Die Kunst der Gelassenheit als Lebensphilosophie

Gelassenheit

Die Kunst der Gelassenheit: „Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin“ scheint einer der modernen Schlachtrufe unserer Zeit zu sein. Das hat fatale Folgen für uns Menschen. Wir Menschen sind evolutionär gesehen in einer besonderen Position. Anders als z. B. Zebras in der afrikanischen Savanne können Menschen mit Hilfe unserer entwickelten und komplexen Gehirne Stress künstlich erzeugen. Dies macht den Menschen anfällig für alle Arten von Krankheiten. Dieser Stress ist nicht nur unangenehm, sondern wirkt sich auch auf unser Herz-Kreislauf-System, die Insulinproduktion, die Fortpflanzung und letztendlich auf unsere Gesundheit aus.

Warum fällt uns Gelassenheit so schwer?

Es ist zwei Uhr morgens und du kannst nicht schlafen, obwohl du morgen früh eine Karriere-definierende Präsentation halten musst. Du bist einfach zu gestresst! Situationen wie diese sind zentral für die menschliche Erfahrung. Aber warum fühlen wir überhaupt Stress?

Betrachtet man den Rest des Tierreichs, finden wir, dass Stressreaktionen durch körperliche Gefahr und Risiko aktiviert werden. Stell dir vor, du wärst ein Zebra in der Savanne: Die stressigste Sache, die du erleben kannst, ist die Flucht vor dem Rachen eines Löwen. Oder, wenn du der Löwe wärst, würde der Stress davon kommen, ein Zebra zu jagen, während du kurz vor dem Verhungern stehst.

Diese beiden Situationen sind zwar unterschiedlich, aber es sind beides Krisen, die sofort in Angriff genommen werden müssen, um das Überleben zu sichern. Für den Menschen ist die größte Stressquelle jedoch oft psychisch – Stress, den wir einfach in unseren Köpfen heraufbeschwören.

Situationen wie Staus, bevorstehende Deadlines, das Finden eines Parkplatzes oder angespannte Auseinandersetzungen mit Familie oder Angehörigen sind tägliche Leiden. Keine dieser Situationen erfordert außergewöhnliche körperliche Aktivität, da sie selten mit Faustkämpfen oder Flucht gelöst werden. Nichtsdestotrotz erzeugen sie Stress in unseren Köpfen.Menschen werden auch gestresst von Dingen, die in der Zukunft passieren könnten. Zum Beispiel sorgen sich Menschen um ihre Hypothek, bevorstehende Vorstellungsgespräche, ihre Altersvorsorge usw..

Dies ist sinnvoll, wenn wir die Möglichkeit haben, einen Plan zur Bewältigung dieser Stressfaktoren zu machen, aber es ist sinnlos, wenn wir die Situation, die unsere Besorgnis verursacht, nicht beeinflussen können.
Aus psychologischer Sicht ist nachhaltiger psychologischer Stress also ein sehr junges Phänomen.

Das ist der springende Punkt. Wenn du das Zebra wärst, das um sein Leben rennt oder der Löwe, der für seine Mahlzeit sprintet, sind die physiologischen Reaktionsmechanismen deines Körpers für den Umgang mit solchen kurzfristigen physischen Notfällen hervorragend angepasst. Bei der überwiegenden Mehrheit der Tiere auf diesem Planeten handelt es sich bei Stress um eine kurzfristige Krise, die entweder vorbei geht oder in Tod endet.

Wenn wir herumsitzen und uns über Dinge Sorgen machen, erzeugen wir dieselben physiologischen Reaktionen – aber sie sind potentiell eine Katastrophe, wenn sie chronisch provoziert werden. Es gibt viele Hinweise darauf, dass stressbedingte Krankheiten vor allem dadurch entstehen, dass wir ein physiologisches System aktivieren, das auf akute physische Notfälle reagiert ausgelegt ist, aber wir schalten es für Monate ein und sorgen uns um Hypotheken, Beziehungen und Werbeaktionen.

Die Auswirkungen dieses akuten Stresses

Herzkrankheiten, Diabetes, Depressionen, Burnout, Impotenz und Geschwüre können mögliche Folgen sein. Wenn du jetzt nicht von all den schlechten Nachrichten in den vorangegangenen Fakten deprimiert bist, hast du sie wahrscheinlich nur überflogen. Mein Ziel war es aber nicht dich zu frustrieren, sondern eher aufzuzeigen, dass Gelassenheit mehr als eine Disney-Vorstellung à la Hakuna Matata oder „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ ist.

Gelassenheit ist vielmehr eine Kunst, die die zentrale Basis für viele philosophische und religiöse Systeme zur Meisterung deiner Emotionen bildet. Gelassenheit ist, wie du im Rahmen diese Blogbeitrags lesen wirst, eine zentrale Fähigkeit, die deine Lebensqualität steigern kann.

Gelassenheit als Mittel gegen Neurotizismus

Besonders anfällig für diesen Schmerz des Stresses sind Menschen mit einem hohen Neurotizismuswert. Neurotizismus ist eine Eigenschaft der sogenannten Big 5 der menschlichen Persönlichkeit. Es handelt sich um ein Modell der Persönlichkeitspsychologie, mit dem die Wesensmerkmale einer Person klassifiziert werden.

Neurotizismus kann am besten als subjektive Anfälligkeit für negative Emotionen bzw. Erlebnisse aufgefasst werden. Wie bei den anderen Merkmalen der Big Five liegt die Heritabilität (Erblichkeit) bei circa 48 % und ist zum großen Teil genetisch bedingt. Der Corpus der Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Neurotizismus relativ konstant im Leben eines Menschen bleibt, aber jedoch in der Lebensmitte stärker ausgeprägt ist, während der Neurotizismus im Alter eher abflacht.

Wir alle sind neurotisch

Wir alle sind neurotisch. Die Frage ist: zu welchem Grad? Um zu verstehen, was wir gegen krankhaften Neurotizismus tun können, müssen wir erst einmal darüber nachdenken, was das Gegenteil des Neurotizismus ist: Es ist Seelenfrieden.

Gerade deshalb gefällt mir die Definition des Neurotizismus von Brad Blanton, einem Psychologen und Therapeuten besonders gut:

“ Neurotizismus ist eine verzerrte Art, die Welt und sich selbst zu betrachten; die durch zwanghafte Bedürfnisse bestimmt ist, anstatt ein echtes Interesse an der Welt zu haben, genau wie sie ist. Es ist im Wesentlichen eine Weigerung zu akzeptieren, was in der Gegenwart geschieht. Ein Neurotiker ist eine Person, die unaufhörlich verlangt, dass das Leben anders ist, als es ist.“

Solange wir zwanghaft verlangen, dass die Wirklichkeit in einer bestimmten Art und Weise sein MUSS, damit wir glücklich sind, werden wir leiden- und das nicht zu knapp.

neurotisch

Die „positive“ Seite des Neurotizismus

neurotizismus

Die beste Analogie, die ich für das Neurotizismus -Persönlichkeitsmerkmal habe, ist der Seismograph. Er erkennt und erfasst seismische Wellen von Erdbeben. Es ist sehr empfindlich. Zum Beispiel wird ein Erdbeben auf niedrigem Niveau keine spürbare Bewegung in einer Gabel auf einem Tisch verursachen, aber der Seismograph spürt auch kleinste Bewegungen.

