Selbstkontrolle lernen und trainieren – So befreist du dich vom impulsiven Handeln

Selbstkontrolle lernen (1)

Selbstkontrolle oder vielmehr fehlende Selbstkontrolle ist für viele Menschen ein drängendes Problem in ihrem Leben. Impulsives Handeln sorgt dafür, dass viele Menschen einen Menschen verletzen, den wir lieben, wichtige Aufgaben vernachlässigen, unkontrolliert essen, Drogen missbrauchen und andere destruktive Verhaltensweisen an den Tag legen.

Doch warum verlässt uns Selbstkontrolle in diesen Momenten? Und die wichtigere Frage: Wie können wir dafür sorgen, dass wir gerade in diesen impulsiven Momenten Selbstkontrolle als Waffe gegen voreilige, dumme Handlungen zur Verfügung haben?

Das Phänomen der Selbstkontrolle erklärt- die zwei Systeme im Gehirn

Oft hängt das menschliche Denken von Metaphern ab. Wir verstehen neue oder komplexe Dinge in Bezug auf Dinge, die wir bereits wissen. Zum Beispiel ist es schwer über das Leben im Allgemeinen nachzudenken, aber sobald wir die Metapher „das Leben als Reise“ anwenden, führt uns die Metapher zu folgenden Schlüssen: Wir sollten das Gelände kennen, wir sollten die Richtung kennen, wir sollten gute Reisegefährten finden und schließlich die Reise genießen.
Auch in Bezug auf das Verhältnis von unseren Emotionen zu unserem Denken, gibt es uralte Metaphern, die die beiden Seiten des menschlichen Verstandes ziemlich gut beschreiben. Es ist die Metapher des Reiters und des Elefants. Sowohl Freud als auch Platon sowie der Buddha benutzten ähnliche Metaphern, um den Zustand des menschlichen Verstandes zu beschreiben.

Elefant Reiter

Diese Metapher ist im Rahmen der psychologischen Literatur mittlerweile fest verankert. Dies ist vor allem der Arbeit von Daniel Kahneman zuzuschreiben.
Kahneman unterscheidet zwischen zwei Systemen des Denkens. System 1 ist schnell, intuitiv und emotional und System 2 ist langsamer, reflektierter und logischer. Das schnelle Denken hat einen größeren und durchdringenderen Einfluss durch seine intuitiven Eindrücke auf unsere Gedanken und unser Verhalten. Deshalb sollten wir uns bewusst sein, dass unsere Entscheidungen eher emotional als rational sind. Das Zusammenspiel der beiden Systeme bestimmt unsere Denkweise, die Urteile und Entscheidungen, die wir fällen und damit auch unser Handeln. Und wer könnte nicht daran interessiert sein das Handeln zu optimieren und weisere Entscheidungen zu treffen?

Man kann unseren Verstand also mit einem wilden Elefanten vergleichen, den ein vernünftiger Reiter auf seinem Rücken lenken will. Der Reiter beschließt zwar vielleicht, dass wir ab sofort mehr Sport machen müssen, aber der Elefant trampelt einfach am Fitnessstudio vorbei ins nächste Fastfood-Restaurant.
Die zwei Teile unseres Verstandes befinden sich in einer Art Kampf miteinander. Daher können wir nicht immer den einen Teil dazu bringen, das zu tun, was der andere gerne hätte. Ein Beispiel dafür ist unser Herzschlag. Er ist so schnell, wie der innere Elefant es für richtig hält, nicht so schnell wie es der vernünftige Reiter gerne möchte.

Diesen Wettstreit der zwei Hälften reflektiert auch die Struktur unseres Gehirns: Ältere Teile (wie das limbische System) kontrollieren ursprüngliche Instinkte wie Hunger oder Sexualität, während neuere Bereiche (wie der Neokortex) für die Vernunft zuständig sind. Doch leider gewinnt häufig der irrationale, impulsive Teil in uns und nicht die Selbstkontrolle.

