser zu sein als anderes. Alles ist relativ. Firmen werden verklagt, weil Barbies unrealistische Schönheitsstandards vermitteln.
Die unterbewusste Nachricht ist: „Du bist perfekt so wie du bist und sollst nichts an dir verändern. Es gibt kein Potenzial für Verbesserung. Das einzige, was du lernen musst, ist radikale Selbstliebe.“

In dieser Episode möchte ich eine Gegenposition einnehmen, weil diese Ideevielen Menschen den Sinn und die Bedeutung aus dem Leben saugt. Derjenige, der sein persönliches Ideal aufgibt, kann sich nicht mehr an einer Sinn gebenden Zukunftsvision orientieren.

Wenn du also keine Zukunftsvision hast, die dir besser erscheint als der Status Quo und du in diesem Moment tief unglücklich bist- Was wird wohl passieren? Du glaubst, dass du Schuld bist, weil du dich einfach nicht genug akzeptieren kannst. Diese toxische Selbstverurteilung kann dazu führen, dass du hilflos, bitter und nihilistisch bist. Warum? Der Nihilist denkt sich: „Wenn es kein Ideal und kein Hoffnung gibt und nichts besser oder schlechter ist, warum sollte das Alles hier dann einen Sinn machen?“ Chronische Sinnlosigkeit ist die Folge.

Rilkes Archaïscher Torso Apollos


Ich möchte dir meine alternative Gegenposition anhand eines Gedichts verdeutlichen. Das Gedicht beginnt harmlos, indem es ein Kunstwerk beschreibt. Man kann sich an den Worten erfreuen und nach Belieben den Torso imaginieren oder sich an seinen letzten Museumsbesuch erinnern. Doch plötzlich kippt der Betrachtungswinkel.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Was kann uns Rilkes Gedicht über Sinnlosigkeit und den Tod des Ideals sagen?

Sinnlosigkeit

Während wir in unserem modernen Zeitalter allergisch auf jede Art von Imperativ und Befehle, was wir tun müssen, reagieren, hat Rilke in diesem Gedicht eine andere Erfahrung verarbeitet. Der Imperativ „Du musst dein Leben ändern“ zielt nicht auf einen göttlichen oder gesellschaftlichen Befehl ab, sondern auf Rilkes Empfindung, die er bei der Betrachtung der Apollo- Statue empfindet. Es ist vielmehr ein innerer Ruf, dass der Betrachter nicht so ist, wie er sein könnte.

In dem Moment, in dem wir die Statue eines Gottes betrachten, ist es die natürliche Reaktion in Bewunderung zu hinterfragen, ob es nicht vielleicht auch in unserem Leben etwas ändern können oder vielleicht zu müssen. So würden wir uns an unserem höchsten Ideal orientieren. Wenn es einen Gott gäbe: Wie würde ich es ertragen kein Gott zu sein?
Dies soll keineswegs eine religiöse Aufforderung sein, sondern ein Appell nachzudenken:

• Hat jemals eine bestimmte Persönlichkeit oder die Handlung eines Menschen das Gefühl in dir erregt, dass du auch so sein möchtest?
• Unter welchen Umständen wäre dein Leben ertragbarer oder noch besser als jetzt? An welchem Ideal müsstest du dich dafür orientieren?
• Welche Dinge oder Fähigkeiten, bei denen du Potenzial auf der Strecke lässt, rufen (metaphorisch) nach dir?

Ich persönlich lese in dem Schlussvers die Aufforderung über sich hinauszuwachsen und letztlich „mit einem Gott“ zu trainieren. „Du musst dein Leben ändern“. „Das Stichwort zur Revolution in der 2. Person Singular“, wie Peter Sloterdijk anmerkt, „ich lebe zwar schon, aber etwas sagt mir in unwidersprechlicher Autorität: Du lebst noch nicht richtig.“

Warum leiden dann unter einem Ideal, wenn es uns aus Sinnlosigkeit befreit?

Jedes Mal, wenn du ein Ideal hast und die Anforderungen des Ideals dir zu hoch erscheinen, hast du einen Richter, der dir sagt: Du bist noch nicht so gut, wie du sein könntest. Du bist klein im Angesicht meiner Größe.

Es war leichter für Menschen, in etwas gut zu sein, als wir Menschen in kleinen ländlichen Gemeinden lebten. Es war möglich für dich der beste Sportler, Mechaniker oder Lehrer im Dorf zu sein.