Dieses Persönlichkeitsmerkmal funktioniert genauso. Diejenigen, die hohe Neurotizismuswerte haben, reagieren stärker auf diese Ereignisse und so können sie sich besser auf potentielle negative Ereignisse in der Zukunft vorbereiten, damit sie nicht von einem großen „Erdbeben“ überrascht werden.
Das bedeutet, dass diese Anfälligkeit nicht per se schlecht ist, sondern wir eher den richtigen Umgang mit diesem chronischen Stress entwickeln müssen. Dies geht am besten über den Weg der Gelassenheit.

Gelassenheit- Die vielleicht wichtigste Fähigkeit zur emotionalen Meisterung

Mach deine Opfer

In der Bibel gibt es folgende Empfehlung zur Kultivierung der Gelassenheit:

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

Ich persönlich würde dem Aufruf zur Gelassenheit jedoch noch eine Bedingung voranstellen, damit es nicht nach naivem Optimismus klingt. Ja- fokussiere dich auf den Tag, den du kontrollieren kannst aber mache deine Opfer!

Opferung- eine der wichtigsten Ideen des Westens

Warum machen die Menschen Opfer für Gottheiten, um ihnen zu gefallen? Es scheint wie ein Rätsel für moderne Menschen. Welche Opfer du machst, fragst du?

  • Du hast eine Ausbildung oder ein Studium gemacht
  • Du isst nicht jeden Tag 15.000 Kalorien, obwohl sie zur Verfügung stehen
  • Du sparst Geld, anstatt alles auszugeben
  • Du gehst arbeiten, anstatt den ganzen Tag nur Fernsehen zu schauen
  • ….
    Jeder macht Opfer. Zum Glück haben wir diese Opferidee auf ein neues Level der Abstraktion bringen können und Opfern nicht mehr wirklich Tiere und Menschen für Gottheiten. Wir haben gelernt, dass wir etwas aufschieben können, was wir jetzt in diesem Moment wollen, um in der Zukunft mehr zu haben. Diese Realisierung steht absolut im Widerspruch zu unseren alten Tierinstinkten der sofortigen Befriedigung. Kein Wolf wird nachdem er ein großes Stück Fleisch in einer einzigen Mahlzeit gegessen hat, denken: Ich hasse es, wenn ich mein Hunger nicht kontrollieren kann und es alles auf meinen Hüften landet.
    Achtung: vereinfachter und evolutionär nicht ganz korrekte Darstellung, die aber zur Vereinfachung dienen soll:

    Vielleicht kann ich dieses Mammut nicht alleine essen, aber ich kann den Rest auch nicht zu lange aufbewahren. Vielleicht sollte ich ein paar anderen Leuten etwas abgeben, damit sie sich an mich erinnern und mir auch etwas von ihren Mammuts abgeben, wenn sie einiges übrig haben.
    Damit entstehen eine Reputation des Individuums und ein gewisser Sozialvertrag der Moral und des Handelns. Versuch einmal einen Wolf von diesen Ideen der Moral, der Opferung zu überzeugen. Viel Glück damit!

    Vereinfacht gesagt: Millionen von Jahren Evolution hat sich diese Strategie als sinnvoll erwiesen und wir haben eine Schlussfolgerung gezogen, dass der Erfolgreiche unter uns impulsive Befriedigung verzögert und in Verhandlung mit der Zukunft tritt- also ein Opfer erbringt.
    Solche Opfer sind die sinnbildliche Verzögerung der Befriedigung des Vergnügens, aber das ist eine zu banale Phrase, um eine der interessantesten Ideen des Westens zu beschreiben. Wir haben die Zukunft kennengelernt. In den düsteren Nebeln der Zeit begannen wir zu erkennen, dass die Struktur der Realität verhandelbar ist und dass angemessene Opfer in der Gegenwart in unserer Zukunft weniger Leiden und Belohnungen bringen werden.

    Opfere etwas von Wert

    Wir haben die persönliche Verantwortung für unser eigenes Leben unsere Zukunft zu formen. Ich rede nicht vom Leben nach dem Tod, sondern von dem realen Leben auf der Erde. Unsere Bemühungen von heute können die Qualität von morgen bestimmen. Und ich kann verstehen, dass es für Leute schwer ist Opfer zu bringen, weil natürlich jeder von sein Vergnügen in der Gegenwart maximieren möchte. Dennoch lautet die Hypothese: Wenn du nun in der Gegenwart etwas von Wert (Zeit, Geld…) opferst, kannst du beeinflussen, dass die Dinge in der Zukunft besser für dich laufen werden, als wenn du dich nur den hedonistischen Freuden hingibst und dich nicht auf die Zukunft vorbereitest.

    Der Philosoph Karl Popper sagte, dass der Zweck des Denkens ist, seine Gedanken sterben zu lassen anstatt dich selbst zu lassen. Das ist eine brillante Vorstellung. Du kannst mental eine Vielzahl von potenzialen Szenarien beschwören und durchdenken ohne selbst zu scheitern. Das Wissen gibt dir eine Möglichkeit deine Zukunft positiver zu gestalten und in der Gegenwart Anpassungen vorzunehmen.

    Die Marshmallow-Studie

    Das scheint erst einmal nicht mehr als eine These zu sein. Doch das Ganze lässt sich auch wissenschaftlich belegen. Wie deine Zukunft aussieht, hängt oft davon ab, welche Entscheidungen du in der Gegenwart triffst. Dadurch ist die so genannte Marshmallow- Studie auch bekannt geworden.

    marshmallow studie

    Der Psychologe Walter Mischel besuchte im Rahmen des Experiments regelmäßig Vorschulen in Stanford. Sechs Jahre lang machte er knapp 700 Kindern ein Angebot, das mich als Kind in den Wahnsinn getrieben hätte: Sie konnten einen Marshmallow, entweder sofort essen oder ein paar Minuten warten, um einen zweiten zu erhalten. Er verließ daraufhin den Raum und ließ die Kinder warten.

    Das Ergebnis seiner Originalstudie klingt ziemlich uninteressant: Manche Kinder hatten die Fähigkeit zu warten- andere Kinder nicht. Vor allem war ihre Geduld davon abhängig, ob sie sich währenddessen auf die Belohnung konzentrierten oder nicht. Doch etwa zehn Jahre später, wurde Kontakt mit den Eltern der Kinder aufgenommen, die damals an der Marshmallow-Studie teilgenommen hatten. In einer zweiten Studie stießen die Psychologen auf einen interessanten Zusammenhang.