Ob du also dem Verlangen erliegst oder Selbstkontrolle ausüben kannst, hängt von zwei unterschiedlichen Systemen in deinem Körper ab: Das eine lässt dich instinktiv auf äußere Stimuli reagieren, das andere lässt dich dein Verhalten bewusster steuern.

Das Versagen der Selbstkontrolle

Stell dir vor, es ist 1970 und du bist ein vierjähriges Kind in einem Experiment, das von Walter Mischel an der Stanford University durchgeführt wird. Du wirst in ein Zimmer in deiner Vorschule gebracht, wo ein netter Mann dir Spielzeug gibt und eine Weile mit dir spielt. Dann fragt dich der Mann zuerst, ob du Marshmallows magst. Du bist vier. Natürlich tust du das.

Und dann fragt er, ob du lieber diesen Teller hier mit einem Marshmallow oder diesen Teller mit zwei Marshmallows haben willst. Dann sagt der Mann, dass er für eine Weile aus dem Zimmer gehen muss, und wenn du warten kannst, bis er zurück ist, kannst du die zwei Marshmallows haben. Wenn du nicht warten willst, kannst du diese Glocke hier läutet und er kommt gleich zurück und gibt dir den Teller mit dem einen. Aber wenn du das tust, kannst du die zwei Marshmallows nicht haben. Der Mann geht.

Du starrst auf die Marshmallows. Du willst sie. Du kämpfst gegen deinen Impuls. Wenn du wie die meisten Vierjährigen bist, kannst du nur für ein paar Minuten durchhalten. Du klingelst.

marshmallow studie Walter Mitschel

Jetzt geht es weiter bis in Jahr 1985. Mischel hat deinen Eltern einen Fragebogen geschickt, in dem sie gebeten werden, über deine Persönlichkeit, deine Fähigkeit, direkte Befriedigung zu verzögern und mit Frustration umzugehen, und über deine Leistungen bei den Aufnahmeprüfungen zu berichten (Scholastic Aptitude Test). Deine Eltern geben den Fragebogen zurück. Mischel entdeckt, dass die Anzahl der Personen, die 1970 gewartet haben, nicht nur vorhersagt, was deine Eltern über dich als Teenager sagen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit voraussagt, dass du an einer Top-Universität zugelassen wirst.

Kinder, die in der Lage waren, Selbstkontrolle auszuüben und die Befriedigung für ein paar zusätzliche Minuten zu verzögern, konnten der Versuchung als Teenager besser widerstehen, sich auf ihre Studien zu konzentrieren und sich selbst zu kontrollieren, wenn die Dinge nicht so liefen, wie sie wollten.
Dieser Test über Selbstkontrolle scheint auf den ersten Blick sehr simpel, aber seine Folgestudien lieferten jedoch wertvolle Erkenntnisse zur menschlichen Selbstkontrolle.

Sie erklären, wie sich unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle bereits im Kindesalter entwickelt, warum sie so wichtig für unser gesamtes weiteres Leben ist, und wie du sie selbst trainieren kannst.

Gewissenhaftigkeit, die eng mit der Fähigkeit zur Selbstkontrolle zusammenhängt, ist neben IQ der zweitgrößte Indikator für Erfolg im Leben.

Ist Selbstkontrolle unbegrenzt?

Kognitiv wissen wir es alle: Wir sollten regelmäßig zum Sport gehen und uns nicht regelmäßig vom Smartphone beim Lernen ablenken lassen.
Doch Allgemeinwissen ist nicht immer die Allgemeinpraxis. Warum scheitern wir also häufig, obwohl wir wissen, was wir zu tun haben? Die Antwort ist: Wir verlassen uns auf unsere Willenskraft. Das Problem daran ist, dass Willenskraft immer begrenzt ist. Mit jeder Nutzung dieser schwindet diese.

Unser Gehirn ist faul- sehr faul- und versucht, wo auch immer es kann, Energie zu sparen.
Für jede ungewohnte Tätigkeit, die wir noch nie gemacht haben, muss das Gehirn hochkonzentriert sein und braucht daher viel mehr Energie und Willenskraft. Das bedeutet: Je mehr du deine wertvolle Willenskraft anzapfst, desto weniger Willenskraft bleibt dir zur freien Verfügung für wichtige Dinge.

