Carl Jung & der Puer aeternus : Warum fehlende Verantwortung zur emotionalen Unreife führt

Puer aeternus (1)

Bist du schon einmal auf einen Mensch gestoßen, der einen ansprechenden Charme und eine beinahe kindliche Spontanität und Kreativität hatte, aber emotional jung, naiv und nicht bereit dafür Verantwortung zu übernehmen, war. Vielleicht bist du auf den puer aeternus Archetyp gestoßen.

In der heutigen Zeit wird die Bewahrung der Kindlichkeit oft idealisiert und kulturell positiv hervorgehoben. Doch das war nicht immer der Fall. In vielen Denkschulen galt diese fehlende Bereitschaft erwachsen zu werden als Zeichen emotionaler Unreife.

Ein Beispiel dafür ist der so genannte puer aeternus. Der Puer aeternus (lateinisch für „ewiger Jüngling) ist ein Konzept aus der Mythologie. Es ist ein Kind-Gott, der für immer jung sein will. In dieser Podcastepisode wollen wir uns jedoch weniger auf den mythologischen Aspekt, sondern eher auf die psychologischen Implikationen fokussieren.

Der Puer aeternus in der Psychologie


Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung entwickelte im Rahmen seiner analytischen Psychologie den Archetypen des Puer aeternus.

In der Psychologie ist es eine ältere Person, deren emotionales Leben sich nicht über die Adoleszenz (die Jugendphase) hinaus entwickelt hat.

Das Kind (der puer aeternus) führt in der Regel ein Leben, in dem er sich nie wirklich für etwas entscheiden kann. Er hat Angst sich für eine Sache oder einen Menschen zu verpflichten, weil er glaubt, dass es dazu führt, dass er dann in einer Situation gefangen ist, der er nicht mehr entfliehen kann. Er begehrt Unabhängigkeit und Freiheit, lehnt Grenzen ab und neigt dazu, jede Einschränkung unerträglich zu finden.

Häufige Symptome der Puer-Psychologie sind Träume einer Gefangenschaft und ähnlicher Bilder: Ketten, Gitterstäbe, Käfige, Gefangenschaft, Knechtschaft. Das Leben selbst wird als Gefängnis erlebt.

„Am meisten fürchtet sich ein solcher Mann davor, an etwas gebunden zu sein, denn er ist auf einer ihm unbewußten Ebene an seine Mutter gebunden. Er hat schreckliche Angst davor, festgenagelt zu werden, vollständig in Raum und Zeit einzutreten und das menschliche Wesen zu sein, aus der es kein Entfliehen geben könnte. Deshalb ist jede momentane Situation die Hölle. Symbolisch drückt sich diese Ungebundenheit und Realitätsferne des Ewigen Jünglings im Fasziniertsein von gefährlichen Sportarten wie Drachenfliegen, Slacklining oder Bergsteigen aus: so hoch wie möglich möchte er kommen, also weg von der Mutter, von der Erde und vom gewöhnlichen Leben. „.- Marie Louise von Franz

Der Puer Aeternus sucht rastlos nach seinem Platz im Leben ohne sich bewusst zu sein, dass er ihn in sich selber suchen muss. Ewige Jünglinge suchen stets nach Ekstase und Erfüllung und gehen dabei teilweise recht extreme Wege.

Warum sollte jemand ein puer aeternus werden wollen?

Die verführerische Versprechung, die das Leben als puer aeternus macht, ist einleuchtend. Du musst keine Verantwortung übernehmen. Alle schwierigen Aufgaben werden dir abgenommen. Du musst dich nicht entscheiden und die Konsequenzen deiner Entscheidungen tragen. Der Puer aeternus will keine der Optionen aufgeben. Warum auch? Solange er sich nicht entscheidet, bleibt alles möglich- in seinem Kopf zumindest. Solange er sich nicht verpflichtet, gibt es buchstäblich ein Multiversum unendlicher Möglichkeiten.

Kannst du den Reiz dieses Lebenswegs sehen? In der Minute jedoch, in der du etwas wählst, brechen alle anderen Optionen (kurzfristig) und du findest dich stattdessen in der Wüste der Realität wieder.

Peter Pan Syndrom

der ewige Jüngling puer aeternus

Der puer aeternus ist längst in unserer Kultur gekommen. Eine neure Version dieses Phänomens wird Peter-Pan-Syndrom genannt. Dahinter verbirgt sich das pop-psychologische Konzept eines Erwachsenen, der sozial unreif ist. Die Kategorie ist eine informelle Kategorie, die von Laien und einigen Psychologen der populären Psychologie aufgeführt wird. Es ist nicht als psychische Störung anerkannt.

Der Psychologe Dan Kiley popularisierte das Peter-Pan-Syndrom in seinem 1983 erschienenen Buch Das Peter-Pan-Syndrom: Männer, die nie erwachsen geworden sind. Dennoch liefert die Geschichte des Peter Pans eine interessante Moral. Er muss am Ende nie Verantwortung übernehmen und bleibt ein Kind im Niemandsland. Doch auf der anderen Seite verpasst er aufgrund seiner Fokussierung darauf nie erwachsen werden zu wollen, die Möglichkeit eine echte, reife Beziehung zu einem echten Mädchen aufzubauen (Wendy) und muss ansehen, wie seine große Liebe erwachsen wird und Kinder bekommt, während er ein Kind bleibt.