    Die Kinder, die im Rahmen der 1. Studie nicht warten können und den Marshmallow direkt aßen, galten als emotional instabiler, ungeduldig und neidisch. Auch in der Schule hatten sie unabhängig von ihrem IQ schlechtere Noten. Die Kinder, die in der Lage waren, eine Belohnung aufzuschieben, waren stressresistent, emotional stabil und sozial kompetent. Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub ist laut der Studie eine Erfolgseigenschaft. Die Kinder, die dazu in der Lage waren, waren in ihrem Leben deutlich erfolgreicher als die Gruppe der ungeduldigeren Kinder.

    Gewissenhaftigkeit Big 5 der Persönlichkeit: Zwischen Erfolg und Grausamkeit

    Gelassenheit durch Meditation und Buddhismus

    Der Buddhismus ergreift einen anderen Ansatz in Bezug auf Gelassenheit. Gelassenheit im buddhistischen Sinne ist nicht mit Ignoranz und Resignation gleichzusetzen, sondern eher ein aktiver Prozess des Trainings und kein Quickfix. Gelassenheit ist sogar fester Bestandteil der sogenannten ACT (Akzeptanz- und Commitmenttherapie) und wird in klinischen Situationen häufig verwendet.

    Gewissenhaftigkeit Big 5 der Persönlichkeit: Zwischen Erfolg und Grausamkeit

    Ein zentraler Begriff der buddhistischen Geistesschulung ist Upekkhā („Gleichmut“), einer der vier Grenzenlosen Geisteszustände (Liebe, Mitgefühl , Mitfreude und Gleichmut). Zum Bedeutungsspektrum dieses Begriffs gehören auch Gelassenheit, Nicht-Anhaften, Nicht-Unterscheiden, Loslassen.
    Allein die Rolle der Gelassenheit im buddhistischen Sinn könnte in einem Zeitraum von 3 Monaten kaum abgehandelt werden. Daher fokussiere ich mich im Folgenden a) auf die Gelassenheit zum Schmerz und b) auf die Gelassenheit zu den Dingen.

    Gelassenheit und der Fight or flight-Mechanismus

    Hast du jemals einen dieser alten Filme gesehen, wo der Bösewicht im Treibsand stecken bleibt und je mehr er kämpft, desto schneller zieht es ihn nach unten? Hier noch ein kleiner Survivaltipp am Rande 😛 .Wenn du jemals im Treibsand stecken bleiben solltest, ist der Kampf dagegen und das wilde Austreten das Schlimmste, was wir tun können.

    Was du tun musst, ist es dich zurückzulegen, deine Arme auszubreiten und so still wie möglich auf der Oberfläche schwimmend zu liegen. Dann musst du einfach wie in den Westernfilmen nach deinem Pferd pfeifen, das kommt, um dich zu retten! In dieser Situation ist es schwierig, weil jeder Instinkt dir sagt, dass du versuchen willst zu entkommen. Aber wenn du nicht aufhörst zu kämpfen, wird der Sand immer dichter und härter. Sicher ist es nicht gerade lustig still auf dem Treibsand zu liegen, aber es bewahrt dich vor dem Tod! Das gleiche Prinzip gilt für emotionale Unruhe: Je mehr wir versuchen, sie zu bekämpfen oder sie von uns wegzuschieben, desto mehr erstickt sie uns. Aber warum sollte das so sein?

    Stress

    Wenn wir mit Hindernissen konfrontiert sind, reagiert unser limbisches System über, das unter anderem für den sogenannten Fight or Flight-Modus verantwortlich ist. Dieser Fight or Flight-Modus ist ein alter Überlebensmechanismus, der eine enorme Stressreaktion in unserem Körper auslöst. In diesem stellt sich der gesamte Organismus auf eine neue Situation mit den beiden Optionen Kampf oder Flucht ein.

    Stresshorme wie Cortisol sind nicht unbedingt etwas, das wir unserem Körper langfristig antun wollen. Zusätzlich wird auch dein Atem deutlich schneller- eine automatische Reaktion deines Körpers. Kurz gesagt: Wir fokussieren uns nur auf die Angst und blenden den Rest der Welt aus.
    Und evolutionär gesehen funktioniert das klasse. Wenn du vor einem Fressfeind fliehen müsstest, wären das die richtigen Maßnahmen, um deinen Arsch zu retten. Aber hier das Problem: Wir haben eine Menge moderner Wege gefunden um Angst zu haben. Diese sind jedoch meist irrational, weil sie unser Überleben nicht bedrohen. Unser Gehirn macht da keinen Unterschied zwischen sozialer Angst und Überlebensangst.

    Warum haben wir beispielsweise Angst öffentlich vor einer Gruppe zu sprechen? Weil es unser Überleben bedroht? Unwahrscheinlich ! Du merkst: Kampf oder Flucht sind im Fall der Emotionen nicht dies beste Strategie, weil wir sie damit nur unterdrücken.

    Gelassenheit durch radikale Akzeptanz

    Der buddhistische Ansatz sagt implizit: Wenn wir unsere Emotionen annehmen, wenn wir alles, was menschlich an uns ist, willkommen heißen, öffnen wir einen Raum, in dem wir uns selbst annehmen können. Wenn ich mich weigere zu akzeptieren, dass ich wütend oder enttäuscht bin, nachdem ich einen Fehler gemacht habe, unterdrücke ich meine Fähigkeit, Freude zu erleben, wenn mir etwas Gutes passiert.

    Wenn ich meinen Zorn gegen einen Partner oder einen Freund nicht anerkenne, beschränke ich meine Fähigkeit, zu lieben. Wenn ich meine Angst ablehne, ersticke ich meinen Mut. Wenn ich mir nicht die Erlaubnis gebe Neid zu erleben, untergrabe ich meine Großzügigkeit.

    Akzeptanz bedeutet nicht, dass man alles toleriert. "Accipere" ist dagegen das lateinische Wort für " annehmen" und heißt, dass wir das annehmen, was uns angeboten wird." Das ist die buddhistische Sichtweise auf Gelassenheit. Es bedeutet nicht, aufzugeben oder eine Niederlage einzugestehen oder die Zähne zusammen zu beißen und es zu ertragen.

    Nämlich denk daran: Leiden entsteht nur, wenn du dich gegen das wendest und das von dir wegschiebst, was aktuell die Realität ist. Aber was, wenn du dein Leben verbessern willst und nicht nur so akzeptieren möchtest, wie es ist? Leid entsteht zum Großteil, wenn wir versuchen das von uns wegzuschieben, was ist und uns versuchen gegen die Realität zu stellen. So erhalten wir den Schmerz künstlich aufrecht, in dem wir uns oder die Umstände dafür verurteilen.