Das ist auch ein Grund, warum wir die meisten irrationalen Entscheidungen, die wir später bereuen, abends bzw. nachts treffen. Unsere Willenskraft ist aufgebraucht und wir durchdenken unsere Pläne nicht mehr im Detail. Vielleicht ist es aber auch nur bei mir so.
Kurz gesagt: Unsere Batterie der Willenskraft ist leer!

Experiment zur Willenskraft- darum brauchen wir Gewohnheiten

Eine Studie von Baumeister zeigt, wie leicht es ist, unsere Willenskraft zu schwächen.
Die eigentliche Untersuchung wurde als Geschmackstest getarnt und die Teilnehmer sollten mit leerem Magen erscheinen. Auf dem Tisch im Versuchsraum stand sowohl eine Schale mit Radieschen als auch eine Schale mit duftenden Keksen.

Nur einem Drittel der Teilnehmer wurde es gestattet die dampfenden Kekse zu essen, während ein weiteres Drittel lediglich die Radieschen verputzen durfte. Das übrige Drittel der Teilnehmer diente als Kontrollgruppe.

Das unlösbare Rätsel und die Rolle der Willenskraft

Anschließend wurden die getesteten Personen in einen weiteren Raum geführt, wo sie ein Rätsel lösen sollten. Die Gemeinheit: Das Rätsel war unlösbar, weshalb die Teilnehmer zwangsläufig irgendwann aufgaben.

Die Forscher stellten ja nach Gruppe jedoch einen großen Unterschied in der durchschnittlichen Versuchszeit fest. Woran lag das?
Wirklich bemerkenswert war folgende Beobachtung:

Die Probanden der Keksfraktion hielten durchschnittlich 19 Minuten durch. Doch die Teilnehmer der Radieschen-Gruppe, denen der Genuss der Kekse verwehrt blieb, gaben schon nach durchschnittlich 8 Minuten auf.

Roy Baumeister Studie

Fazit

Die Theorie, dass mentale Anstrengung unsere Willenskraft negativ beeinflussen kann, wird Selbsterschöpfung (Ego Depletion) genannt:
Wenn Baumeister mit seiner Theorie Recht hat, dann ist unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle beschränkt. Sie ist abhängig davon, in wieweit unsere mentale Energie zum jeweiligen Zeitpunkt aufgebraucht ist.

Wenn unsere Willenskraft einmal erschöpft ist, weil wir aktiv einer Versuchung widerstehen mussten, dann fehlt diese Selbstkontrolle an anderer Stelle.

Die Liste der Situationen und Aufgaben, die bekanntermaßen die Selbstkontrolle erschöpfen, ist lang und vielfältig. Bei allen geht es um Konflikte und die Notwendigkeit, eine natürliche Neigung zu unterdrücken. – Nobelpreisgewinner Daniel Kahneman

Hilft das richtige Mindset in Bezug auf Selbstkontrolle?


Ja! Genetik spielt in Bezug auf deine Selbstkontrolle eine nicht unerhebliche Rolle. Nicht jeder wird mit den gleichen Voraussetzungen geboren. Aber auch dein Mindset, wie Carol Dweck es nennt, spielt eine bedeutende Rolle.

Carol Dweck von der Stanford University hat sich zu einer der eindringlichsten und effektivsten modernen Stimmen in der Psychologie zum Thema wahrgenommene Kontrolle entwickelt. Ihre Arbeit, zusammengefasst in ihrem Buch Mindset von 2006, zeigt, wie sehr die persönlichen Theorien der Menschen darüber, wie viel sie kontrollieren, verändern und lernen können - und wie sehr sie verbessern können, was sie tun, erleben und aus sich selbst machen - beeinflussen, was sie tatsächlich erreichen und werden können.

Dweck und ihre Kollegen zeigen, dass diese persönlichen Theorien über die Formbarkeit versus den festen Zustand der eigenen Eigenschaften sehr wichtig sind, sei es in Bezug auf Selbstkontrolle und Willenskraft oder Persönlichkeit. Diese Theorien verändern, wie wir unsere Leistung bewerten, wie wir uns selbst und andere Menschen beurteilen und wie die soziale Welt ihrerseits auf uns reagiert.