In jedem ihrer Bereiche hatten diese lokalen Helden die Gelegenheit, das Selbstvertrauen des Siegers zu genießen. Wenn du allerdings in einer Stadt mit einer Millionen Einwohnern bist und mit sieben Milliarden digital verbunden, wird es vermutlich immer jemanden geben, der besser ist als du. Egal wie gut du in etwas bist, es gibt jemanden da draußen, der dich unfähig erscheinen lässt.

In uns wohnt eine kritische innere Stimme, die unsere mittelmäßigen Bemühungen verurteilt. Es kann sehr schwierig sein, sie zu unterdrücken. Schlimmer noch: Ein Kritiker dieser Art ist notwendig. Versagen ist der Preis, den wir für Exzellenz zahlen und da Mittelmäßigkeit sowohl reale als auch harte Konsequenzen hat, sind Ideale notwendig.

Die meisten Menschen stellen sich kein Ideal und keine Ziele auf, weil sie denken: „Wenn ich meine Ziele vage aufstelle, muss ich nicht darunter leiden, wenn ich meine Ziele nicht erreiche. Wenn ich meine Ergebnisse nicht messe, muss ich nicht mit dem Schmerz der Niederlage leben.“

Wir sind nicht alle gleich

Wir sind nicht gleich in unseren Fähigkeiten oder unseren Ergebnissen und werden es nie sein. Die Idee einer wertfreien Welt ohne besser oder schlechter ist ein Widerspruch in sich. Werturteile sind eine Voraussetzung für das Handeln. Darüber hinaus hat jede einmal gewählte Aktivität ihre eigenen internen Leistungsstandards. Wenn etwas überhaupt gemacht werden kann, kann es besser oder schlechter gemacht werden.

Jedes Spiel hat seine Chance auf Erfolg oder Misserfolg. Unterschiede in der Qualität sind allgegenwärtig. Wenn nichts besser und schlechter wäre, besäße nichts mehr wert. Es gäbe keinen Wert und daher auch keine Bedeutung und keinen Sinn im Leben.

Warum sollte man sich anstrengen, wenn es nichts verbessert? Die Bedeutung oder der Sinn im Leben selbst erfordert den Unterschied zwischen besser und schlechter. Wie kann dann die Stimme des kritischen Selbstbewusstseins beruhigt werden? Wo liegen die Fehler in der scheinbar tadellosen Logik, dass es kein Ideal geben muss?

Schwarz-Weiß- Denken und Sinnlosigkeit

Schwarz weiß Denken

Wir können damit beginnen das Schwarz-Weiß- Denken selbst zu betrachten. Oft denken wir:

„Erfolg“ oder „Versagen“. Du hast entweder Erfolg, eine umfassende, singuläre, gute Sache oder ihr Gegenteil. Du bist ein Versager: ein schlechter Mensch, der durch nichts gerettet werden kann. Die Wörter implizieren keine Alternative und keinen Mittelweg. In einer Welt, die so komplex ist wie die unsrige, sind solche Verallgemeinerungen ein Zeichen für naive, nüchterne oder gar böswillige Analysen. Es gibt vitale Grade und Wertabstufungen, die von diesem binären System ausgelöscht werden und fatale Konsequenzen haben.

Es gibt nicht nur ein Spiel, in dem du erfolgreich sein oder scheitern kannst. Es gibt viele Spiele und genauer gesagt: viele gute Spiele – Spiele, die zu deinen Talenten passen, dich produktiv mit anderen Leuten zusammenbringen und dich im Laufe der Zeit verbessern und näher an dein Ideal heranrücken lassen.

Die Welt lässt viele Arten des Seins zu. Es ist auch unwahrscheinlich, dass du nur ein Spiel spielst. Du hast eine Karriere, Freunde und Familienmitglieder und persönliche Projekte, künstlerische Bestrebungen und sportliche Bestrebungen. Du kannst deinen Erfolg über alle Spiele hinweg beurteilen, die du spielst. Stell dir einmal folgendes Beispiel vor: Dein Kollege übertrifft dich bei der Arbeit. Seine Frau hat jedoch eine Affäre, während deine Ehe stabil und glücklich ist. Wer hat es besser? Wer hat Erfolg? Ist sein Leben wirklich deinem Leben vorzuziehen?