    Radikale Akzeptanz der Realität : Die Auflösung deiner inneren Zerrissenheit

    Der Verstand als Geschichtenerzähler

    Geschichtenerzähler

    Hast du jemals einen Dokumentarfilm über Afrika gesehen? Was hast du gesehen? Viele Krokodile, Löwen, Antilopen, Gorillas und Giraffen? Stammes-Tänze? Militärische Konflikte? Politischer Umbruch? Erstaunliche Berge, schöne, ruhige Dörfer? Armut, verhungernde Kinder, die von Aßgeiern umschlichen werden?
    Ich weiß: Eins sehr drastisches Beispiel. Was ich dir sagen möchte, ist Folgendes: Wir können viel von einem Dokumentarfilm lernen, aber eines ist sicher: Ein Dokumentarfilm über Afrika ist nicht Afrika selbst.

    Ein Dokumentarfilm kann Eindrücke von Afrika geben. Aber egal wie herausragend gefilmt, egal wie "authentisch" es ist, ein Dokumentarfilm über Afrika ist nicht dasselbe wie Afrika selbst. Ähnlich wäre ein Dokumentarfilm über dich nicht dasselbe wie du selbst. Auch wenn dieser Dokumentarfilm tausend Stunden gedauert hat und alle möglichen relevanten Szenen aus deinem Leben aufgenommen hat, alle möglichen Interviews mit Leuten, die dich kennen und alle möglichen faszinierenden Details über deine innersten Geheimnisse - auch dann der Dokumentarfilm wäre nicht du.
    Also, es gibt diesen riesigen Unterschied zwischen dem, was wir sind, und jedem Dokumentarfilm, den jeder jemals über uns machen könnte - egal wie "wahrheitsgetreu" dieser Dokumentarfilm sein kann.

    Du erkennst die Parallele. Wir erzählen uns permanent Geschichten und so wie ein Dokumentarfilm über Afrika nicht Afrika ist, bist du nicht deine Gedanken. Aus einer ganzen Lebenszeit der Erfahrung - buchstäblich Hunderte von Tausenden von Stunden "Filmmaterial" (unser Denken) wählen wir je nach Situation die besonders dramatischen Erinnerungen aus und verwandeln sie manchmal in einen mächtigen Dokumentarfilm mit dem Titel „ Das bin ich!“
    Das Problem ist, wenn wir diesen Dokumentarfilm sehen, vergessen wir, dass es nur ein stark bearbeitetes Video ist. Stattdessen glauben wir, dass wir das Video sind!

    Nur wenn wir mit der Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, "verschmelzen" und sie als unsere Identität annehmen, wenn wir so reagieren, als wäre sie die Wahrheit, werden wir zu den Sklaven unser eigenen Geschichte. Das ist eine andere Form von buddhistischer Gelassenheit- GeLassenheit zu den Dingen. Kannst Dinge einfach los-lassen ohne unter diesem LosLassen zu leiden?

    Wie du Gelassenheit erlernst, indem du Mara zum Tee einlädst

    Eine meiner Lieblingsgeschichten des Buddhas zeigt die Kraft der Gelassenheit. Als der Buddha entschlossen war, unter dem Bodhi-Baum zu pausieren, wurde er mit der Schattenseite der menschlichen Natur konfrontiert ( dargestellt als der böse Gott Mara) . Im Sanskrit bedeutet Mara "Täuschung", die Ignoranz, die uns in Begierde und Angst verwickelt und unsere erleuchtete Natur verdeckt.

    Als Mara auftauchte, konnte der Buddha sicherlich die enorme Verführung Maras erkennen, aber er identifizierte sich nicht mit seinen Gedanken, sondern übte Gelassenheit. Mara wandte alle Kräfte an, um ihn davon abzuhalten, erleuchtet zu werden. Dazu rief er Erscheinungen wie Armeen von Kriegern hervor, um die Wut in ihm zu erwecken oder Frauen, um ihn zu verführen.

    Doch anstatt Mara zu ignorieren oder ihn zu vertreiben, erkannte der Buddha ruhig seine Anwesenheit und sagte: "Ich sehe dich, Mara." Dann lud er Mara metaphorisch (wie in der asiatische Kultur üblich) zum Tee einladen und ihm als Gastgeber zu dienen.
    Er gab Mara ein Kissen, so dass er bequem sitzen konnte, füllte zwei Becher mit Tee und legte sie auf den niedrigen Tisch zwischen ihnen ab. Mara blieb für eine Weile bleiben und ging dann kurze Zeit später, während der Buddha frei und ungestört blieb.

    Mara Tee

    Mara ist eine Metapher für das, wovor wir uns am meisten fürchten oder den Schmerz den wir empfinden. Gelassenheit beginnt mit unserer eigenen Pause unter dem Bodhi-Baum. So wie sich der Buddha sich bereitwillig zu einer Begegnung mit Mara öffnete, können wir auch pausieren und radikal akzeptieren, was das Leben uns in jedem Augenblick bietet.
    Wir haben erstens keine andere Wahl als radikal zu akzeptieren und zweitens kommt unser Leiden daher, dass wir das, was gerade im Moment ist ablehnen und versuchen von uns wegzuschieben oder zu verneinen. Auch Carl Jung- einer der wohl genialsten Psychologen aller Zeiten sagte, dass einer seiner wichtigsten Erkenntnisse sei, dass es die unerschlossenen und nicht akzeptierten Teile unserer Psyche sind, die die Quelle aller Neurosen und allen Leidens sind.

    Gelassenheit gesteht ein, dass der Schmerz existiert und kann ihn auf dieser Basis im Nachhinein akzeptieren. Doch Gelassenheit ist die absolute Grundlage, um mit Schmerz umgehen zu können ohne sich selbst zu bemitleiden und im Leid zu verlieren.

    Die buddhistische Praxis der Gelassenheit

    Pema Chödrön, eine amerikanische Nonne, die ein hoch angesehener Lehrer des tibetischen Buddhismus ist, wählt etwas weichere Worte, um das Ganze auszudrücken und sagt, dass wir durch radikale Akzeptanz und Gelassenheit lernen Freundschaft mit uns selbst zu schließen und damit den Schlüssel zum Leben auf der tiefsten Ebene ermöglichen.

    Als ich das erste Mal radikale Akzeptanz / Gelassenheit praktiziert habe, war mein "Ja" sehr mechanisch, widerwillig und unaufrichtig, aber jedes Mal, wenn ich es sagte und glaubte, konnte ich spüren, dass sich etwas in mir entspannte. Ich fing an, das Ja mit einem weicheren, freundlicheren Ton in meinem Kopf zu wiederholen. Ich lächelte sogar von Zeit zu Zeit - viel vom Drama und Leid, das ich in meinem Kopf zusammen gesponnen hatte, kam mir auf einmal so irrational vor.