Carol Dweck unterscheidet in ihrem Buch Mindset zwischen zwei fundamentalen Einstellungen: dem dynamischen Selbstbild und dem statischen Selbstbild.

1) Es ist es suboptimal und schadet dir deine Fähigkeiten und Kenntnisse für begrenzt zu halten und zu glauben, dass an diesen nichts zu rütteln sei- egal, wie sehr du dich anstrengst. Das nennt Dweck: Das statische Selbstbild ( fixed mindset ).

2) Dagegen ist es gut zu denken, dass deine Fähigkeiten nicht in Stein gemeißelt sind und du durch Anstrengung und harte Arbeit ungeahnte Potenziale erreichen kannst. => Das dynamische Selbstbild ( Growth mindset).

Da unsere Denkweise großen Einfluss auf unsere Leistung hat, lohnt es sich, beide näher zu betrachten.
Vielleicht hast du das Zitat: "Harte Arbeit schlägt Talent, wenn Talent nicht hart arbeitet." schon einmal gehört. Menschen mit einem statischen Selbstbild haben eine andere Sichtweise. In ihrer Welt ist Talent Trumpf.

Kann man das Mindset ändern oder ist es ein fester Bestandteil?

Gute Nachrichten! Laut Dr. Dweck's Forschungen kann man das! Allein durch das Wissen über die verschiedenen Mindsets kannst du beginnen anders zu handeln. Du ertappst dich plötzlich in Situationen, in denen du früher das Handtuch geschmissen hättest und wechselst in das dynamische Selbstbild. Plötzlich hinterfragst du, wie du das Segel selbst in die Hand nehmen kannst und an einer schwierigen Situation wachsen kannst. Du fliehst nicht mehr vor ihr.

Niemand lacht über Babies, dass sie dumm sind, weil sie nicht laufen und reden können. Sie haben es einfach noch nicht gelernt. Das ist auch der Grund, warum Kinder so schnell lernen. Sie werden nicht davon zurückgehalten Fehler zu machen und lieben es zu lernen. Auch Erwachsene können das!
Wandel ist nie so einfach, wie wir denken, aber alle mit denen du gesprochen hast, werden dir sagen, dass es das wert war. Die Menschen, die in bestimmten Bereichen eine große Veränderung durchgeführt haben, werden berichten, dass sie Dinge fühlen, die sie nie gefühlt haben und Dinge denken, die sie nie gedacht haben. Und das Ganze passiert durch ein kleines Umdenken in unseren Köpfen.

Wandel passiert im Leben immer von innen nach außen! Wird ein dynamisches Selbstbild auf einen Schlag dein Leben vom einen auf den anderen Tag um 360° drehen? Vermutlich nicht. Aber es wird dir ein erfüllteres, glücklicheres und lebendigeres Leben als je zuvor.

Das Vertrauen in dein Mindset, dass Selbstkontrolle unerschöpflich ist und du nicht nur ein von Impulsen geleitetes Wesen, sondern ein freier Akteur bist, der jederzeit „Nein“ zur Versuchung sagen kann, lässt dich tatsächlich mit mehr Selbstkontrolle agieren.

Selbstbild ( Carol Dweck ) – Zusammenfassung

Die wichtigsten Fakten zur Selbstkontrolle zusammengefasst

• Einige Menschen sind besser als andere in ihrer Fähigkeit zur Selbstkontrolle, Versuchungen zu widerstehen und schmerzhafte Emotionen zu regulieren.

• Noch überraschender ist, dass diese Unterschiede bereits in den Vorschuljahren sichtbar werden, für die meisten, aber nicht für alle Menschen stabil sind und im Laufe des Lebens sehr konsequente psychologische und biologische Ergebnisse vorhersagen.

• Der traditionelle Glaube, dass Selbstkontrolle eine ausschließlich angeborene Eigenschaft ist, von der man entweder viel hat oder nicht (aber nicht viel dagegen tun kann), ist falsch.