Jedes Ideal schafft Gewinner und Verlierer

Wenn der innere Kritiker dich mit solchen Vergleichen abwertet, funktioniert das folgendermaßen:

1) Er wählt er eine einzige, willkürliche Vergleichsdomäne aus (Ruhm, Macht oder Erfolg).
2) Dann verhält er sich so, als ob diese Domäne die einzige relevante ist.
3) ann kontrastiert er dich ungünstig mit jemandem, der einer der Besten in dem Bereich ist, sodass eine möglichst unüberbrückbare Kluft zwischen dir und deinem Vergleichsziel als Beweis für die fundamentale Ungerechtigkeit des Lebens entsteht.
4) Auf diese Weise kann deine Motivation, etwas zu tun, am effektivsten untergraben werden.

Jedes Ideal schafft Gewinner und Verlierer. Die Gewinner rechtfertigen natürlich eher die Hierarchie des Ideals und die Verlierer kritisieren es. Aber das kollektive Streben nach irgendeinem geschätzten Ziel erzeugt eine Hierarchie und es ist das Streben nach Zielen, das deinem Leben zu einem großen Teil einen gewissen Sinn gibt. Ohne etwas auf das du
in der Zukunft abzielen kannst, fehl die Hoffnung auf einen besseren Zustand. Das Ergebnis ist oft Sinnlosigkeit.

Der Preis, den wir dafür zahlen, ist die unweigerliche Schaffung von Hierarchien und Idealen des Erfolgs, während die unvermeidliche Konsequenz ein Unterschied im Ergebnis ist.

Absolute Gleichheit würde daher das Opfer des Ideals selbst erfordern und dann gäbe es nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Wir können stattdessen mit Dankbarkeit feststellen, dass eine komplexe, hochentwickelte Kultur viele Ideale und viele erfolgreiche Spieler ermöglicht und dass eine gut strukturierte Kultur es den Individuen ermöglicht ihre eigenen Ideale aufzustellen und danach zu streben.

Vergleich dich also nicht mit anderen Menschen und deren Idealen, sondern mit deinem Ideal und ziehe in den Momenten, in denen du aufgrund der Größe deines Ideals verzweifelt bist, dein altes Ich als Vergleichspunkt heran. Du bist vermutlich schon näher an deinem Ideal als du es noch vor 3 Jahren warst.

Wer sagt, dass es nicht noch besser werden kann? Dieser Gedanke ist Gegengift gegen Sinnlosigkeit.

Ein Ideal zum Sieg gegen chronische Ziellosigkeit und Sinnlosigkeit ist unangenehm

Sich selbst herauszufordern, sein höchstes Potenzial zu erreichen, ist schwierig und zu riskant, weil du plötzlich VOLLKOMMEN verantwortlich bist für alles, was du tust. Es ist einfacher, sich stellvertretend in Fernsehsendungen und Videospielen zu ertränken und damit die heldenhafte Größe fiktiver Figuren, statt das eigene Potenzial zu entwickeln.

Achtung: Dieser Beitrag ist kein Aufruf zum naiven (!) Optimismus, sondern soll dich zum Nachdenken anregen, ob nicht vielleicht auch in dir das versteckte Denken liegt:

Was wäre, wenn es klappt? Wäre ich dem Druck des Erfolgs und der Verantwortung meines idealen Ichs gewachsen?

Du kannst bitter werden und dein Ideal verfluchen. Die Alternative ist es deine Last der Verantwortung zu tragen. Niemand erwartet von uns, dass wir die Welt retten. Wir müssen nicht direkt ein Heiliger werden, aber die Opferung des Ideals hat fatale Folgen.

Warum ist das ein Problem? Darauf würde ich eine neurologische Erklärung geben. Positive Emotionen hängen vor allem von Dopamin ab (deswegen sind Kokain und Heroin so effektiv). Dopamin wird vor allem ausgeschüttet, wenn wir einem selbst gesetzten Ziel näher kommen. Darunter zählt auch, wenn wir nach den Idealen handeln, die wir für richtig halten. Das heißt im Umkehrschluss: Keine Orientierung an einem Standard oder Ideal=> keine positiven Emotionen.
Ohne Ideal oder Ziel stehen wir vor Wänden, die sich Sinnlosigkeit, Ziellosigkeit und Hoffnungslosigkeit nennen.

Mir persönlich fällt es immer schwer im Imperativ mit anderen Menschen zu reden, aber:

Klettere auf den höchsten Berg, den du erklimmen kannst und ziele auf das höchste Ziel, das du dir vorstellen kannst. Du weißt nicht, wie dein Leben aussehen könnte und wo dein Potenzial wäre, wenn du nach deinem höchsten Ideal handelst und dich an diesem orientierst.

Wie sieht dein ideales Ich aus, welche Eigenschaften hat es und vor allem: Wie näherst du dich diesem Ideal?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.