    Mein Durchbruch kam damals als ich mir den Zeh an der Treppe gestoßen hatte. Früher wäre ich wahrscheinlich an die Decke gegangen und hätte mich darüber beschwert, dass die Treppe im Weg steht. Doch auch wenn es ein vergleichbar kleiner Schmerz war, merkte ich, dass die Praxis der Gelassenheit Früchte zu tragen schien. Ich fing an zu lachen. Ich lachte über meinen verrückten Glaubenssatz und die innere Stimme im Kopf, die mir sagte: „Wie kann die Treppe es nur wagen sich mir- dem Zentrum der Welt- in den Weg zu stellen."

    Gelassenheit durch Meditation

    Die wohl traditionellste Möglichkeit Gelassenheit zu trainieren ist die Meditation. Meditation kann zwar nicht nur darauf beschränkt werden, aber Gelassenheit ist oft ein wichtiges und wertvolles Nebenprodukt der Meditation.

    Die Illusion des Selbst- die schockierendsten Ergebnisse der Neurowissenschaft

    Die Wissenschaft hinter dem Zusammenhang von Schmerz, Gelassenheit und Achtsamkeit

    Auch die Wissenschaft hinter Gelassenheit und Achtsamkeit fasziniert. In einer Reihe von Experimenten, die 2009 an der University of North Carolina von einem jungen Psychologen namens Fadel Zeidan durchgeführt wurden, wurden die Auswirkungen der Meditation auf die Fähigkeit der Menschen, körperliche Schmerzen zu ertragen, zu testen, und so entschloss er sich mit erfrischender Unkompliziertheit, ihnen Schmerzen zuzufügen.

    Im Rahmen seiner Forschung fügte er ihnen leichte Elektroschocks, die selbstverständlich nicht stark genug waren, um schädlich zu sein, aber mächtig genug, um Arme und Beine zucken zu lassen. - Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre subjektive Erfahrung des Schmerzes zu beurteilen.
    Manche erhielten dann im Laufe der nächsten Tage drei zwanzigminütige Lektionen in der Achtsamkeitsmeditation und zeigten ihnen, wie sie ein nicht-wertendes Bewusstsein für ihre Gedanken, Gefühle und Empfindungen entwickeln könnten.

    Als weitere Elektroschocks verabreicht wurden, zeigten diejenigen, die die Meditationstechniken verwendeten, signifikant reduzierte Schmerzen. Ablenkung hatte dagegen eine geringe Wirkung, aber es war nicht annähernd so groß, wie die Wirkung der Meditation. Und die Achtsamkeit senkte (im Gegensatz zur Ablenkung) die Schmerzspiegel, auch wenn die Teilnehmer während der Schocks nicht aktiv meditierten.

    Hier kannst du dir noch eine kostenlose Achtsamkeitsmeditation herunterladen:

    Downloads

    Tara Brachs Buch: Radical Acceptance: Embracing Your Life With the Heart of a Buddha

    Gelassenheit- Ein radikales JA zum Leben

    Doch diese Definition der Gelassenheit klingt etwas naiv und vielleicht sogar etwas weich. Auch harte Jungs wie Jocko Wilink, ein Elitesoldat der Navy Seals, der bereits einmal im Podcast im Rahmen der vollen Verantwortung aufgetaucht ist, sagt, dass die Antwort auf Schmerz und das Leben immer ein "Gut" ist.
    Es ist sehr befreiend „Gut“ zu unserem unvollkommenen Leben zu sagen, das nicht immer nach Plan verläuft. Du wirst erkennen, dass es gar nicht perfekt sein muss, um das maximale Glück herauszuziehen. Wenn wir den irren Glaubenssatz ablegen, dass Mehr die Lösung ist, sind wir frei und können Ja zu unserem Leben, wie es ist. Weil wir das, was wir in unserem Körper empfinden, nicht vernachlässigen, erlaubt uns die Achtsamkeit, das Leben so zu sehen, wie es ist.

    Gelassenheit ist keine, weitere flache Version des "positiven Denkens“ oder eine Möglichkeit um die Realität zu verschweigen? Gelassenheit als Technik zu betrachten, um unangenehme Gefühle loszuwerden und uns besser zu fühlen, würde der Sache nicht gerecht werden. Gelassenheit ist kein Weg, unsere Erfahrung zu manipulieren, sondern vielmehr eine Hilfe, um das Leben zu akzeptieren, wie es ist.

    Gelassenheit bei den Navy SEALS

    Bei den Navy SEALS ist "WAR" ein Akronym für
    W-e
    A-re
    R-eady

    Bereitschaft heißt also die Realität zu konfrontieren- nicht so wie sie sein könnte und sein sollte, sondern wie sie ist. Bereitschaft ist eine Form von Bescheidenheit, die zugesteht, dass wir weniger kontrollieren können, als wir denken bzw. glauben wollen.
    Das Ideal der Gelassenheit ist es also eine Form von Bescheidenheit uns einzugestehen, dass wir über manche Dinge einfach keine Kontrolle haben. Was wir aber tun können, ist uns möglichst gut vorzubereiten.

    Gelassenheit durch Amor fati

    Ein Konzept Nietzsches, das unmittelbar daran anknüpft, nennt sich amor fati. Amor Fati ist die Liebe zum Unausweichlichen oder wörtlich die Liebe zum Schicksal.

    Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Grossen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!-Nietzsche

    Wenn wir das Leben einmal als Spiel sehen, würde es bedeuten mit den Karten zu spielen, die uns das Leben austeilt. Auch wenn es sich unnatürlich und ungewohnt anfühlt, Dankbarkeit für die Dinge zu fühlen, die sich nicht gut anfühlen. Aber wie wir wissen, wachsen wir durch diese Schwierigkeiten.

    Herausforderungen und Schmerz sind Treibstoff und du willst nicht nur Treibstoff- du brauchst ihn in deinem Leben. Besonders in diesen Momenten, in denen du den unvermeidlichen Schmerz des Schicksals akzeptierst, findet die größte psychologische Transformation statt.

    In unserem Leben kann keine positive Veränderung geschehen, solange man sich an den Gedanken klammert, der Grund dafür, dass man nicht gut lebt, liege außerhalb einem selbst. Das steht hinter dem Begriff Amor fati (Liebe zum Schicksal) – in anderen Worten: Erschaffe das Schicksal, das du lieben kannst.

    Stoische Gelassenheit

    Während die Gelassenheit in der buddhistischen Tradition oft stark mit Mitgefühl verknüpft ist, sind die Stoiker eher auf emotionale Meisterung aus.Die sprichwörtliche „stoische Gelassenheit“ besteht in der Affektfreiheit, wobei Affekte unreflektierte Gefühlsregungen sind. Ob sie im Sinne der stoischen Ataraxie und Apatheia der Gelassenheit entspricht, wird unterschiedlich gesehen und hängt von der genauen Erfassung des jeweils Gemeinten ab.