• Wir müssen nicht die Opfer unserer sozialen und biologischen Geschichte sein, wenn wir bereit sind, Selbstkontrolle zu trainieren.

• Selbstbeherrschung bedeutet mehr als Entschlossenheit; sie erfordert Strategien und Einsichten sowie Ziele und Motivation, um die Entwicklung von Willenskraft zu erleichtern und Ausdauer zu fördern, die sich lohnt.

Selbstkontrolle trainieren

Selbstkontrolle trainieren

Doch viel wichtiger als diese deskriptiven Beschreibungen über die Selbstkontrolle sind die Strategien, die uns im Alltag helfen können, mehr Selbstkontrolle zu erlangen.

Strategie #1 für mehr Selbstkontrolle: Denk an deine Zukunft

Du kannst dich in Selbstkontrolle üben, indem du den Fokus nicht auf dich setzt, sondern auf deine Zukunft. Die Konzentration auf das "Jetzt" und die unmittelbare, kurzfristige Wirkung ("Es wird sich gut anfühlen") hatte natürlich den gegenteiligen Effekt, der die Selbstkontrolle unmöglich machte.

Das Geheimnis hinter einer starken Selbstkontrolle liegt nämlich darin, eine so genannte psychologische Distanz zwischen dir und deinem Verhalten zu schaffen. Wenn du das nächste Mal zum Beispiel das Verlangen nach einer Zigarette verspürst, konzentriere dich nicht auf den schnellen Nikotinkick im Hier und Jetzt. Stelle dir stattdessen vor, wie dir ein Arzt in einer nicht näher bestimmten Zukunft die Lungenkrebs-Diagnose stellt.

So bringst du eine Distanz zwischen dich und dein kurzsichtiges Bedürfnis, kannst abstrakter denken und dein rationales System 2 aktivieren. Besonders effektiv ist das so genannte future authoring, das du in folgendem Beitrag kennenlernen kannst.

Langfristige und intrinsische Motivation finden? So wirst du nicht mehr länger deiner Motivationslosigkeit unterworfen sein!

Strategie #2 für mehr Selbstkontrolle: Wenn dann- Regeln

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, mit den Wenn-Dann-Plänen Selbstkontrolle zu trainieren. Wenn es dir gelingt, diese Kausalitäten wie Regeln in deinen Alltag zu integrieren – also z.B. sofort nach dem Aufstehen 10 Minuten zu meditieren , wenn dein Wecker morgens klingelt- wirst du sehen, wie aus anfangs lästigen Aufgaben irgendwann lässige Routinen werden.

Finde heraus, in welchen spezifischen Momenten du ein bisschen mehr Selbstkontrolle gebrauchen könntest. Wenn du immer von einer bestimmten Situation getriggert wirst, dann kannst du für diese Situation einen Wenn-Dann-Plan aufzuschreiben:

Wenn er das nächste Mal den Müll vergisst, dann zähle ich leise bis zehn und erinnere ihn dann mit ruhiger Stimme daran, was wir vereinbart hatten.

Du kannst diese Strategie genauso auf dich anwenden:

Wenn ich das nächste Mal davor stehe eine ganze Tafel Schokolade zu essen, unterbreche ich das voreilige Muster des Verlangens und laufe zum Beispiel einmal die Treppe hoch und runter und schreibe dann einen Grund auf, warum ich es nicht tun sollte.

So wird es dir möglich sein das Verlangen rationaler zu betrachten und bestimmt NEIN zu sagen.

Strategie #3 für mehr Selbstkontrolle: Kognitive Umstrukturierung

Kognitive Umstrukturierung (1)

Zwanzig Jahre später musste auch Walter Mitchel (der Forscher des Marshmallow Tests) seinen eigenen Kampf mit der Selbstkontrolle schlagen.
Ein schrecklicher juckender Ausschlag war an beiden seiner Ellenbogen ausgebrochen, so schmerzhaft, als hätte er sie in Säure getaucht. Nach einem Jahr der Qual fand er einen bekannten Dermatologen, der ihm erklärte, dass sein Problem eine Variante der Zöliakie sei.