Wie manifestieren sich die Eigenschaften des puer aeternus (des ewigen Jünglings) heutzutage?

Der Puer aeternus in der Berufswahl:

Zweifelst du deine eigenen Lebensentscheidungen an, wenn du siehst, wie deine Freunde ihren beruflichen Lebensweg gestalten? Selbstständig? Unternehmer? Reisen und ortsunabhängig arbeiten?

Gerade weil in der heutigen Zeit propagiert wird, dass jeder seinen Traumjob finden muss, in dem er sich selbst verwirklichen, ein 6-stelliges Jahresgehalt verdienen und nebenbei die Erde retten muss, ist die Berufswahl für viele junge Menschen ein Schmerzpunkt. Kein Beruf scheint der einzig wahre und richtig, wie für dich bestimmte Beruf zu sein? Auch wenn du einen sehr guten Beruf hättest, wäre der nächste Gedanke doch wieder: Gibt es noch etwas Besseres?

Der puer aeternus in zwischenmenschliche Beziehungen

Wir fürchten uns davor, etwas zu verpassen, nicht dabei zu sein, während unsere Freunde und Bekannten etwas vielleicht wirklich Bedeutsames erleben. Mit dieser Angst einhergehen auch die Selbstzweifel: Habe ich etwas falsch gemacht? Waren die Entscheidungen, die ich getroffen habe, wirklich richtig? Früher konnte man einige wenige Menschen in seinem Umfeld als Vergleichsbasis aufstellen. Heutzutage hat man Hunderte von Menschen auf seinen Freundeslisten und ist digital vernetzt.

Es wird nahezu gewetteifert, welcher Kontakt es schafft, seine Freunde mit der letzten Aktivität vor Neid erblassen zu lassen.

Der puer aeternus in intimen Beziehungen

Unerwiderte Liebe (1)
Diese Art von Männern kann Frauen verrückt machen, da sie normalerweise eine sehr attraktive Energie haben und Spaß bringen. Doch im Grunde sind sie nicht wirklich an einer reifen Beziehung zu einer Frau interessiert.
Nicht umsonst kursiert das Label Generation beziehungsunfähig. Wenn du per Knopfdruck über Datingapps wie Tinder Hunderte von potenziellen Partnern abrufen kannst: Warum sollte ich dann nicht nach etwas Besserem Ausschau halten? Ich könnte ja etwas verpassen. Das scheint zumindest der Gedankengang vieler zu sein.

Oft wird in der Frau oder der Partnerin von Seiten des puer aeternus dann das Bild der Mutter gesucht – das Bild der vollkommenen, fehlerlosen Frau, die dem Mann alles gibt. Der in seiner Mutter versunkene Mann sucht nach einer Göttin, und jedes Mal muß er in der Beziehung zu einer Frau entdecken, dass sie auch nur ein menschliches Wesen ist.

Nach dem ersten sexuellen Kontakt mit ihr verschwindet die ganze Faszination und er wendet sich enttäuscht ab, um sein Idealbild auf eine andere Frau zu projizieren. Er sehnt sich ständig nach der mütterlichen Frau, die ihn in ihre Arme schließt und alle seine Bedürfnisse befriedigt.

Der ewige Jüngling sucht sich zunächst vor allem Frauen, die er mit seinem Charme blenden kann, er will in seinem Narzissmus bewundert werden, unhinterfragt geliebt werden und sich nicht mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren. Er braucht Bestätigung als Mann, weil er unbewusst weiß, dass er keiner ist. Sobald er realisiert, dass auch diese Frau ihm keine Heimat sein kann, seinen Durst nach Liebe und Bestätigung nicht stillt – zieht er entweder weiter, oder sieht die Frau fortan als eine Bedrohung, die seine als Freiheit kaschierte Suche einschränken und ihn versklaven will.
Wenn die Suche nach Heimat nicht auf die Frauen projiziert wird, dann vielleicht in den Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Clubs, Organisationen und Sekten üben deshalb auf manche dieser Männer ebenso eine Anziehung aus, wie Gurus und andere Vaterfiguren.

Meine Meinung: Das bedeutet nicht, dass jeder monogam leben muss und den Lebensweg einer Ehe wählen muss, um glücklich zu sein. Doch zum Problem wird es, wenn man es will und aufgrund fehlender Bereitschaft erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen nicht kann.

Der puer aeternus ist nicht etwas, das überwunden werden muss

Der Jüngling ist Teil des Menschen – seine Spontanität, Risikobereitschaft, Kreativität, sein Idealismus und sein kindlicher Charme sollen nicht abgeschafft, sondern vielmehr in ein größeres Ganzes integriert werden. Das bereitet den Weg für eine echte Ttransformation seiner selbst, seines Lebens und seiner Beziehungen.