    Die Ataraxie „Unerschütterlichkeit“, auch Ataraxis, von a-tárachos „unerschütterlich“) ist die Bezeichnung der Epikureer und Stoiker für das Ideal der Seelenruhe. Sie bezeichnet als seelischen Zustand die Affekt¬losigkeit und die emotionale Gelassenheit gegenüber Außeneinwirkungen.
    Das Beste an der Ataraxie ist, dass sie eine erlernbare Fähigkeit ist. Um diese Kunst der Gelassenheit und Unerschütterlichkeit zu lernen, haben die Stoiker, einige Übungen entwickelt, die ich mit dir teilen möchte.

    Negative Visualisierung zum Aufbau von Gelassenheit

    In den Tiefen des Winters habe ich endlich gelernt, dass in mir ein nie endender Sommer lag. -ALBERT CAMUS

    Aber egal, wie sehr wir versuchen zu verhindern, dass schlechte Dinge passieren, irgendwann wird es passieren. Deshalb bereiten sich die Stoiker systematisch darauf vor- mit Gelassenheit und negativer Visualisierung.

    Widerstandsfähigkeit

    Einige Gurus des positiven Denkens fallen jetzt aus allen Wolken und glauben, dass man unter keinen Umständen negative Gedanken denken darf und dass die Stoiker, weil sie das Worst-Case-Szenario in Betracht ziehen, zum Pessimismus neigen würden. Im Gegenteil: Stoiker schöpfen daraus eine Menge an Erfüllung.
    Normalerweise kennzeichnen wir einen Optimisten als jemanden, der sein Glas als halb voll und nicht halb leer sieht. Für einen Stoiker wäre dieser Optimismus nur ein Ausgangspunkt. Nachdem er seine Wertschätzung ausgesprochen hat, dass sein Glas halb voll ist, anstatt völlig leer zu sein, wird er sich noch einmal betonen: Es könnte doch kaputt oder gestohlen werden.

    Das klingt zunächst ein bisschen kontraintuitiv klingen, aber für jemandem, der seine Freude und Dankbarkeit nicht verloren hat, ist die Welt ein wunderbarer Ort.

    Gelassenheit gegen neurotisches Leiden

    Negative Visualisierung und Gelassenheit sind starke Gegenmittel gegen Stress und neurotisches Leiden. Indem wir uns bewusst über den Verlust von dem, was wir haben, nachdenken, können wir unsere Wertschätzung dafür wiedererlangen, und mit dieser wiedergewonnenen Wertschätzung können wir unsere Fähigkeit zur Freude wiederbeleben.

    Sie besteht darin während des Tages in regelmäßigen Abständen zu pausieren, um darüber nachzudenken, dass wir nicht ewig leben werden und deshalb dieser Tag unser letzter sein könnte. Solche Reflexion verwandelt uns nicht in Hedonisten, sondern lässt uns wertschätzen, wie wunderbar es ist, dass wir am Leben sind und die Gelegenheit haben, diesen Tag mit Aktivität zu füllen.

    Ein Grund, warum Kinder so frei und glücklich sind, ist, weil sie fast nichts als selbstverständlich ansehen. Für sie ist die Welt wunderbar neu und überraschend. Aber häufig verlieren wir diese Gabe und Träumer, die Welt um sie herum mit Freude annehmen, werden für verrückt erklärt, während viele stolz auf die Unfähigkeit sind Glück in den Alltagsmomenten zu finden.

    Klar können wir den wunderschönen Sonnenuntergang ignorieren, der vor unserem Fenster aufflammt, um uns bitterlich über das Wetter oder die deutsche Bahn oder dass im Fernsehen nichts läuft zu beklagen. Negative Visualisierung ist daher ein wunderbarer Weg, um unsere Wertschätzung des Lebens und damit unsere Fähigkeit zur Freude wiederzuerlangen, weil wir uns unser Vergänglichkeit bewusst sind.

    Wir analysieren unsere Umstände nicht in Bezug auf das, was uns fehlt, sondern in Bezug darauf, wie viel wir haben. Es wird ein letztes Mal geben das wir das Geräusch von Fußstapfen im Schnee hören werden, den Mond beobachten werden, Sex haben werden oder die Wärme eines Kindes oder des Partners oder der Partnerin fühlen werden.

    negative visualisierung

    Übung #1 zur Stärkung der stoischen Gelassenheit: Negative Visualisierung

    Das Unglück wiegt am schwersten auf diejenigen, die nichts als Glück erwarten.- Seneca

  • 1) Du analysierst die Situation ohne Angst, offen und ehrlich, und überlegst, was die schlimmste Folge sein könnte.
  • 2) Nachdem du dir die schlimmst möglichsten Folgen klar gemacht hast, kannst du beschließen , dich gegebenenfalls damit abzufinden.
  • Auf einer Skala von 1-10 sind die meisten unser "Probleme" meistens nur eine 5 und wenn du in Deutschland lebst, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass du nicht an Hunger und Unterernährung stirbst.

  • 3) Was könntest du tun, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen und die schlimmstmöglichen Folgen, die du geistig bereits akzeptiert hast, abzumildern und wieder zurück zur Ursprungssituation zurück zu kehren?
  • 4) Was ist das realistische Endresultat aus der Situation? Ist es WIRKLICH so wahrscheinlich, dass das Allerschlimmste eintritt? Visualisiere die realistische Situation in der Zukunft!
  • 5) Was ist, wenn du die schweren Zeiten sogar gut überstehst? Was ist wenn du sie nicht nur gut überstehst, sondern dadurch als Persönlichkeit mental unerschütterlich wirst und ein ungeahnte Gelassenheit erreichst?

  • So hat man mit dieser Form der Visualisierung die Möglichkeit, seine aktuelle Situation wert zu schätzen und als nicht selbstverständlich zu erkennen. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass wir in Deutschland leben, gesund sind, Familie haben, lesen und schreiben können usw. Allzu oft vergessen wir das. Diese Übung kultiviert eine gewisse Gelassenheit zu den Dingen.

    Gelassenheit und die Frage nach Kontrolle

    Die Bibel trifft an dieser Stelle den Nagel auf den Kopf und drückt den Kern der stoischen Gelassenheit aus.

    Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Auch wenn wir nicht verantwortlich für die Dinge sind, die uns passieren, sind wir verantwortlich dafür, wie wir darauf antworten und damit umgehen.

    Die letzte Freiheit des Menschen – seine Haltung in jeder Situation selbst zu wählen-Viktor Frankl

    Unsere wichtigste Entscheidung im Leben, nach Epiktet, ist, ob wir uns mit Dingen beschäftigen, die außerhalb von uns oder innerhalb von uns sind. Indem Epiktet uns diesen Rat anbietet, dreht er die normale Logik der Wunscherfüllung auf den Kopf. Wenn wir die meisten Leute fragen, wie sie glücklich werden können, werden sie sagen, dass sie hart dafür arbeiten müssen, um es zu bekommen.