Das Rezept, das er ihm gab, würde helfen und er müsste es auf unbestimmte Zeit einnehmen. Er warnte davor, dass häufige Bluttests erforderlich seien, um die möglicherweise schwerwiegenden Nebenwirkungen des Medikaments zu überwachen. Es verbesserte sich bald, aber eine mildere Version des Ausschlags blieb bestehen.

Nach vielen Monaten erfuhr er, dass, während wenig über Zöliakie zu der Zeit bekannt war, es an einer Autoimmunreaktion zum Gluten lag, enthalten im Weizen, in der Gerste und im Roggen. Eine glutenfreie Ernährung war die einzige Heilung. Obwohl das Medikament, das ihm sein Arzt verabreicht hat, die Symptome lindern konnte, würde es die langfristigen destruktiven Auswirkungen der Krankheit nicht verhindern.

Er fragte seinen Dermatologen, warum er ihm nicht gesagt hatte, dass er sich glutenfrei ernähren sollte. Niemand hat die Selbstkontrolle, die benötigt wird, um bei einer Gluten-freie Diät in einer Gluten-gefüllten Welt zu bleiben, sagte er.

Ein Vierteljahrhundert später stellt sich heraus, dass bei sehr vielen Menschen auf der ganzen Welt Zöliakie diagnostiziert wird - und viele von ihnen bleiben bei einer glutenfreien Diät. Leute sind in der Lage, dies zu tun, nicht weil sie an der Selbstkontrolle außergewöhnlich gut sind, aber weil die Nachrichten, dass Gluten für sie giftig ist, Gluten in einen ganz anderen Rahmen sehen lässt.

Früher unwiderstehliche Versuchungen, wie Schokoladenkuchen, französische Baguettes und Pasta, sind plötzlich zu ihrem Gift geworden.
Die Tatsache, dass die Folgen des Glutens in der Regel schnell, sicher und schmerzhaft auf diejenigen mit Zöliakie zukommen, macht die kognitive Umstrukturierung natürlich viel einfacher.

Für Verhaltensweisen wie Verzicht auf Tabak, Diäten, Kontrolle des eigenen Temperaments oder das Sparen des eigenen Einkommens für den Ruhestand, anstatt es auszugeben, ist die kognitive Umstrukturierung auch eine geeignete Strategie. Da diese jedoch sehr abstrakt im Gegensatz zu einem schmerzhaften brennenden Juckreiz oder Magen-Darm-Beschwerden sind, müssen diese lebhafter visualisiert werden.

Es ist schwer guten Gewissens eine Zigarette zu rauchen, wenn du dir vorstellst, dass deine 4- jährige, weinende Tochter niemals den Moment erleben wird, in dem du, ihr Vater, sie zum Altar begleitest, weil du bereits an Lungenkrebs gestorben bist.

Ja! Diese Vorstellung ist grausam. Dennoch kann eine derartig stark aufgeladene negative Assoziation hilfreich sein, wenn du Suchtkreisläufe unterbrechen willst und Selbstkontrolle aufbauen willst.

Kognitive Umstrukturierung: Wie du lernst nicht länger selbst sabotierenden Gedanken unterworfen zu sein

Strategie #4 für mehr Selbstkontrolle: Herauszoomen

Sternentherapie

Die besten Pläne der Selbstkontrolle werden negative Emotionen, wie Wut, Angst, Ablehnung und Schmerzen, die unvermeidliche Teile des Lebens sind, nicht verhindern. Um aus dieser Falle herauszukommen, kann es helfen, den gewohnten, selbst eingetauchten Blick auf uns selbst und die Welt vorübergehend aufzuheben.