Wie alle Archetypen von C.G. Jung ist auch der Puer aeternus zweipolig und weist sowohl einen „positiven“ als auch einen „negativen“ Aspekt auf. Die „positive“ Seite des Puer aeternus erscheint in Form der Kreativität, dem Wachstumspotential und der Hoffnung für eine bessere Zukunft, die seiner jugendlichen und unbesonnenen Persönlichkeit entspringt.

Die „negative“ Seite ist das Kind, das sich weigert, erwachsen zu werden und sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Es wartet darauf, dass eine andere Person all seine Probleme löst.

Es heißt also nicht, dass jeder von uns, der sich seinen kindlichen Teil erhalten will zu einem Menschen vom Fließband in grauen Klamotten werden soll, der sich nicht den kindlichen Charme bewahrt hat und keine Freiheit und kein Abenteuer sucht. Auch das wäre pathologisch. Es geht darum beide Teile in seiner Persönlichkeit zu integrieren.

Verantwortung als Gegengift für das Leben als puer aeternus

Manche Autoren sind der Ansicht, die Heilung für den Puer liegt in einer Demütigung durch das Leben, im Erkennen des eigenen Verfalls und der eigenen Verfehlungen. Dass kann ich zwar aus eigener Erfahrung bestätigen, sehe es aber nicht als Heilung, sondern eher als Weckruf.

Die Heilung liegt in meinen Augen eher in radikaler Verantwortung. Verantwortung zu übernehmen erfordert Mut, denn die Person, die Verantwortung übernimmt, hat sehr wahrscheinlich Angst. Ganz natürlich ! Diese Angst wird sich in vielerlei Hinsicht manifestieren: Angst vor Scham, Angst vor Versagen, Angst vor Schmerzen.

Solche Ängste sind ganz natürlich und sind ein Beweis dafür, dass du dich für das Richtige anstatt für das Einfache bzw. Bequeme entschieden hast. Jede würdige Herausforderung wird Angst hervorrufen.

Während Angst oft dein Freund sein kann, sind Ausreden fast immer dein Feind. Angesichts einer Wahl zwischen harter Aktion und leichten Entschuldigungen, wählen die Menschen oft die Ausrede. Du weißt das. Ich weiß das.

Eine Entschuldigung und Ausrede beginnt als Schutzmaßnahme. Es schützt uns vor Schmerzen, rettet unseren Stolz, hält unser Ego auf dem gleichen Level und erlaubt uns, die brutale Wahrheit zu verdecken. Das fühlt sich anfangs wie eine Erleichterung an.

Das Problem daran Ausreden zu finden und die Verantwortung abzugeben, ist, dass wir damit gleichzeitig unsere Kontrolle abgeben. Wenn wir anderen Menschen, den Umständen oder dem bösen Schicksal die Schuld geben, geben wir diesen Dingen gleichzeitig die Kontrolle.

Wenn wir diese Geschichte glauben, werden wir zum Sklaven der äußeren Umstände, weil angeblich nichts mehr im Feld unser Kontrolle liegt.

Sobald wir aber sagen: „Ich bin verantwortlich für. . . “ übernehmen wir nicht nur die Kontrolle für die Situation, sondern auch über unser Leben. Nur Probleme, denen wir uns annehmen und deren Existenz wir akzeptieren, können wir lösen.

Warum nur volle Verantwortung dir maximale Freiheit gibt- Jocko Willink -Extreme Ownership

Abschließende Worte

Vielleicht wirst du dich jetzt fragen, warum ich eine Podcastepisode über ein solches Randthema der Psychologie mache? Der Grund ist einfach. In der aktuellen Zeit sieht man zunehmend, dass sich die meisten (vor allem junge und kreative) Menschen nicht entscheiden können- weder in Bezug auf ihre Beziehungen noch in Bezug auf ihre Berufswahl noch in Bezug auf was ihnen wirklich wichtig ist.

Viele werden einwenden, dass der Archetyp des ewigen Jünglings ein Konzept aus der Psychotherapie ist und damit irrelevant ist. Es stimmt. Die wenigsten werden exakt in dieses Bild passen. Diejenigen, die wegen dieser Persönlichkeitsstörung in die die Therapie gehen, machen einen sehr geringen Teil aus.
Vielleicht wohnt dieser Archetyp des puer aeternus jedoch jedem von uns zu einem gewissen Teil inne. Ich sehe diese Tendenzen definitiv von Zeit zu Zeit in mir selbst.

Reflexionsfrage: Vielleicht gibt es auch in deinem Leben einen Bereich, in dem du dir vorspielst deine Freiheit bewahren zu wollen, während du in Wahrheit nur die Verantwortung von dir wegschiebst, um nicht „erwachsen werden zu müssen“ und die Bürde der Entscheidung nicht tragen zu müssen.

Der Preis, den du dafür in diesem Lebensbereich zahlst, ist eine ausbleibende Entwicklung, die den kindlichen Zustand nicht überschreitet. So bleibt dein Leben nicht mehr als eine kindliche Traumwelt.

Weiterführende Literatur zu dem Bild des Puer Aeternus

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