    Wenn sie alles erreicht haben, dann werden sie endlich Frieden, Erfüllung und Glück finden. Aber wie Epiktet schon wusste, macht uns die hedonistische Anpassung einen Strich durch die Rechnung.
    Während die meisten Menschen versuchen, Zufriedenheit zu erlangen, indem sie die Welt um sie herum verändern, empfiehlt Epiktet uns, Zufriedenheit zu erlangen, indem wir uns ändern - genauer gesagt, indem wir unseren internen Locus der Kontrolle ändern. Und er steht nicht mit diesem Ratschlag. In der Tat ist es der Ratschlag, der von praktisch jedem Philosophen und religiösen Denker gegeben wird, der über das menschliche Verlangen und die Ursachen der menschlichen Unzufriedenheit reflektiert hat.

    Erlernte Hilflosigkeit: Wie du dir eine innere Festung aufbaust, die dich vor Verzweiflung schützt

    Sie stimmen überein, dass es einfacher ist deine eigenen Einstellungen zu kontrollieren als die Welt um dich zu verändern zu wollen. Wir werden unbesiegbar, wenn wir beginnen das zu lieben, was ist.

    Ehrgeiz bedeutet das Klammern deines Wohlbefindens an das, was andere Leute sagen oder tun. . . Vernunft bedeutet es an deine eigenen Handlungen zu binden. - Marcus Aurelius

    Übung zur Stärkung der Gelassenheit: Selbstgewählte Unbequemlichkeit

    Der berühmte und reiche Stoiker Seneca war ein großer Befürworter sich mehrfach freiwillig in unbequeme Situationen zu bringen. Er tat dies um zu erkennen, wie gut er es doch hat und dass die Dinge, mit denen wir so viel Zeit verschwenden und um die wir uns so sehr fürchten vollkommen belanglos sind.
    Während andere sich beklagen, wenn sie 2 Stunden nichts gegessen haben, lernt Seneca sich einfach zu freuen, dass es überhaupt essen gibt und ist einfach glücklich und dankbar, dass er am Leben ist. Er übt im Vorhinein mit den Dingen, die er fürchtet (z.B. Armut), umzugehen, indem er sich kleinen Dosen freiwillig einer gewissen Ungemütlichkeit aussetzt.

    Seneca schreibt:

    Leg ein paar Tage ein, an denen du, zufrieden mit ganz geringer und billiger Nahrung, mit harter und rauer Kleidung, dir sagen kannst:" Ist das der Zustand, den ich so sehr gefürchtet habe?" Gerade in der Sorgenlosigkeit bereite sich die Seele auf Schweres vor und stärke sich gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals. (...) Wer im Ernstfall nach deinem Willen nicht zittern soll, den musst du für den Ernstfall ausbilden.

    Das Ziel ist es sich mit immer steigenden Herausforderungen auf Schwierigkeiten vorzubereiten. Diese Dinge kannst du beispielsweise tun.

  • Frühstück auslassen und Intermittent fasting (hat zusätzlich noch gesundheitliche Vorteile
  • Abends ohne Jacke spazieren gehen
  • Kalt duschen (hat ebenfalls viele gesundheitliche Vorteile
  • Senecas Vorschlag: auf hartem Untergrund schlafen
  • Senecas Vorschlag: ein paar Tage nur günstige und monotone Nahrung zu sich führen- Reis und Bohnen

  • Die Konfrontation mit dem Unbequemen

    Konfrontation mit Angst

    Und die Konfrontation mit dem Unbequemen weist extrem interessante psychophysiologische Befunde auf. Es macht für dein Gehirn einen großen Unterschied, ob du die Angst freiwillig konfrontierst oder durch die Umstände dazu gezwungen wirst. Wenn ein gewisser Stress oder Reiz auf zwei verschiedene Gruppen von Menschen ausgeübt wird, während eine Gruppe den Stress freiwillig wählt und die andere Gruppe ohne ihr Einverständnis mit demselben Stress konfrontiert wird, gibt es große Unterschiede in der menschlichen Reaktion auf diesen Stress.

    Das Gehirn verwendet ein ganz unterschiedliches physiologisches System, um mit dem Reiz umgehen zu können. Wenn der Stress freiwillig gewählt wird, wird das System verwendet, das mit Herausforderung assoziiert ist und nicht das der defensiven Aggression und des Rückzugs- derselbe Reiz, aber trotzdem komplett verschiedene Reaktionen des Körpers. Wie du dir vorstellen kannst, ist das System, das mit Herausforderungen verbunden ist, auch mit deutlich mehr positiven Emotionen verknüpft.

    Die Macht der Perspektive

    Wir leben an dem einzigen Ort, der uns bekannt ist, an dem Leben entstehen kann. Wenn das kein Grund ist, einmal unserem eigenen Kopf heraus zu kommen und die größere Perspektive zu sehen, weiß ich es nicht. Selbst Carl Sagan, der selbst im Weltraum war und die Erde von oben gesehen hat, sagte:

    "Es wurde gesagt, dass die Astronomie eine charakterbildende Erfahrung ist, die uns bescheiden macht. Es gibt vielleicht keine bessere Demonstration der Verrücktheit der menschlichen Einfälle als dieses ferne Bild unserer kleinen Welt. Für mich unterstreicht es unsere Verantwortung, uns freundlicher zu behandeln und den blassblauen Punkt zu bewahren und zu pflegen, das einzige Zuhause, das wir je gesehen haben. "

    Wir leben auf dem blassblauen Punkt. Und es ist ein schöner Punkt. Wir müssen uns erinnern, dass die meisten Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, schon tot sind. Es gibt heute etwa 7 Milliarden Menschen auf der Erde und 115 Milliarden Menschen, die jemals in der Geschichte der Welt gelebt haben. Das bedeutet, dass 108 Milliarden Menschen tot sind. Die meisten Menschen haben bereits ihr Leben gelebt.

    Um es noch einmal in ein anderes Verhältnis zu stecken. Vierzehn von fünfzehn Leuten, die jemals gelebt haben, werden nie wieder Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen, nie wieder Schokolade essen oder einen Sonnenuntergang oder ein Championsleaguefinale sehen. Vierzehn von allen fünfzehn Menschen werden niemals wieder den Geruch des Nachbar-Grills riechen, die kalte Seite des Kissens an einem heißen Sommertag spüren oder die flackernden Kerzen eines Geburtstags-Kuchens in einer dunklen Küche, die mit Freunde und Familie gefüllt ist, ausblasen .

    Zu leben bedeutet, dass du die Lotterie schon gewonnen hast. Und du bist der eine aus den 15, der noch die Chance dazu hat. Diese Perspektive macht es schwierig in der Negativschleife zu bleiben.