Dieser Perspektivwechsel verändert die Einschätzung und das Verständnis der Erfahrung. Indem wir unsere psychologische Distanz zum Ereignis vergrößern, reduzieren wir Stress, kühlen das impulsive System 1 ab und können den präfrontalen Kortex nutzen, um das Geschehene neu zu bewerten.
Es ist schwierig in der Negativschleife zu bleiben, wenn wir einmal herauszoomen. Die richtige Perspektive lässt unsere Probleme beinahe schon winzig klein erscheinen und sorgt dafür, dass die Negativschleife sich auflöst. Manchmal ist es nämlich eine Art von Myopie oder Ichologie, die dafür sorgt, dass wir uns selbst schaden.

Starker Fokus auf uns selbst sorgt dafür, dass wir glauben, dass wir das Zentrum des Universums sind. Es gibt eine Welt jenseits unserer eigenen persönlichen Erfahrung, die mit Leuten gefüllt sind, die durch viel schlimmere Dinge gegangen sind und trotzdem unglaublich lebensbejahend sind. Wir sind nicht besonders oder einzigartig in dem Sinne, dass nur wir negativen Emotionen ausgesetzt sind.

Wir leben an dem einzigen Ort, der uns bekannt ist, an dem Leben entstehen kann. Wenn das kein Grund ist, einmal unserem eigenen Kopf heraus zu kommen und die größere Perspektive zu sehen, weiß ich es nicht. Selbst Carl Sagan, der selbst im Weltraum war und die Erde von oben gesehen hat, sagte:

"Es wurde gesagt, dass die Astronomie eine charakterbildende Erfahrung ist, die uns bescheiden macht. Es gibt vielleicht keine bessere Demonstration der Verrücktheit der menschlichen Einfälle als dieses ferne Bild unserer kleinen Welt. Für mich unterstreicht es unsere Verantwortung, uns freundlicher zu behandeln und den blassblauen Punkt zu bewahren und zu pflegen, das einzige Zuhause, das wir je gesehen haben. "

Wir leben auf dem blassblauen Punkt. Und es ist ein schöner Punkt. Wir müssen uns erinnern, dass die meisten Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, schon tot sind. Es gibt heute etwa 7 Milliarden Menschen auf der Erde und 115 Milliarden Menschen, die jemals in der Geschichte der Welt gelebt haben. Das bedeutet, dass 108 Milliarden Menschen tot sind. Die meisten Menschen haben bereits ihr Leben gelebt.

Um es noch einmal in ein anderes Verhältnis zu stecken. Vierzehn von fünfzehn Leuten, die jemals gelebt haben, werden nie wieder Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen, nie wieder Schokolade essen oder einen Sonnenuntergang oder ein Championsleaguefinale sehen. Vierzehn von allen fünfzehn Menschen werden niemals wieder den Geruch des Nachbar-Grills riechen, die kalte Seite des Kissens an einem heißen Sommertag spüren oder die flackernden Kerzen eines Geburtstags-Kuchens in einer dunklen Küche, die mit Freunde und Familie gefüllt ist, ausblasen.

Zu leben bedeutet, dass du die Lotterie schon gewonnen hast. Und du bist der eine aus den 15, der noch die Chance dazu hat. Diese Perspektive macht es schwierig in der Negativschleife zu bleiben.

Hier ist eine Übung: Gehe auf ein altes Schlachtfeld oder einen Ort von historischer Bedeutung. Schaue dir die Statuen an und du wirst merken, wie viele Generationen schon vor uns hier waren und wie kurz unsere Zeit hier auf der evolutionären Skala ist. In diesen Momenten haben wir ein Gefühl der Unermeßlichkeit der Welt.

Krankhafte Fokussierung auf sich selbst und damit auch die Negativschleife ist in solchen Momenten fast unmöglich. Der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson hat diese Dualität gut beschrieben - es ist möglich, sowohl unsere Bedeutung und unseren Wert als Mensch anzuerkennen aber auch uns gleichzeitig über die Irrelevanz klar zu werden, die wir und unsere Probleme im großen Bild spielen. Wie er sagt:

"Wenn ich ins Universum nachschaue, weiß ich, dass ich klein bin, aber ich bin auch gleichzeitig groß. Ich bin groß, weil ich mit dem Universum verbunden bin und das Universum mit mir verbunden ist. "

Weitere Bücher um das Phänomen der Selbstkontrolle zu verstehen

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