    Hier ist eine Übung: Gehe auf ein altes Schlachtfeld oder einen Ort von historischer Bedeutung. Schaue dir die Statuen an und du wirst merken, wie viele Generationen schon vor uns hier waren und wie kurz unsere Zeit hier auf der evolutionären Skala ist. In diesen Momenten haben wir ein Gefühl der Unermeßlichkeit der Welt.

    Krankhafte Fokussierung auf sich selbst und damit auch die Negativschleife ist in solchen Momenten fast unmöglich. Der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson hat diese Dualität gut beschrieben - es ist möglich, sowohl unsere Bedeutung und unseren Wert als Mensch anzuerkennen aber auch uns gleichzeitig über die Irrelevanz klar zu werden, die wir und unsere Probleme im großen Bild spielen. Wie er sagt:

    "Wenn ich ins Universum nachschaue, weiß ich, dass ich klein bin, aber ich bin auch gleichzeitig groß. Ich bin groß, weil ich mit dem Universum verbunden bin und das Universum mit mir verbunden ist. "

    Sternentheraphie um die Perspektive der Gelassenheit zu entwickeln

    Sternentherapie

    Wenn in dir ein innerer Widerstand ist und du gegen irgendetwas ankämpfst, schau nach oben. Schau einfach für eine Minute in den Nachthimmel und erkenne, dass wir alle zur gleichen Zeit auf dem gleichen Planeten sind. Soweit wir sagen können, sind wir in unserer unmittelbaren Nähe der einzige Planet mit dem Leben. Wenn du anfängst die Sterne zu betrachten, erkennst, dass das Licht der Sterne und weißt, dass diese Sterne eigentlich gar nicht mehr existieren, wenn das Licht auf deine Rezeptoren trifft. Nur die Gewaltigkeit des Universums ist genug, um uns begeistern und alle unsere neurotischen Ängste in die richtige Perspektive zu rücken, sodass die "Probleme" klein wirken.

    Wie klein sieht die Erde neben Uranus, Neptun und Saturn und Jupiter aus? Wenn unsere Erde ein Golfball ist, sind die anderen Planeten Tennisbälle und Bowlingkugeln. Und wie groß ist die Sonne im Vergleich zu unserem Golfball? Es ist größer als ein Haus!
    Und es gibt Tausende von Sternen, genau wie unsere Sonne, die unsere Milchstraße füllt. Was ist eine Galaxie? Ein Klumpen von Sternen, Gas und Staub, der durch Schwerkraft zusammengehalten wird. Wir leben in einem dieser Klumpen und Wissenschaftler schätzen, dass es sechshunderttausend Sterne allein in unserer Galaxie gibt. Unsere Sonne ist nur einer von sechshunderttausend Sternen in unserer Galaxie. Aber es geht noch viel weiter.

    Das ist mein romantischer Umgang mit Problemen zur Kultivierung der Gelassenheit.

    Gelassenheit muss geübt werden

    Die Pareto-Regel oder auch 80/20- Regel ist dir vielleicht ein Begriff. Der Begriff „Regel“ hat mich lange die unglaubliche Macht dieses mathematischen Gesetztes unterschätzen lassen. Um den Hintergrund ein wenig zu erläutern: Der italienische Ökonom und Soziologe Wilfredo Pareto stellte im 19.Jahrhundert fest, dass es ein immer wiederkehrendes Muster gibt-die 80/20 Regel. Er stellte beispielsweise fest, dass 20 % der Weltbevölkerung 80 % des Vermögens besitzen oder dass 20 % der Kunden 80 % des Ertrags eines Unternehmens ausmachen. Umgekehrt stiften aber auch 20% der Kunden 80% der Unruhe. Du hast den Punkt vermutlich schon verstanden. Wie eben gesagt, ist das Pareto-Prinzip nicht nur eine Regel, sondern eine mathematische Formel, die sich durch sich selbst teilt:

    Paretogesetz

    Diese 80/20 Regel kannst du fast auf jeden Teil deines Lebens anwenden. Ich würde die 80/20-Regel auch auf die Kunst der Gelassenheit anwenden. Ich habe dir im Rahmen dieses Beitrags einen Einblick über bewährte, zum Teil wissenschaftlich validierte Strategien zur Erhöhung deiner Gelassenheit gegeben.
    Welche der Strategien du anwendest, ist erst einmal zweitrangig. Wenn dein spezieller Gelassenheits-Trick darin besteht, an einer belebten Straßenecke Teletubbies-Monologe zu rezitieren, wirst du davon profitieren, einfach weil du entschieden hast, dass die Erhöhung deiner Gelassenheitskompetenz eine Priorität in deinem Leben ist.
    Nimm dir die Zeit, um täglich an der Gewohnheit zu arbeiten. Denn auch Gelassenheit ist eine Gewohnheit. Und wenn du das schaffst, ist Gelassenheit wichtig genug für dich geworden, dass du schon ziemlich weit bist - vielleicht macht das nicht 80 Prozent aus, aber es ist wenigstens schon ein guter Start.

    Goethes Hilfestellung zur Gelassenheit in Faust 2

    Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.

    ,heißt es am Ende von Goethes Faust 2.

    Die Betonung liegt hier auf "können wir erlösen." Das heißt nicht, dass derjenige auf jeden Fall erlöst wird oder im übertragenen Sinne seine Ziele erreicht, der immer strebend sich bemüht.

    Das heißt nicht, dass der Erfolg garantiert ist, aber andererseits ist es trotzdem nur dem möglich seine Ziele zu erreichen, der immer strebend sich bemüht. Derjenige schafft alle möglichen Voraussetzungen dafür, dass die Ziele erreicht werden.

    Doch ob ein Ziel erreicht wird, hängt immer mindestens zu einem kleinen Teil vom Glück oder vom Zufall ab. Ein letztes unbestimmtes Element wird immer bleiben, auch wenn die idealen Grundsteine für glückliche Zufälle gelegt wurden.

    Es ist also, wie Kierkegaard sagt, notwendig den Sprung des Glaubens zu machen und immer strebend uns bemühen trotz der Ungewissheit. Wenn wir also stets strebend uns bemühen besser zu werden, können wir uns keine Vorwürfe machen und können lernen beides zu akzeptieren ganz egal ob wir das erreichen was wir wollen, oder nicht.

    1 Comment

    1. […] Der Wunsch, an jemanden gebunden zu sein, ist eine genetische Veranlagung, die wir alle in uns tragen. Auch wenn unsere zunehmend individualistische Gesellschaft intime Beziehungen weniger wertzuschätzen scheint, bringen diese viele Vorteile mit sich. In einer Beziehung zu sein, gibt uns eine stärkere emotionale Basis, auf der wir stehen können und macht uns somit widerstandsfähiger gegenüber Stress. […]

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